Musiker, Poet, Geschichtenerzähler: Wolfgang Niedecken ist all das und mehr. Er ist eine der guten Seelen Kölns, dessen Erinnerungen das kollektive Gedächtnis einer ganzen Stadt prägen. Selten wurde dies deutlicher als an seinem 75. Geburtstag, den der BAP-Frontmann nicht etwa im Kreis seiner Familie, sondern stilecht mit einem Konzert in der ausverkauften Philharmonie feierte. Im Rahmen seiner „Zwischen Start und Ziel“-Tour beleuchtete er die Genese so mancher Klassiker, die – abgesehen von der ein oder anderen künstlerischen Verfremdung – einen starken biographischen Charakter haben. Nur begleitet von Mike Herting blickte Niedecken auf Szenen aus seinem Leben zurück, die sich irgendwie in sein Gedächtnis eingebrannt haben und die so manches Lied in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen.
Die besten Geschichten erzählt das Leben. Vor allem, wenn man Kinder hat. Und einen besten Freund namens Heiko. Und einen kleinen, einen winzigkleinen Teufel auf der Schulter, der ab und zu den inneren Dämon entfesselt. Im Falle des Comedians Jan van Weyde heißt dieser Tobi. Tobi kann alles besser, weiß alles besser und spricht mit einer Stimme, in die man reinschlagen möchte. Außerdem ist Tobi der beste Freund von van Weydes kleiner Tochter, die gerade so eine Phase durchmacht, genau so eine, wie man die mit sechs Jahren eben hat; Eltern werden wissen, was gemeint ist. Und damit wäre der inhaltliche Rahmen des dritten Solo-Programms van Weydes skizziert, das er jetzt unmittelbar nach der Premiere an gleich zwei Tagen im Haus der Springmaus präsentiert. Es geht um die Familie, um große und um kleine Dramen, um mehr oder weniger peinliche Kneipentouren – und vor allem um zwei unglaublich unterhaltsame Stunden.
Auf den ersten Blick könnten die Bilder kaum unterschiedlicher sein: Hier weitgehend leere Plätze und ein geordneter Verkehr, dort hin und her wuselnde Fußgänger und absolutes Chaos auf den Straßen. Dazwischen liegen 8000 Kilometer und eine ganz andere Wahrnehmung des öffentlichen Raums. Genau diese stellt das Fringe Ensemble in der neuen Produktion „Raum : Raah“ gegenüber, die in Kooperation mit der indischen Theatertruppe Kaivalya Plays entstanden ist und die der verschlafenen Bundesstadt Bonn die pulsierende Metropole New Delhi gegenüberstellt. Es geht um unterschiedliche Beziehungen zu urbanen Räumen, zu Hektik und Enge und Lärm und Ruhe, aber auch um jene, die unsichtbar sind, die Ausgegrenzten und Verlorenen, die in beiden Gesellschaften existieren. Ein ambitioniertes Projekt mit überaus reizvollem Potenzial – das genau dieses aber noch nicht einmal ansatzweise ausreizt.
Ein Fado ohne Saudade? Ohne Wehmut, ohne Weltschmerz, ohne Melancholie? Ja, das geht. Zumindest bei Ana Moura. Die 46-Jährige gilt als eine der innovativsten Fado-Interpretinnen aller Zeiten, gerade weil sie die jahrhundertealten, etablierten Formen neu denkt. Ihr Fado ist fröhlich, pulsierend, sexy, angereichert mit Rhythmen aus Angola – der Heimat ihrer Mutter – sowie Einflüssen aus Pop und Jazz. In der Beethovenhalle hat sie ihre Musik nun mit dem großen Klang des Beethoven-Orchesters verschmolzen und im Rahmen der Reihe „Grenzenlos“ zusammen mit Dirigent Dirk Kaftan einen wirklich bemerkenswerten Abend gestaltet.
Eine verbotene Liebe inmitten von schlechten Zeiten, ein die gleichaltrige Stiefmutter begehrender Königssohn und ein Rückkehrer, der dem Infanten in aller Freundschaft beizustehen versucht: Mehr Seifenoper geht kaum. Felix Krakaus Überschreibung von Schillers „Don Karlos“ will genau das erreichen, will dem komplexen Geflecht des Originals eine geradezu groteske weil klischeehafte Inszenierung aufzwingen. Und so absurd es auch klingt, mitunter geht dieser Ansatz tatsächlich auf. Doch der unterhaltsame Ton und das in seinem Minimalismus erstaunlich intensive Bühnenbild können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Figuren in dieser boulevardesken Version dieses dramatischen Gedichts nur noch Schatten ihrer selbst sind.
Ohne ihn wäre die Welt weit weniger bunt: Der Regisseur und Aktivist Rosa von Praunheim hat posthum den 11. Internationalen Beethovenpreis erhalten. Damit ist er der erste Nicht-Musiker, dem diese Ehre zuteil wurde. Der Intendant der Beethoven Academy, Torsten Schreiber, begründet diesen Entschluss mit dem Wirken von Praunheims für die queere Szene, deren Wegbereiter er war. „Wir zeichnen ihn im Namen jenes Beethovens aus, der sich für die Werte der Französischen Revolution einsetzte, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der für Offenheit stand und für die Wahrheit, die eben auch beinhaltet, sich so zeigen zu dürfen, wie man ist“, sagte er im Rahmen eines exzellenten und bewegenden Gedenkkonzerts im Kammermusiksaal des Beethovenhauses. „Dass Menschen so wie ich ihre sexuelle Identität offen ausleben dürfen, verdanken wir zu einem großen Teil Rosa von Praunheim.“
„And everybody sings Ba ba ba da“: Das Leben kann so einfach sein. Man darf nur nicht zu genau hinhören, was The Divine Comedy da hinter der scheinbar harmlosen Gute-Laune-Fahrstuhlmusik versteckt, hinter der eigenwilligen Mischung aus opulentem Schlager und swingendem Kammermusik-Pop. Die aus der Zeit gefallenen Songs, die deutlich an die 60er Jahre erinnern, an Dandytum und die Illusion einer schönen neuen Welt, sind letztlich eben doch Ton gewordene Ironie. Frontmann Neil Hannon liebt das, gibt sich ganz bewusst piekfein und zelebriert den augenzwinkernden Pathos, mit dem die nordirische Band seit Mitte der 90er als eine der eigenwilligsten Britpop-Formationen Großbritanniens gehandelt wird. In der Kölner Stadthalle stellt The Divine Comedy nun das aktuelle Album „Rainy Sunday Afternoon“ vor – und reißt damit das Publikum immer wieder von den Stühlen.
Sie strahlt. Ana Carla Maza kann nicht anders, dieser Optimismus liegt ihr im Blut. „In Kuba“, so erzählt die Cellistin bei ihrem Konzert im Pantheon, „ist die Musik überall. Wenn wir uns freuen, machen wir Musik. Wenn wir trauern, machen wir Musik. Und wenn es im gesamten Land keinen Strom mehr gibt, machen wir Musik. Vor allem aber hören wir niemals auf zu lächeln.“ Was angesichts der Töne, die die 30-Jährige ihrem Instrument zu entlocken vermag, ohnehin unvermeidlich ist. Zu bezaubernd ist ihr Spiel, zu berührend und zu energetisch. Lateinamerikanische Rhythmen treffen auf klassische Techniken und poppige Melodien, die das Publikum des „Over the Border“-Festivals von den Stühlen reißen. Zumindest als endlich die Technik mitspielt.
Der Schwatte wird alt. Die magische Grenzen von 50 hat er schon vor einigen Jahren hinter sich gelassen, und auch wenn 60 ja das neue 30 ist, fühlt Dave Davis doch zunehmend die Last auf seinen Schultern. Neuerdings muss der Bonner Comedian sogar eine Brille aufsetzen, um Texte zu lesen. Man hat’s halt nicht leicht, und das sogar unabhängig von der Hautfarbe. Dabei ist gerade diese doch von Anfang an eines der zentralen Themen von Davis gewesen, seit er 2008 als „maximalpigmentierter“ Klomann Motombo Umbokko dem Publikum seine Sicht auf die Welt zu erklären begann und dabei genüsslich alle rassistischen Klischees durch den sprichwörtlichen Kakao zog. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn er seine Kunstfigur inzwischen nur noch im Karneval in die Bütt springen lässt. „Merket auf, der Nubier spricht“, ruft Davis bei der Premiere seines neuen Programms „Konfetti für alle – ein Aufstand in Farbe!“ aus. Nur hat er leider nicht viel Neues zu erzählen.
Eigentlich wollte Hugo Egon Balder immer nur Spaß machen. Theater ohne Regeln, Schau und Spiel im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Wunder also, dass der Moderator und Produzent in seinen mehr als 50 Jahren vor und hinter den Kulissen des Privatfernsehens vieles auf die Bühne gebracht hat, was zuvor undenkbar war – und was inzwischen fast schon wieder undenkbar ist. „Das war alles Anarchie“, betont Balder bei einem Auftritt im Pantheon, „heutzutage würde das nicht mehr gehen.“ Zumindest nicht, ohne verrückt zu sein. Zumindest ein bisschen. So wie Balder, der nach 16 Jahren im Boulevardtheater eine Pause braucht und daher gerade durch Deutschland tourt, um aus seinem Leben zu erzählen. Was angesichts der Stories aus „Alles Nichts Oder?!“, „Tutti Frutti“ und „Genial Daneben“ überaus unterhaltsam ist.
Alles, nur nicht normal: Wenn die Local Ambassadors loslegen, wird es bunt. Und mitunter ein bisschen verrückt. Die Hausband des „Over the Border“-Weltmusikfestivals, das in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag feiert, kann gar nicht anders. Wie auch, wenn sie sieben Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt begleiten müssen, dafür nur eine Probe haben und sich somit innerhalb kürzester Zeit in jeden nur denkbaren Stil einfühlen müssen. Was den „Botschaftern“ um Pianist Marcus Schinkel und dem Perkussionisten Pape Samory Seck immer wieder gelingt. Dabei liegt die Messlatte in diesem Jahr besonders hoch, denn ein queeres 15-Minuten-Musical mit der ein oder anderen „Rocky Horror“-Anleihe haben selbst die versierten Musiker zuvor noch nicht auf die Beine gestellt. Geht aber auch. Irgendwie. Man muss halt nur flexibel sein. Und Spaß haben an einer Musik, die Grenzen konsequent überschreitet. Was heutzutage wichtiger ist als jemals zuvor.
Der Rhythmus, immer wieder dieser Rhythmus. Groovend, pulsierend, treibend. Wer stehen bleibt, verliert. Schließlich bilden die rollenden Bassläufe in der linken Hand, die so sehr an die stampfenden Kolben der alten Dampflokomotiven erinnern, das Herzstück des Boogie Woogie, diesem oft rasanten Verwandten des Blues, der für Pianisten wegen der kontinuierlichen Sprünge in der linken Hand und dem oft hohen Tempo eine immense Herausforderung darstellt. Für Axel Zwingenberger und Joja Wendt ist diese Spielart hingegen in erster Linie ein großer Spaß. Die beiden Tasten-Virtuosen, die sich schon seit fast vier Jahrzehnten kennen und schätzen, haben erst im Oktober vergangenen Jahres ein gemeinsames Album aufgenommen und ziehen derzeit durch die Lande, um die Freude am Boogie zu verbreiten. Dafür sind sie jetzt auch ins Pantheon gekommen. Und haben die Erwartungen noch übertroffen.
Max Mutzke trägt sein Herz auf der Zunge. Mit seinen Gefühlen hält der Sänger nicht hinterm Berg, sondern lässt sie für alle sichtbar heraus, die schönen ebenso wie die schweren. Er kann sich an herrlichen Anekdoten über seinen Großvater Bernhard erfreuen, oder über die Tatsache, dass das Schauspiel Bad Godesberg bei seiner Lesung offiziell ausverkauft ist – doch auch anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung des Buches, in dem Mutzke auf seine Jugend im Schwarzwald und auf seine Familie zurückblickt, sind einzelne Abschnitte weiterhin tabu. Die Wunden in seiner Seele, die der frühe Tod seiner Mutter und seines Adoptivbruders Steffes gerissen haben, sind eben noch immer nicht verheilt, und auch das Publikum lassen diese Geschichten nicht kalt. Dafür wird aber an anderer Stelle herzlich gelacht über all die eigenwilligen Momente in Mutzkes Kindheit und Jugend, über Schwarzpulver-Vorräte in der heimischen Garage, über die halbnackte Flucht vor dem Vater seiner Ex-Frau Nazu und über das Schaffen von Tatsachen.
Andere Länder, andere Sitten: Für Comedians ist die daraus entstehende Verwirrung immer wieder ein gefundenes Fressen. Wer ist nicht schon alles auf den Ethno-Zug aufgesprungen, auch wenn dieser seit einigen Jahren an Fahrt verloren hat. Künstlerinnen und Künstler mit türkischem, iranischem, griechischem oder – ganz extrem – holländischem Hintergrund sind inzwischen keine Exoten mehr, und der unausweichliche Konflikt zwischen den in Deutschland aufwachsenden Kindern und der „Lost in Translation“-Generation der Eltern hinreichend bekannt. Dennoch knüpft Matilde Keizer, ihres Zeichens gebürtige Italienerin und ausgebildete Schauspielerin, mit ihrem ersten Solo-Programm „Lasagne im Bett“ gerne daran an – und macht ihre Sache eigentlich ganz gut, wie ihr Auftritt im Pantheon beweist. Zumindest in der ersten Hälfte.
Ach, der Tango. Ein Tanz, der begehrt und sehnt, der verführt und der trauert, der schmerzt und manchmal sogar jammert. Luis Pereyra hat ihm sein Leben gewidmet, als er 1975 mit zehn Jahren erstmals auf einer Bühne tanzte und sie im Grunde nie wieder verließ. Fünf Jahrzehnte lang hat er den Tango Argentino gezeigt, choreographiert und gelehrt; einmal hat er sogar Prinzessin Diana und Prinz Charles (heute König Charles III.) unterrichtet. Mit der Produktion „Siga el baile“ blickt er nun – unterstützt von seiner Frau und langjährigen Tanzpartnerin Nicole Nau sowie der gemeinsamen Kompanie – auf sein Leben und die Geschichte des Tango Argentino zurück. So auch im restlos ausverkauften Pantheon.
Frauen nehmen in Adam Greens Schaffen einen ganz besonderen Platz ein: Der US-amerikanische Liedermacher mit dem traurigen Dackelblick hat seine Karriere zu einem nicht unerheblichen Teil Emily, Carolina und Jessica zu verdanken. Ihnen und anderen hat er Lieder gewidmet, die so unschuldig klingen und es doch nicht sind. Kein Wunder, dass Green – ursprünglich neben Kimya Dawson Frontmann der Band The Mouldy Peaches – weiterhin der Antifolkszene zugerechnet wird, in der das klassische Singer-Songwritertum mit dem rebellischen Geist des Punk vermischt wird. Jetzt ist der 44-Jährige zu Gast im rappelvollen Gebäude 9. Und fühlt sich dort schon wie zu Hause.
„Der Mensch lebt nur von Missetat allein“: So kommentiert Bertolt Brecht in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ das Gewinnstreben des Kapitalismus, das allzu oft zu Kosten anderer möglich ist, indem man sie ausnutzt und ausbeutet, um sich selbst die Taschen vollzustopfen. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Kennt man ja. Diese und andere berühmte Zeilen hat Brecht einst in seiner „Hauspostille“ veröffentlicht – jetzt hat sich Lars Eidinger, der für die Verkörperung von unbequemen Charakteren inzwischen auch in Hollywood für Aufsehen sorgt, dieser Texte angenommen. In der Bonner Oper hat der 50-Jährige verschiedene Gedichte vorgetragen und gesungen, ausgerechnet am Karnevalssonntag. Daran hätte Brecht sicherlich seine Freude gehabt, zumal Eidinger dessen Werk mit unvergleichlicher Intensität präsentiert. Und daraus eine beeindruckende Predigt gestaltet.
„Schön ist Köln, schöner als das Paradies“: Derart euphorisch hat sich einst der Büttenredner Moritz Wertheim über seine Heimatstadt ausgelassen, damals, am Ende des 20. Jahrhunderts. Dieser galt als eine zentrale Figur des Kölschen Karnevals, ebenso wie Emil Blumenau, Alfred Heinen oder Hans David Tobar. Und sie waren alle Juden, die mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus zu kämpfen hatten. Vor anderthalb Jahren hat der Verein Kölsche Kippa Köpp (KKK), seit 2017 der erste und wahrscheinlich einzige jüdische Karnevalsverein der Gegenwart, diesen Männern ein Denkmal gesetzt und eine jüdische Zeitreise ins Leben gerufen, bei der Texte und Lieder aus jener Zeit vorgetragen werden. Jetzt hat der KKK das Programm anlässlich von 200 Jahren Bönnschem Karneval ein letztes Mal im Haus der Springmaus gespielt.
Wenn es was zu lernen gibt, sind BonnVoice immer interessiert. Wenn sie im Anschluss noch auftreten dürfen, umso besser. Der a-cappella-Chor nutzt jede Gelegenheit, um sich mit anderen Chören oder Ensembles auszutauschen und Workshops bei den besten Sängerinnen und Sängern zu belegen. Am vergangenen Samstag haben sie nun mit dem Männer-Quintett Anders geprobt und dann zu einem Doppelkonzert in die Springmaus eingeladen, bei dem beide Formationen ihre Talente ausspielen konnten. Und zumindest zum Teil an ihre Grenzen gerieten.
Brachialer Bluesrock voll auf die Zwölf, ebenso virtuos wie gnadenlos, das ist das Markenzeichen von Eric Sardinas. Der US-Amerikaner macht, wie es so schön heißt, keine Gefangenen: Wenn er mit seiner Resonatorgitarre (der Dobro) loslegt, wird es wild. So auch in der Harmonie, wo der 55-Jährige zuletzt ein umjubeltes Konzert gab und gut 100 Minuten lang in etwa ebenso viel Energie ausstrahlte wie ein Atomkraftwerk auf Maximalleistung. Das Ergebnis war vielleicht nicht immer wohlklingend und durchdacht, dafür aber ungeheuer kraftvoll. Sardinas ist nun mal ein Mann fürs Grobe, seine Musik ein Rohbau im wahrsten Sinne des Wortes. Das gefällt vielleicht nicht jedem. Doch der Sogwirkung dieser rohen Spielart des Blues kann sich niemand entziehen.
Frischer, jünger und gleichzeitig den alten Meistern verpflichtet: Diesen Spagat will die Klassische Philharmonie Bonn in Zukunft wagen. Nachdem Intendant Nils Liepe, selbst ein erfolgreicher Pianist, schon seinen Bruder Niklas für die künstlerische Projektentwicklung mit ins Boot geholt hatte, ist das Leitungsteam seit dieser Spielzeit durch den Einstieg des Violinisten Moritz Ter-Nedden als Orchesterdirektor vollständig. Jetzt gibt letzterer einen Einblick in die geplante Neuausrichtung – und die kann sich schon jetzt hören lassen.
Geister? Gibt’s nicht. Oder? Nein, auf keinen Fall. Wissenschaftlich ist das unmöglich, da ist sich Sam sicher. Und der muss es ja wissen. Immerhin ist der Hobby-Astronom ein leidenschaftlicher Skeptiker, der die Logik über alles stellt. Doch nun, gerade erst von einem Ausflug zurückgekehrt, muss er sich in der eigenen Familie mit einer Spukgeschichte herumschlagen. Seine Frau Jenny hat nämlich in den vergangenen Tagen über das Babyfon Schritte im Kinderzimmer gehört, immer pünktlich um 2:22 Uhr. Um nicht für verrückt erklärt zu werden, bittet diese nun Sams gute Freundin Lauren und deren Partner Ben, bis spät in die Nacht zu bleiben und das unheimliche Geschehen zu bezeugen. Was zu einigen unvorhersehbaren Enthüllungen führt. Diese stehen im Mittelpunkt von Danny Robbins’ Psychokomödie „2:22“, deren deutschsprachige Erstaufführung jetzt im Kleinen Theater Bad Godesberg tosenden Applaus erhielt.
Musiker sind auf Tour ja so einiges gewohnt. Immer kann etwas schiefgehen, ob nun die Technik spinnt oder die Gesundheit, der Reiseplan oder der Auftritt selbst. Doch im Vorfeld des Konzerts von Todd Sharpville in der Harmonie hat Murphys Gesetz wirklich ganze Arbeit geleistet: Der Keyboarder fiel kurzfristig krankheitsbedingt aus, ein Ersatz war nicht zu bekommen, dazu Stau auf der Autobahn und ein überschaubares Publikum. Schön ist das nicht, zumal wirklich niemand Schuld an dieser Pechsträhne hat. Außer vielleicht jenen, die Sharpville noch immer nicht auf dem Radar haben, obwohl der Bruder des 4. Viscounts St. Davids schon seit mehr als 30 Jahren in der britischen Blues-Szene (und darüber hinaus) für Aufsehen sorgt. Und das durchaus zu Recht, wie der Auftritt in der Harmonie beweist.
„Sie alle haben schon einmal einen echten Mörder gesehen.“ So ganz will man der Behauptung von Stephan Lucas nicht folgen. Das wäre ja gruselig. Aber wirklich so abwegig? Immerhin kann man den Menschen nur vor den Kopf schauen, und die Biographie sämtlicher Passanten, die an einem vorbeilaufen, kennt auch niemand. Vielleicht ist also doch etwas dran an den Worten des Fernseh-Anwalts und Strafverteidigers, der in der Pantheon-Lounge aus seinem Leben plaudert. Lucas, der der breiten Öffentlichkeit aus Sendungen wie „Richter Alexander Hold“, „Im Namen der Gerechtigkeit“ oder „Das Strafgericht“ bekannt sein könnte, ist sich seiner Sache auf jeden Fall sicher. Immerhin haben auch verurteilte Straftäter in der Regel ein Recht auf Freigang, ganz zu schweigen von jenen, die ihre Strafe bereits vollständig verbüßt haben. Und letztlich sind Mörder auch nur Menschen.
Fabian Lampert hat es nicht leicht. Ursprünglich hatte der 28-Jährige ja eine Karriere als Rockstar anvisiert, aber mit Asthma und Schlaf-Apnoe? Kein Rauchen, kein Kiffen, dafür eine Atemmaske zum Schlafen – wie soll man da denn ein Image aufbauen? Zumal die Liste seiner Einschränkungen ja noch weitergeht. Milch, Eier, Nüsse und Gluten sind ebenfalls tabu, so dass auch eine Zukunft als Bäcker keine Option ist. Und immer nur Regale bei Norma oder Aldi einräumen, ist auch nicht ohne. Also Plan K: Komiker. Dafür braucht man nur ein gesundes Selbstbewusstsein, eine Bühne und ein paar Probleme, über die man sprechen kann. Passt. Und so steht Lampert jetzt mit seinem ersten Solo-Programm „Einer dieser Abende“ auf der Springmaus-Bühne und erzählt dem Publikum von seinem ganz persönlichen Kryptonit. Was erfreulicherweise überaus unterhaltsam ist.
Lesungen scheinen im Moment im Trend zu sein. Ein Buch, ein Stuhl und ein erfahrener Sprecher oder eine erfahrene Sprecherin, mehr braucht es immerhin nicht. Keine Lichtwechsel, keine Bühnenaufbauten, keine Technik. Allein im Februar werden mit Lars Eidinger, Roland Janjowski und Robert Stadlober drei durchaus bekannte Schauspieler mit verschiedenen Buchprojekten zu Gast in Bonn sein. Jetzt haben Bjarne Mädel, Bastian Pastewka und Bettina Stucky im Rahmen der Reihe „Quatsch keine Oper“ die Messlatte hoch gehängt – auch wenn Dialoge zwischen den Dreien leider Mangelware waren.
Die Masken fallen schnell. Höflichkeit und Anstand, Empathie und Verständnis entpuppen sich in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ als Illusionen, die wie feiner Nebel über den Höhlenmensch-Instinkten liegen und diese nur notdürftig kaschieren. Ein kleiner Schubs, schon lösen sie sich auf und lassen nur noch die Wahrheit zurück, bar jeglicher Zurückhaltung und gesellschaftlicher Konventionen. Genau das erleben zwei Elternpaare, die sich eigentlich nur aus Höflichkeit treffen und nur wegen ihrer Söhne: Der eine, Ferdinand, hat dem anderen im Streit mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen, und jetzt ist natürlich eine Entschuldigung gefragt. Im Grunde keine große Sache. Wenn die Erwachsenen nur über den eigenen Schatten springen könnten und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen würden. Ein vielschichtiges Thema, das durchaus in einem zutiefst psychologischen Kammerspiel münden kann – oder in einer gnadenlos komischen, kabarettistischen Komödie, so wie sie jetzt Regisseur Simon Solberg im Schauspielhaus Bad Godesberg inszeniert hat.
Im Herzen ist Maxi Gstettenbauer immer noch ein Nerd. Einer, der ein bisschen seltsam ist, auch wenn seine Zeiten als Videospiel-Moderator inzwischen hinter ihm liegen. 20 Jahre ist das jetzt schon her, und natürlich ist der gebürtige Niederbayer und langjährige Wahlkölner seitdem gereift, hat Frau und Kind und redet nicht mehr nur über Pornos, Comics und Technik. Zumindest nicht nur. Und wenn, dann tatsächlich ziemlich unterhaltsam. Was schon an und für sich eine Leistung ist. Im Haus der Springmaus war Gstettenbauer mit seinem aktuellen Programm „Stabil“ zu Gast – und hat mit seiner Schlagfertigkeit und seinem Charme das Publikum nachhaltig begeistert.
In manchen abgelegenen Gemeinden ist der Wirt oft wichtiger als der Bürgermeister. Oder der Schulleiter. So auch in Dietenhofen, wo der Besitzer von der „Heiligen Gans“ einen maßgeblichen Einfluss auf viele Bürgerinnen und Bürger hatte, nicht zuletzt auf die Chaos-Truppe von Gankino Circus. Die vier Musiker, die ab Beginn der Pubertät angeblich Stammgäste in der besagten Gaststätte waren, nutzen auf jeden Fall ihren Auftritt im Bonner Pantheon, um dem „Weizen-Charlie“ ein Denkmal zu setzen, der – so sagt es die Legende – irgendwann ganz unvermittelt am eigenen Tresen mit dem Gesicht voraus in sein Weizenglas fiel. Ein trauriger Tag für Dietenhofen. Aber ein guter Grund, nostalgisch zu werden. Und das Leben zu feiern.
Nach dem ersten Kuss ist alles anders. Nach dem ersten Kuss hängt der Himmel voller Bomben. Nach dem ersten Kuss ist nach dem letzten, zumindest für eine sehr lange Zeit. Denn gerade als die beiden Jugendlichen Mila und Danya endlich ein Paar geworden sind, greift Russland die Ukraine an. Es ist der 24. Februar 2022 – und ab diesem Tag wird für die beiden Liebenden, so wie für alle anderen Ukrainerinnen und Ukrainer, nichts mehr so sein, wie es war. Diese Thematik greift nun das Ensemble Theater Mriya (ukrainisch für „Traum“) auf und zeigt mit „Zwischen uns ist Krieg“ in bewegenden Szenen, wie entwurzelt sich ein ganzes Volk fühlt – und wie sehr die Unsicherheit über das Schicksal der Zurückgebliebenen schmerzt.
Es ist noch gar nicht so lange her, da war Nino de Angelo ganz unten angekommen. Spielsucht, Drogenkonsum, Privatinsolvenz, private Probleme und der Nachweis der Autoimmunerkrankung ITP zogen den einst so erfolgreichen Schlagersänger in ein dunkles Loch. „Ich habe damals so in den Seilen gehangen, da hätte ich selbst keinen Euro auf mich gesetzt“, bekennt er. Doch seit einigen Jahren geht es wieder aufwärts, mit einer neuen Frau an seiner Seite und neuer Energie, die einige der erfolgreichsten CD-Produktionen seiner Karriere befeuert. Nein, am Ende ist Nino de Angelo längst nicht mehr. Auch nicht am Anfang. Sondern auf einem neuen Höhepunkt. 2026 steht nun eine große Open-Air-Tour an, bei der der 61-Jährige auch in die sanierte und neu eröffnete Beethovenhalle kommt.
Seit zehn Jahren sind die Alten Bekannten die offizielle Nachfolgeband der Wise Guys, und eigentlich ist längst der Punkt überschritten, an dem dieses Erbe im Repertoire des a-cappella-Quintetts noch irgendeine größere Rolle spielt. Längst sind die alten Songs weitgehend in Richtung Zugabe gerutscht, erst recht nachdem im vergangenen Jahr mit „Mehr“ das insgesamt sechste Album der Alten Bekannten auf den Markt gekommen ist. Im Pantheon hat die Formation um Wise-Guys-Gründungsmitglied Dän Dickopf selbiges nun vorgestellt – und setzt auf neue Inhalte in altbekannter Form.
Caligula will zum Mond. Warum auch nicht? Der römische Kaiser, der Zeit seines Lebens für seine exzentrischen und größenwahnsinnigen Wünsche berüchtigt war, hat schon früher sein Imperium ausbluten lassen, da lassen sich auch irgendwie die 28 Milliarden Euro locker machen, um mit Elon Musk gleichzuziehen und vielleicht nicht der erste, wohl aber der wichtigste Mensch auf dem Mond zu werden. Klingt verrückt, ist es auch – doch was zunächst wie ein guter Ausgangspunkt für eine Groteske klingt, erweist sich in der Werkstattbühne bei der Premiere von „Enttäuschende Ewigkeit“ vielmehr als Startschuss für eine ziellose Odyssee durch halbgare Szenen des Blödsinns, in denen ausgerechnet die Pop-Band ABBA die einzige Konstante zu sein scheint. Und die kann das Steuer nun wirklich nicht herumreißen.
Es war einmal vor langer Zeit in Kanada… So beginnt die Geschichte von Bill Mockridge. Es ist eine Geschichte, die alles beinhaltet, was man auch für ein Epos brauchen würde: Tragik und Komik, gute und schlechte Momente, Leidenschaft und Selbsterkenntnis. Eine gute Geschichte. Eine, die nachdenklich machen und zum Lachen anregen kann, die berührt und bewegt und die noch lange nicht zu Ende ist. Im von ihm einst mitbegründeten Haus der Springmaus hat der 78-Jährige jetzt ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Und dabei noch vor seiner Geburt angefangen.
Weihnachten, das Fest der Liebe und der Familie. Eine Zeit, in der niemand allein sein sollte. Doch genau dieses Schicksal blüht einer Putzfrau und einem Wachmann, die sich als Hauptfiguren in Peter Turrinis Stück „Maria und Josef“ an Heiligabend zufällig über den Weg laufen. Zwei einsame, verlorene Seelen: Sie vom eigenen Sohn zurückgewiesen, er als letzter aufrechter Sozialist von seinen Parteifreunden. Beide sind, so sagt es Josef irgendwann, schlichtweg Übriggebliebene, die von der Vergangenheit träumen, weil die Gegenwart ihnen nichts als Abweisung zu bieten hat. Bis sie sich finden und daraus das Beste machen. Nun hat das Kleine Theater Bad Godesberg das Stück als Januar-Produktion auf die Bühne gebracht – und lässt Schauspielerin Christina Rohde und ihrem Kollegen Dirk Waanders viel Raum, um die Rollen auch ohne Worte auszugestalten. Auch wenn es in erster Linie darum geht, was diese zu sagen haben.
Für Florian Schroeder fängt das neue Jahr ja gut an: Da will er klimafreundlich von Berlin nach Bonn reisen, nimmt den Zug und kommt mit drei Stunden Verspätung in Siegburg an. Gut, von der Deutschen Bahn ist man eigentlich nichts anderes mehr gewohnt, aber ärgerlich ist so was trotzdem, zumindest für Schroeder, der immerhin in einer fast ausverkauften Bonner Oper für seinen traditionellen satirischen Jahresrückblick erwartet wird und sich nun in der Zugtoilette in seinen Anzug stürzen muss, um das Publikum nicht länger warten zu lassen als nötig. Es werden letztlich 20 Minuten. Dann stürmt der Kabarettist die Bühne und legt sofort in gewohnter Manier los: Mit – teils recht pubertären – Video-Collagen voller verbaler Patzer aus der Polit-Riege, bissigen Kommentaren und einigen dringend notwendigen Perspektivwechseln. Denn auch wenn Schroeder weiterhin gerne Ankläger, Geschworener und Scharfrichter in einer Person ist, rückt er doch zugleich viele Missverständnisse aus den regulären und den sozialen Medien gerade – und das kann man in dem oftmals aufgeladenen politischen und gesellschaftlichen Diskurs nur begrüßen.
