Jazzfest Bonn: Stimmakrobaten im Party-Modus

Ein ausgelassen tanzendes Publikum ist beim Jazzfest Bonn ein eher ungewohnter Anblick. Doch wenn das legendäre Kollektiv Incognito schon einmal im Telekom Forum eindrucksvollen Soul und energiegeladenen Funk präsentiert und nachdrücklich dazu auffordert, sich vor der Bühne auszutoben, kann und will sich niemand der Party verweigern. Zumindest nicht permanent. Dafür geht der Groove zu sehr in die Beine, die Klänge zu sehr in den Bauch, die Präsenz der Frontsänger Melonie Crosdale, Joy Rose und Moritz Bernhardt zu sehr unter die Haut. Ja, es ist sehr gefällige Musik, dem Pop mindestens genauso nahe wie dem Jazz – aber sie kommt an und trifft den Geschmack der Menge mit bemerkenswerter Präzision.

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Wladimir Kaminer: Syrealistische Sehnsüchte

Das Paradies ist grundsätzlich woanders. Immerhin soll es der Ort sein, an dem Träume wahr werden, an dem alles besser, schöner, friedlicher und bequemer ist als zu Hause. Irgendwo in der Ferne muss es liegen, draußen im Außergewöhnlichen und Unbekannten, jenseits der kalten Tristesse des Alltags, der man zu entfliehen versucht. Für die meisten Europäer liegt das Paradies in der Südsee, doch weil die dann doch recht weit weg ist, genügt auch das Mittelmeer. Da kann man sich einfach treiben lassen, schlemmen bis zum Umfallen und einen Cocktail nach dem anderen schlürfen. Wer will da schon nach Deutschland? Außer den Flüchtlingen natürlich, die sich im gelobten Land eine Zukunft erhoffen.

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Tingvall Trio: Perfekte Kreise

Alles verläuft im Kreis. Selbst der Weg. Ohne Wiederholungen wäre „Vägen“, eine der schönsten Kompositionen des Tingvall Trios, nur noch halb so intensiv, lebt sie doch von dem immer wiederkehrenden Motiv, das Ausgangspunkt für Entdeckungsreisen ist und gerade in einer scheinbar geschlossenen Form die größte Freiheit entdeckt. Schon 2011 hat Martin Tingvall nach diesem Prinzip komponiert und wundervolle, verspielte Jazzstücke geschrieben, in denen sich seine oft filigranen, elfenhaften Melodien mit dem versierten Bass Omar Rodriguez Calvos und dem treibenden, vom Rock geprägten Schlagzeugspiel Jürgen Spiegels vermischten und spiralförmig in immer neue Klangwelten vorstießen.

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Henning Venske: Bärbeißige Abrechnung

Die Bundespräsidenten alle ehemalige Nazis oder bigotte Dampfplauderer, die Bundeskanzler nicht viel mehr als vorhergehende und nachfolgende Inkarnationen von Helmut Kohl, die Parteien eine heuchlerische Mischpoke und die Gesellschaft weitgehend nur an einer schönen heilen Welt interessiert: Das Bild, das Henning Venske mit kräftigen, zornigen Strichen im Haus der Springmaus skizziert, ist alles andere als positiv. In diversen Schattierungen von Schwarz lässt der Satiriker, der 57 Jahre lang das politische Kabarett prägte und sich nun vom Tourleben zurückziehen will, in seinem finalen Programm „Summa Sumarum“ die Zeit seit dem zweiten Weltkrieg Revue passieren – und hat dabei nicht viel Gutes zu erzählen. Schließlich wird am Ende abgerechnet. Und zwar gnadenlos.

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A-cappella-Nacht: Jodelei und Barbershop

Drei auf einen Streich: Bei der A-Cappella-Nacht 2018, die das Haus der Springmaus in der Stadthalle Troisdorf veranstaltet hat, sind die Ohren des Publikums gleich mehrfach verwöhnt worden. Formationen aus Österreich, Deutschland und Schweden haben am vergangenen Samstag fantastische Stimmkunst präsentiert, sind in die Volksmusik, in den Jazz und in den Rock eingetaucht und haben dabei einmal mehr das enorme Potential aufgezeigt, das abseits des clownesken Blödel-Vokalpops in der a-cappella-Szene zu finden ist.

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„Die weiße Fürstin“: Fallbeil für Rilke-Verse

Rainer Maria Rilke zählt ohne Zweifel zu den beeindruckendsten Lyrikern der deutschen Literatur. Seine fantastische Bildsprache und eine verdichtete, ebenso elegante wie komplexe Poesie pulsieren mit einer Vitalität, die ihresgleichen sucht – zumindest, wenn sie entsprechend gelesen oder vorgetragen wird. Doch genau daran scheitert Maren Pfeiffer bei ihrer zum Monolog reduzierten Inszenierung von „Die weiße Fürstin“ kläglich. In der Pathologie versucht sie, dem dramatischen Gedicht und seiner Protagonistin, die sich nach dem abwesenden Gatten verzehrt und zugleich von ihrer Schwester in fast schon inzestuöser Art und Weise umschwärmt wird, Leben einzuhauchen und vermag es doch nicht, die Verse mit einer gelungenen Linienführung aufblühen zu lassen.

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Walk off the Earth: Im Video einfach näher dran

Ninjas auf der Bühne, klingende Kunststoffröhren als Musikinstrumente, ein „Hu-Ha“-Chor und eine Gitarre, die von fünf Künstlern gleichzeitig gespielt wird: Einen Mangel an Kreativität kann man Walk off the Earth wirklich nicht vorwerfen. Die Band aus Kanada, die mit ungewöhnlichen Cover-Songs bei Youtube eine gigantische Fan-Basis gewonnen hat und längst auch mit eigenen Titeln für Furore sorgt, lässt sich auch auf ihrer aktuellen Tour immer wieder was einfallen, um sich von der Masse der Pop-Bands abzuheben. Doch was in der digitalen Welt hervorragend funktioniert, kann in der realen nicht so ganz überzeugen. Im Kölner Palladium bleiben WOTE trotz aller Bemühungen und eines ausgelassenen Publikums ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Denn manche ihrer Songs erfordern einfach eine Nähe, die an diesem Abend nicht herzustellen war.

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Eddi Hüneke: Aller Anfang ist schwer

Irgendwas fehlt. Und es sind nicht die restlichen Wise Guys, mit denen Eddi Hüneke ein Vierteljahrhundert lang unterwegs war. Nein, die klingen immer noch in jeder Silbe mit, die der charmante Sänger mit dem Pferdeschwanz bei seinen ersten Solo-Erfahrungen in die Welt entlässt. Melodiebögen und Phrasierungen, Wendungen und Arrangements sind Schlaumeier-geprägt, obwohl mit Gitarre und Klavier ein paar neue Klänge in die Musik einfließen. Hat man so nicht anders erwartet. Und doch ist Hünekes Auftritt im Bonner Pantheon nicht ganz rund, trotz einer beträchtlichen Bandbreite, feiner Balladen und der ein oder anderen Überraschung. Weil eben irgendwas fehlt. Ein Funke, ein Impuls, ein kleiner Schub, um vollends aus dem Schatten des Vokalpops herauszutreten und einen eigenen Weg einzuschlagen.

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Wigald Boning & Bernhard Hoëcker: Auf alles eine Antwort

Wer nicht fragt, bleibt dumm. Oder hat zumindest das Konzept nicht verstanden, mit dem Wigald Boning und Bernhard Hoëcker gemeinsam im Haus der Springmaus antreten. Immerhin sind die beiden Entertainer Klugscheißer aus Überzeugung und können zu jedem Thema etwas sagen, egal ob sie davon etwas verstehen oder nicht. Das muss man doch ausnutzen. Wie schon bei „Genial daneben“ stellt sich das dynamische Duo dem Wissensdurst des Volkes und beantwortet in der von ihnen gewohnten Mischung aus Geistesblitzen, Allgemeinbildung und völligem Blödsinn jede nur denkbare Frage aus dem Saal. Was mitunter sehr lustig ist – oft aber auch das zentrale Problem.

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Akkordeonale: Die bunte Welt der Bälge

An diesem Abend verbrauchen die Instrumente viel Luft. Sehr viel Luft. Fröhlich atmen die Bälge der fünf Akkordeons, deren Besitzer der Niederländer Servais Haanen in seiner inzwischen zehnten Akkordeonale zusammengebracht hat, atmen ein und aus wie künstliche Lungen und singen dabei auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Immerhin hat sich das Akkordeon in den gerade einmal zweihundert Jahren seiner Existenz überall auf der Welt etabliert und ist aus vielen Volksmusiken nicht mehr wegzudenken. Diese Vielfalt will Haanen mit seiner Konzertreihe präsentieren.

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„Into the Fields“: Ein Grenzzaun wird zum Gräberfeld

Ein weites Feld, geteilt durch einen weißen Zaun. Im Hintergrund drei Gestalten in barocken Frauenkleidern, Mütter, Töchter, Witwen, Waisen, wer weiß das schon. Sie sind zu weit weg, um sie klar zu erkennen, betreffen den Zuschauer zunächst nur am Rande. Dieser nimmt sie wahr, folgt ihren Bewegungen, ihre Eroberung des Felds, sieht sie zu unheimlichen, bedrohlichen, aufreibenden Klängen näherkommen, langsam tanzend, immer näher, näher, näher, bis sie schließlich an die Grenze gelangen. Und diese in ein Gräberfeld verwandeln. Intensive, erschreckende und leider auch überaus aktuelle Bilder, mit denen das Bonner Tanzfestival „Into the Fields“ am vergangenen Freitag eröffnet worden ist. Und das erstmals nicht wie sonst im Theater im Ballsaal, sondern auf dem Gelände des KunstRasens in den Rheinauen, das die nötige Tiefe bot, um die Choreographie „Trophée“ von Rudi van der Merwe adäquat umzusetzen.

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Awa Ly: Königin mit Überraschungsgästen

Es ist still in der Harmonie. Ganz still. Keiner rührt sich, kein Husten, kein Räuspern, kein Flüstern durchdringt den Raum. Alle sind viel zu fokussiert auf Awa Ly, sind berührt und bewegt von dieser charismatischen Sängerin, die gerade in einer emotionalen Ansprache all jener gedenkt, die auf der Suche nach einem besseren Leben im Mittelmeer ertrunken sind. Über 50.000 Menschen schließt die 41-Jährige mit tränenschwangerer Stimme in ihr Gebet ein, 50.000 Seelen, die Besseres verdient hätten. Mehr Respekt. Mehr Mitgefühl. Mehr Menschlichkeit. Es ist der mit Abstand intensivste Moment eines Konzerts, das niemand hätte verpassen sollen, eines, in dem so ziemlich alle Gefühle zum Tragen kommen, Trauer und Wut ebenso wie unbändige Freude und Lebenslust. Ein Konzert eben, wie man es nur noch selten erleben darf – und das dank Awa Ly doch Wirklichkeit geworden ist.

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Bläck Fööss: Lebenslustige Nacktfüße

Keine Band verkörpert das kölsche Lebensgefühl besser als die Bläck Fööss. Seit nunmehr 48 Jahren ist die Band fester Bestandteil des rheinischen Frohsinns, sowohl während als auch außerhalb des Karnevals, und ihre Hymnen sind längst essentieller Bestandteil der kulturellen DNA der Region geworden. Nun haben sich die „Nacktfüße“ für zwei restlos ausverkaufte Club-Konzerte in der Harmonie niedergelassen und sorgen sehr zur Freude ihrer Fans auf engstem Raum für jede Menge Stimmung.

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Olaf Schubert: Die sinnliche Seite der Satire

Olaf Schubert ist ein Meister der Wahnsinnlichkeit. Bei keinem anderen Kleinkünstler prallt ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein auf einen schlaksigeren Körper oder mehr satirischer Nonsens auf derart ausgeprägte Sozialkritik. In der restlos ausverkauften Oper Bonn erkundet Schubert, der so ganz nebenbei den Dilettantismus zur Kunstform erhoben hat, nun zu allem Überfluss auch noch seine erotische Seite: „Sexy Forever“ lautet der Titel seines aktuellen Programms, in dem der sächselnde Chaot mit dem hintersinnigen Humor einmal mehr ein Dickicht aus intellektuellen Verwirrstricken, mehrdeutigen Aussagen und traurigen Wahrheiten entstehen lässt. Ein Abend zum Nachdenken und Totlachen, an dem jedes Thema zum Freiwild wird, das nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und selbst das hilft nicht immer.

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Marla Glen: Aufgekratzt und energiegeladen

Die Stimme ist so stark wie immer. Dunkel, rau, intensiv. Marla Glens Gesang war schon immer etwas Besonderes, nicht nur wegen der tiefen Basslage, in der sich die inzwischen 58-Jährige am wohlsten fühlt. Nein, da ist noch mehr. Viel mehr. Wenn sie ihr Innerstes in die Musik packt, ihre Leidenschaft, ihren Schmerz und ihr Verlangen, ist Marla Glen eine Naturgewalt, die den Blues beherrscht wie nur wenige andere. Im ausverkauften Pantheon hat sie nun genau dies getan und ein beeindruckendes Konzert präsentiert, das nur wenige Wünsche offen lässt.

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„And then there were none“: Mörderischer Abzählreim

Da waren's nur noch neun. Dann acht. Dann sieben. Irgendjemand hat es offenbar auf die zehnköpfige Gesellschaft abgesehen, die sich aufgrund einer mysteriösen Einladung auf Soldier Island eingefunden hat, die einsam an der Küste Devons liegt und nun zum Schauplatz einer nervenaufreibenden Abrechnung wird, bei der ein Abzählreim zur tödlichen Prophezeiung wird. „Ten little solider boys“ werden nach und nach eliminiert: Agatha Christie hat mit diesem ebenso einfachen wie genialen Konzept Literaturgeschichte geschrieben. Ihr Roman „and then there were none“ gilt bis heute als erfolgreichster Krimi aller Zeiten. Nun hat sich das neu gegründete Laien-Ensemble „dramaturgisch wertvoll“ des Stoffes angenommen und ihn in Originalsprache und sehr viel Liebe zum Detail auf die prächtig eingerichtete Bühne der Brotfabrik gebracht.

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Pristine + Siena Root: Technik macht den Unterschied

Es ist kein großes Geheimnis, dass selbst die besten Rock-Musiker nur dann gut wirken können, wenn die Techniker am Mischpult mitspielen. Ohne einen zuverlässigen Toningenieur, der Instrumente und Gesang ordentlich abmischt, sind gerade Konzerte der etwas härteren Art nur eine Qual. Genau das konnte man jetzt auch beim Auftritt von Pristine und Siena Root in der Harmonie erleben. Beide Bands hatten ihre eigenen Techniker mitgebracht, um ihren psychedelischen Retro-Hardrock zur Entfaltung zu bringen – doch während das bei den zuletzt genannten, vielseitigen Schweden mit den erdigen Wurzeln eine gute Entscheidung war, klang Pristine vor allem zu Beginn eher wie eine Schülerband bei ihrer dritten Probe, ohne jegliche Balance aneinander vorbeispielend und sich gegenseitig nicht wahrnehmend.

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Big Daddy Wilson: Die Inkarnation des Blues

Diese Präsenz ist einfach einzigartig. Was für eine Intensität, was für eine Stimme. Volltönend und trotzdem erdig, eindringlich und ehrlich. Es ist Blues in Reinform, den Big Daddy Wilson da in die Harmonie entlässt, feine Zwölftakter voller Inbrunst und Leidenschaft und jener ganz besonderen Wehmut, die die Essenz dieser Musik bildet. Sie klingen, als hätte er nie etwas anderes gesungen – dabei hat Wilson den Blues erst spät kennengelernt und in der Fremde, hier in Deutschland, während seiner Zeit bei der US Army. „Ich wusste vorher gar nicht, was das war“, sagt er gerne. „In meiner Jugend habe ich Musik nur aus der Kirche und aus dem lokalen Country-Radio-Sender gekannt. Und dann war ich auf einem Konzert. Dort habe ich einen Teil von mir gefunden, der viel zu lange verloren war.“

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Urban Priol: „Die ganze Welt ist gaga“

Veränderung ist schädlich. Weiß doch jeder. Der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitstier und verlässt sich im Leben lieber auf Bewährtes als auf Unbekanntes. Für Urban Priol ist das ein paradoxer Vorteil, immerhin kann er sich gerade deswegen seit nunmehr 35 Jahren auf der Bühne darüber aufregen, dass sich nichts ändert und immer noch die selbe Bräsigkeit die Politik regiert wie 1982. Damals hat er angefangen, zusammen mit Helmut Kohl, dessen Bequemlichkeit und dessen Sitzfleisch ein Eigenleben in Form von Angela Merkel entwickelt hat. Auf beide hat Priol sich eingeschossen, sie sind seine Feindbilder, der Dicke und die Mutti. Anlässlich seines Bühnenjubiläums rechnet er kurzerhand mit beiden ab – unter anderem auch im Haus der Springmaus.

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Imam Baildi + Local Ambassadors: Gesungene Völkerverständigung

Die Stimmung im Pantheon ist auf dem Siedepunkt. Alle tanzen, singen, jubeln. Deutsche, Türken und Griechen feiern gemeinsam, ebenso wie Menschen anderer Nationalitäten, die ins Pantheon zum Konzert von Imam Baildi gekommen sind. „Over the Border“ in Reinform, so wie es sich das gleichnamige Festival immer auf die Fahnen geschrieben hat. Die Band aus Athen überwindet mühelos Grenzen und bringt alle zusammen, indem sie Hip-Hop, Reggae, Rock und jenen Rembetiko vermischt, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Verbindung der griechischen Volksmusik und der osmanischen Musiktradition bildete. Und auch wenn Imam Baildi es mitunter ein wenig mit dem großen Gestus übertreibt und dem Pathos verpflichtet scheint (insbesondere Sängerin Rena Morfi mimt mit exaltierten Armbewegungen und volltönendem Organ die Diva), trifft ihr druckvolles Spiel doch mitten ins Herz. „Lasst uns die bösen Schwingungen mit Liebe, Leidenschaft und Energie vertreiben“, ruft MC Yinka irgendwann ins Publikum. Es ist eine der leichtesten Übungen des Abends.

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Anna Depenbusch: Zartheit in schwarz-weiß

Eigentlich muss Anna Depenbusch nur am Klavier sitzen und warten. Warten auf die Lieder, die bereits vollständig auskomponiert im Kosmos herumschwirren und nur nach jemandem suchen, dem sie sich anbieten können. Ist ganz einfach. Doch der „kreative Bereitschaftsdienst“ alleine bietet keine Erklärung für den Zauber, den die zarte, intensive Singer-Songwriterin zu weben versteht, wenn sie von Cowboys und Astronauten, Tim und Tina und Ron und Ronja singt und dabei ihr Publikum so mühelos in ihren Bann zieht, wie sie es jetzt im Pantheon getan hat, ganz alleine und in schwarz-weiß. Sie könnte auch das Telefonbuch vortragen, oder das Alphabet, und jeder würde ihr zu Füßen liegen. Letzteres tut sie sogar – und es funktioniert, weil ihre Musik eben nicht aus dem Kosmos kommt. Sondern aus Anna Depenbusch.

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Gato Preto + BSMG: Botschaften wie MG-Salven

Das „Over the Border“-Festival hat in diesem Jahr schon so einige herausragende Künstler nach Bonn gebracht: phänomenale Techno-Marching-Bands, überragende Klezmer-Größen, meditative Saiten-Virtuosen und explosive palästinensische Hip-Hop-Genies mit perfektem Flow. Doch selten war ein Abend derart politisch und gesellschaftskritisch aufgeladen wie das Doppelkonzert von Gato Preto und BSMG in der Harmonie. Denn hinter Rave-tauglicher angolanischer Tanzmusik und minimalistischen Afrotrap-Beats verbergen sich Botschaften, die wie MG-Salven in Richtung Publikum jagen und das Augenmerk auf Diskriminierungen und Geschichtsverzerrungen legen wollen. Disco-Feeling und Protest müssen sich eben nicht zwangsläufig ausschließen. Zumindest nicht mehr.

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Bum Bum Orkestar + 47Soul: (Nah)östliche Partykracher

Tücher wirbeln durch die Luft, Hände und die dazugehörigen Menschen tanzen ausgelassen, haben Spaß an der ungewöhnlichen, abgedrehten, herrlichen Fusion aus elektronischem Hip Hop und der traditionellen Musik des orientalischen Tanzes Dabke, angereichert mit Rock, Reggae und jeder Menge Energie. Die Harmonie tobt, angefeuert von einer Band, die Lebensfreude verbreitet und dabei zugleich das Sprachrohr einer ganzen Generation junger Menschen mit arabischen Wurzeln ist: 47Soul. Das palästinensische Quartett ist im Rahmen des „Over the Border“-Weltmusikfestivals nach Bonn gekommen, um ihren modernen Shamstep zu zelebrieren und ihre Botschaft zu vermitteln: „Jedes Land ist ein heiliges Land“, sagen sie, hoffen auf eine friedliche Lösung im Nahen Osten und auf ein freies Palästina, ohne Apartheid und Rassismus. Und ohne Grenzen.

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Patrick Salmen: Alltagsgeschichten eines Fuchses

Die schönsten Geschichten sammelt Patrick Salmen in der Bahn. Oder in Cafés. Wenn sich Geschäftsmänner über Kinder im Kita-Modus aufregen und dafür selbst umso lauter in die Tasten hauen, wenn die Soja-Milch flockt und Senioren mit trockenem Humor Food-Bloggern angebissene Mettbrötchen für Instagram zur Verfügung stellen, dann ist der 32-Jährige in seinem Element. Er liebt die Absurditäten des Alltags, vor allem die Schlagfertigkeit ganz normaler Leute, die sich oft unerwartet zu Wort melden und eine skurrile Situation derart schnodderig kommentieren, dass selbst Salmen mitunter sprachlos ist. Eine Auswahl dieser realen, übertriebenen und zum Teil auch fiktiven Erlebnisse hat der Poetry-Slammer jetzt unter dem Titel „Treffen sich zwei Träume. Beide platzen“ im Pantheon vorgestellt – und sie so ganz nebenbei noch um zahlreiche Anekdoten ergänzt.

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Les 3Mas + Debashish Bhattacharya: Die Kinder von Sa

Musik kennt keine Grenzen – dieser Satz ist gerade im Zusammenhang mit dem „Over the Border“-Festival schon häufiger gefallen. Eine Phrase, ja, aber eine, die ebenso wahr wie wahrhaftig sein kann, wenn die richtigen Künstler sie Wirklichkeit werden lassen. So wie im Kammermusiksaal des Beethovenhauses, wo das Publikum in den vergangenen zwei Tagen Musiker aus vier verschiedenen Ländern erleben konnten, die ihre unterschiedlichen Kulturen pflegten und aus dem Dialog heraus zugleich etwas Neues entstehen ließen. Das Konzert von Les 3Mas und Debashish Bhattacharya war mit Sicherheit das bislang fremdartigste Klangerlebnis der letzten Tage und Wochen, eines, für das man sich am weitesten aus der eigenen Wohlfühlzone herauswagen musste. Doch wer sich traute, wurde nicht enttäuscht.

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Brass-Gipfeltreffen: Blech macht Party

Trompeten schmettern durch das Telekom Forum, gefolgt von Posaunen und Saxofonen. Die Luft vibriert, bebt, tanzt, ebenso wie die rund 1000 Besucher des Telekom Forums, die an diesem Abend vor allem eins wollen: Eine wilde Party. Was dank genug Blech (und Holz) auf der Bühne überhaupt kein Problem ist. Immerhin sind drei ebenso herausragende wie abwechslungsreiche Brass-Bands aus ganz Deutschland zu diesem Gipfeltreffen im Rahmen des „Over the Border“-Weltmusikfestivals gekommen, drei Formationen, die alle auf ihre jeweils ganz eigene Weise für Lebensfreude stehen und mit ihren furiosen Auftritten einfach nur gute Laune verbreiten. Und so geben Meute, Dicht & Ergreifend sowie die Lokalmatadore von Querbeat kurzerhand Vollgas, pumpen fette Beats in die Menge und sorgen für eine unglaubliche Stimmung.

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Heinz Rudolf Kunze: Rock-Poet mit scharfer Zunge

Eigentlich will er doch nur erzählen. Egal in welcher Form. Parabeln und Fabeln, Grotesken und Kommentare, Traumsequenzen und dem Alltag entnommene Geschichten, sie alle gehören zum Repertoire von Heinz Rudolf Kunze, dem Rock-Poeten und modernen Lieddichter, dessen literarische Qualitäten seine musikalischen weit übertreffen. Und das will schon etwas heißen. Im komplett ausv erkauften Pantheon hat Kunze nun mit seinem Solo-Programm sein gesamtes Schaffen Revue passieren lassen, hat Hits und Raritäten aus fast 40 Jahren zum Besten gegeben und bewiesen, dass er zu Recht zu den ganz großen Singer-Songwritern der Bundesrepublik gezählt wird.

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Alte Bekannte: Wiedersehen macht Freude

Als sich die Wise Guys im Sommer vergangenen Jahres auflösten, konnten viele Vocal-Pop-Fans es kaum glauben. 27 Jahre lang waren die fünf Kölner die Platzhirsche der deutschen a-cappella-Szene, die in ihren Hochzeiten bis zu 75.000 Menschen beglückten. Und das sollte jetzt alles vorbei sein? Ja. Und nein. Denn während Eddi Hüneke inzwischen auf Solo-Pfaden wandert, wollten Daniel „Dän“ Dickopf, Nils Olfert und Björn Sterzenbach als Gruppe weitermachen. Zusammen mit dem iNtrmzzo-Vokalclown Clemens Schmuck und dem zuvor vor allem als Keyboard in Erscheinung getretenen Ingo Wolfgarten sind sie nun als Alte Bekannte unterwegs – und obwohl sie kompositorisch genau an jenem Punkt anknüpfen, wo die Wise Guys aufgehört hatten, bringen sie doch neue Energie mit. Und jede Menge neuer Lieder.

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Inspire: Traumhafte Eingebungen

Manche Städte sind nur einen Klang entfernt. Frankfurt zum Beispiel, oder das ägyptische Alexandria, oder die chilenische Hafenstadt Valparaiso. Es sind Orte, deren besondere Atmosphäre tiefe Spuren in den Köpfen und Herzen des Quartetts Inspire um die Harfenistin Evelyn Huber hinterlassen hat – Eindrücke, die die Musiker mit ihrem Publikum in der Brotfabrik teilen möchten. Und so lassen sie ihre Instrumente erzählen und holen kurzerhand die besagten Städte nach Bonn, evozieren den Sonnenuntergang am Main, farbenfrohe Häuser vor einem pazifischen Hügel-Panorama und die Erinnerung an gleich zwei antike Weltwunder. Eine Erfahrung, die ihresgleichen sucht.

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BonnVoice + Vocal Line: Anforderungen der Champions League

Vocal Line ist eine Wucht. Der a-cappella-Chor aus dem dänischen Aarhus hat Weltruhm erlangt, hat mit Bobby McFerrin und den Rolling Stones die Bühne geteilt und am Fuß der Christus-Statue in Rio de Janeiro mit einem Fernseh-Konzert 180 Millionen Zuschauer erreicht. Auf Einladung von BonnVoice ist das 30-köpfige Ensemble jetzt ins Pantheon gekommen – und hat gezeigt, warum es völlig zu Recht in der Champions League spielt. Und eben nicht in der Landesliga.

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Nils Kercher: Alle Farben Afrikas

Hypnotisch mischen sich die Klänge von Kora und Gitarre, von Balafon und Cello. In dem vielschichtigen Klangkosmos, das der Wachtberger Weltmusiker Nils Kercher und seine Band im Brückenforum erschaffen, harmoniert alles, gehen westliche und afrikanische Instrumente ineinander über und lassen etwas Einzigartiges entstehen. Es ist ein versöhnliches Konzert, sowohl für die Musik als auch für das Publikum, das zuvor lange im Foyer und im Treppenaufgang darauf hatte warten müssen, dass sich die Türen des Saals öffneten. Ärgerlich, zumal Kercher eine Erklärung schuldig blieb. Aber gut, nach den ersten Tönen war dies eh weitgehend vergessen. Zufriedenheit nimmt den Platz der Verstimmung ein; den feinen, filigranen Melodien und den pulsierenden Trommelrhythmen, die den Zuhörer in eine andere Welt entführen, kann und will man sich einfach nicht entziehen.

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„Over the Border“: Die Welt ist hip

Akustische House-Beats und minimalistischer Hip Hop treffen auf Balkan Brass, Electro-Swing und Klezmer: Schon der Auftakt zum „Over the Border“-Festival 2018 hat am Wochenende gezeigt, wie vielseitig die Weltmusik-Szene sein kann, wie bunt – und wie hip. Nicht umsonst wirkt das Programm, das Veranstalter Manuel Banha im nunmehr dritten Jahr auf die Beine gestellt hat, überaus jung, setzt auf Blechbläser-Formationen mit Techno-Affinität (Meute, eine der drei Bands beim so genannten Gipfeltreffen der deutschen Brass-Bands) oder Rapper aus Berlin-Moabit (Megaloh, der am Sonntag noch brav Heine gelesen hat, bevor er in der kommenden Woche mit zwei Kollegen die Harmonie aufwühlen will). Und auch das Eröffnungs-Konzert im Brückenforum schlägt in diese Kerbe.

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El Juana Banda: Lebens- und Liebeslektionen

Eigentlich ist alles ganz einfach. Das Leben, die Liebe, die Gesellschaft, alles folgt einem Kreislauf. Kompliziert wird es nur, wenn man darin nach einem Sinn sucht. Doch El Juana Banda bietet eine Lösung: Singen. Und die Musik genießen. Eine typische Flamenco-Einstellung, die Sänger Juan Ruiz Salces bei dem Konzert des Quartetts in der Brotfabrik transportiert. Aber eine, die funktioniert. Denn die virtuose Mischung aus traditioneller spanischer Stilistik, Jazz, Rock und südamerikanischem Folk, die er und seine Bandkollegen präsentieren, geht direkt ins Herz – ob man den Inhalt nun versteht oder nicht.

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Fritz Eckenga: Der Pinscher im Gorilla

Die Ur-Angst hat Fritz Eckenga fest im Griff. Jetzt ja nicht versagen, hier auf der Bühne des Pantheons. Nur nicht den Bühnentod sterben oder, noch schlimmer, das Publikum langweilen. Immerhin braucht er als Kabarettist es mehr als dieses ihn. Angesichts der drohenden Amazonisierung der Kleinkunstszene, dank derer immer mehr unzufriedene Gäste ihr Geld zurückverlangen und dafür auch noch schlechte Bewertungen im Internet hinterlassen, ist Eckenga auf glückliche Gesichter und herzhaftes Gelächter angewiesen. Dafür ist er bereit, alles zu tun. Selbst wenn das bedeutet, in ein Gorillakostüm zu steigen oder den prolligen Bademeister Teddy wieder aus der Versenkung aufsteigen zu lassen. Alles für ein paar Likes. Oder?

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Anika Auweiler: Feuertanz auf dem Eis

Die gemütliche Lounge des Pantheon Theaters, bewacht von einem Zirkuselefanten und ausgestattet mit einer Vielzahl bequemer Sofas, ist der ideale Ort, um sich fallenzulassen. Einfach entspannen und genießen, während eine charmante Singer-Songwriterin zuerst mit ihrer Loopstation und später mit ihrer Band Magie erzeugt. Anika Auweiler kann man eigentlich immer zuhören, egal was sie macht. Mit ihrer warmen, wandlungsfähigen Stimme singt sie Lieder, die sich zu 60 Prozent um Liebe und zu 40 Prozent um andere Emotionen drehen, aber mit 200 Prozent Leidenschaft gewürzt sind. Dabei strahlt die Ex-Bonnerin immer dann am hellsten, wenn sie ihre Musik reduziert – oder wenn sie gute Musiker im Rücken hat.

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The Killers: Rock zwischen Mars und Venus

Das Mars-Symbol strahlt in die Lanxess Arena hinein. Groß und prall steht es am Bühnenrand, die drei Venusspiegel vor den Background-Sängerinnen überragend und dominierend – ein permanenter Bezugspunkt für Brandon Flowers, der dieses leuchtende Zeichen der Männlichkeit ein wenig ungelenk umtanzt. Warum auch immer. Der Sänger der Pop-Rock-Band The Killers bleibt eine Antwort schuldig, kommentiert die zumindest optisch omnipräsente Gender-Thematik außer im von rosa Konfetti überschütteten Song „The Man“ nicht weiter, lässt die Symbolik ins Leere laufen und macht stattdessen das, was das Publikum von ihm erwartet. Nämlich Party. Was sich als schwerer erweist als gedacht.

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„Romeo & Juliet“: Romantik ist kaum spürbar

Luft und Liebe, mehr braucht es für Romeo und Julia nicht. Die beiden Teenager, die als tragisches Paar die Literaturgeschichte prägen wie kaum ein anderes, verzehren sich nacheinander und können doch zusammen nicht kommen. Dieser Konflikt bildet das Zentrum von Shakespeares legendärem Drama, ihn gilt es bei jeder Inszenierung herauszuarbeiten – und genau daran scheiterte jetzt die American Drama Group Europe, die in den Kammerspielen Bad Godesberg mit ihrem TNT Theatre Britain zwei Vorstellungen in englisch gaben. Die barocke Inszenierung von Regisseur Paul Stebbings ließ die großen Emotionen vermissen und weder ergreifender Tragik noch verklärter Romantik den notwendigen Raum zum Atmen.

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