„Der Gott des Gemetzels“: Satire statt Kammerspiel

Die Masken fallen schnell. Höflichkeit und Anstand, Empathie und Verständnis entpuppen sich in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ als Illusionen, die wie feiner Nebel über den Höhlenmensch-Instinkten liegen und diese nur notdürftig kaschieren. Ein kleiner Schubs, schon lösen sie sich auf und lassen nur noch die Wahrheit zurück, bar jeglicher Zurückhaltung und gesellschaftlicher Konventionen. Genau das erleben zwei Elternpaare, die sich eigentlich nur aus Höflichkeit treffen und nur wegen ihrer Söhne: Der eine, Ferdinand, hat dem anderen im Streit mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen, und jetzt ist natürlich eine Entschuldigung gefragt. Im Grunde keine große Sache. Wenn die Erwachsenen nur über den eigenen Schatten springen könnten und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen würden. Ein vielschichtiges Thema, das durchaus in einem zutiefst psychologischen Kammerspiel münden kann – oder in einer gnadenlos komischen, kabarettistischen Komödie, so wie sie jetzt Regisseur Simon Solberg im Schauspielhaus Bad Godesberg inszeniert hat.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Im bürgerlichen Wohnzimmer von Veronika (Julia Kathinka Philippi) und Michael Uhl (Timo Kählert) herrscht eigentlich eine offene und tolerante Atmosphäre. Eigentlich. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Gleiches gilt für das Ehepaar Reiler (Lydia Stäubli und Daniel Stock), die sich für das aggressive Verhalten ihres Sohnes entschuldigen wollen. Doch genau diese im Grunde einfache Tat läuft zunehmend aus dem Ruder, weniger wegen großer Differenzen als vielmehr wegen vieler kleiner Sticheleien von beiden Seiten. Vor allem Anwalt Andreas Reiler, den Daniel Stock herrlich schmierig und unangenehm zeigt, bringt die anderen mit allerlei Aktionen gegen sich auf. Immer wieder springt er mitten im Gespräch auf, um via Handy den großen Mann zu markieren – muss er auch, weil sein Klient, ein mächtiger Pharmakonzern, ein Medikament mit einigen unerwarteten Nebenwirkungen auf den Markt gebracht hat und jetzt mit negativer Presse rechnen muss. Die Uhls und auch Ehefrau Annette versuchen, darüber hinwegzusehen, doch das gelingt ihnen von Mal zu Mal weniger. Irgendwann explodiert auch Michael, später die beiden Damen. Und dann beginnt das psychische Gemetzel.

Solberg ist mit seiner ersten Komödie ein Bravourstück gelungen. Zwar könnte man durchaus hinterfragen, ob die Figuren in dieser Form nicht ein bisschen zu viel Tiefe einbüßen und ob man angesichts der tiefen Gräben zwischen den Figuren nicht um mehr Ernsthaftigkeit bemüht sein müsste – doch wie Solberg beweist, funktioniert der Stoff auch dann, wenn dem Publikum nicht bei jedem zweiten Satz das Lachen im Halse steckenbleibt. Ja, es ist kein beklemmendes Kammerspiel, das hier auf die Bühne gebracht wird, sondern eher ein direktes und mitunter plakatives Spektakel. Aber eines, das immer wieder zum Lachen anregt. Das ist in erster Linie dem herrlich differenzierten Ensemble zu verdanken, das jede Pointe zum genau richtigen Zeitpunkt setzt. Die Vier präsentieren eine gnadenlos bissige Satire vom Feinsten – und Solberg, der in früheren Produktionen gern mal zu viele Effekte aufgefahren hat und damit den Text im wahrsten Sinne des Wortes überflutete, gewährt ihnen den notwendigen Raum. Zwar lässt er immer noch Sturm, Regen, Rauch und Erdbeben auf die Figuren niedergehen und zerstört nach und nach ihre Spielwelt, doch arten diese Szenen nie aus. Zugegeben, selbst das dürfte bei einer konservativen Lesart des Stoffes schon zu viel sein. Wer sich aber darauf einlässt, hat dank einer nachvollziehbaren Linienführung seitens der Regie und des schon mehrfach gelobten Ensembles auf jeden Fall überaus unterhaltsame anderthalb Stunden vor sich.

Termine

7., 14. und 19.2. // 7., 21., 27.3. // 22.4., jeweils 19.30 Uhr im Schauspiel Bad Godesberg. Weitere Informationen und Tickets unter www.theater-bonn.de.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ulrike Loida (Sonntag, 22 März 2026 13:18)

    Meiner Meinung nach wird der Regisseur mit seiner Klamaukins-
    zenierung diesem wunderbaren Stück mit hervorragenden Dialogen, psychologischer Tiefe und sehr differenziert ausgefeilten Figuren in keiner Weise gerecht. Natürlich kann man ein Stück umgestalten und andere Interpretations-ansätze und Schwerpunkte setzen, aber es war einfach zu viel und hat dieses tolle Stück und seine Aussage absolut verhunzt. Sehr enttäuschend und schade!