Jürgen Becker: Rückblick auf die Zukunft

Der Kapitalismus ist an allem schuld. Am Klimawandel, am Artensterben, an überteuerten Mieten und an den Lockdowns. Ja klar. Hätten die ganzen privat betriebenen Krankenhäuser nicht massive Einsparungen vornehmen müssen, wären die Intensivstationen wahrscheinlich besser auf die Flut an Corona-Patienten vorbereitet gewesen, dann hätte das Gesundheitssystem nicht kurz vor dem Kollaps gestanden und die Geschäfte hätten offen bleiben können, um den Konsum zu befriedigen. Wenn es nach Jürgen Becker geht, ist alles so einfach. Der Kölner Kabarettist, der sich zuletzt schon intensiv und zugleich überaus unterhaltsam mit der Kunst-, der Religions- und der Sexualgeschichte auseinandergesetzt hat, nimmt sich in seinem neuen Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ nun die Wirtschaft zur Brust. Große Erkenntnisse hat er allerdings nicht zu bieten. Dafür aber viele altbackene Pointen.

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Europäischer Kulturpreis: Musikalische Glanzpunkte

Für einen Abend besaß Bonn noch einmal Hauptstadt-Flair: Ein roter Teppich, jede Menge Prominenz und das unvermeidliche Blitzlichtgewitter erinnerten am vergangenen Samstag an jene Zeiten, in denen ein derartiges Schaulaufen am Rhein noch selbstverständlich war. Stars wie Trompeter Till Brönner und Sängerin Katie Melua, Schauspieler Tobias Moretti und die Scorpions, Künstler Gottfried Helnwein und Model Barbara Meier, Sopranistin Diana Damrau und Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, sie alle waren zur Verleihung des Europäischen Kulturpreises in die Bonner Oper gekommen, die eigentlich schon 2020 anlässlich Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag hätte stattfinden sollen, wegen Corona aber verschoben werden musste. In einer abwechslungsreichen, kurzweiligen, fast dreieinhalbstündigen Gala mit vielen Höhe- und nur wenigen Tiefpunkten feierten sie zusammen mit dem ebenfalls geehrten Beethoven Orchester Kunst und Kultur in all ihren Facetten.

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Richie Beirach & Sirius Quartet: Rückkehr der Improvisation

Johann Sebastian Bach konnte es. Ludwig van Beethoven auch. Und Richie Beirach. Der 74-Jährige ist wie die beiden großen Komponisten, die nur stellvertretend für viele Musiker ihrer Epochen stehen, ein Meister der Improvisation, ein Wirbelwind an den Tasten und vor allem ein leidenschaftlicher Brückenbauer zwischen Jazz und Klassik. Im Kammermusiksaal des Beethovenhauses setzte er nun anlässlich des Jazzfests dazu an, die Improvisation zurück in die klassische Musik zu bringen – und hatte mit dem herausragenden Sirius Quartet um Geiger Gregor Hübner, das ein ähnliches Ziel verfolgt, die perfekte Ergänzung gefunden.

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Jan Delay: Jede Menge gute Vibes

Wo Jan Delay drauf steht ist Party drin. An dieser Prämisse hat sich auch nach anderthalb Jahren Corona nichts geändert: Auf dem KunstRasen sorgen der 45-Jährige und seine „Disco Number One“ mal wieder für gute Laune, drücken das Spaßpedal durch und brausen mit 70er-Jahre-Funk, Reggae und Hip-Hop-Attitüde in Richtung Sorglosigkeit. „Ja es sind finstere Zeiten, aber das muss gar nicht sein“, näselt Jan Delay direkt zu Beginn des Konzerts im „Intro“. „Lass uns die Wolken vertreiben, ich hab Sonne dabei“. Klingt gut. Ist es auch.

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Thees Uhlmann: Mal Punk, mal Poet

Eigentlich ist Thees Uhlmann ganz entspannt. Gut, ein bisschen überdreht ist er, was allerdings nichts mit LSD sondern vielmehr mit dem Bühnenfieber zu tun hat; darüber hinaus ist der ehemalige Tomte-Frontmann auf dem KunstRasen locker und vor allem bestens gelaunt. Nur manchmal, da bricht der Punk in ihm hervor. Dann wird Uhlmann laut, regt sich auf, vor allem über Bonner Lärm-Motzkis, die sich in ihren Villen darüber echauffieren, dass angesichts des Schalldrucks ihre Usambara-Veilchen eingehen, und die deshalb mit Klagen drohen, um die Pop- und Rock-Kultur in die Schranken zu weisen. Doch das lässt ein Thees Uhlmann nicht mit sich machen – und er hat sowohl die Musik als auch die Worte, um das zu verdeutlichen.

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Scholly & Böhm + Django Bates: Technische Brillanz

Der zweite Abend des Jazzfests Bonn steht ganz im Zeichen des Klaviers. Und des Dialogs, mit sich selbst und mit anderen. Für den Kammermusiksaal des Beethovenhauses hat Impresario Peter Materna schon immer gerne virtuose Pianisten eingeladen, um der exzellenten Akustik des Raumes Rechnung zu tragen, und auch in diesem Jahr dürfen zwei Künstler über die Tasten huschen, die mit ihrer Musik viel zu erzählen haben: Auf der einen Seite Django Bates, der ausnahmsweise solistisch unterwegs ist, und auf der anderen Seite Rainer Böhm, der wie üblich den Gitarristen Norbert Scholly an seiner Seite weiß. Mal romantisch verklärt, mal abstrakt, stets jedoch technisch brillant entsteht so ein Doppelkonzert, das vom Publikum einiges an Konzentration fordert, dafür aber auch viel zu bieten hat. Wenn man denn zuhört. Und sich fallen lässt.

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Rea Garvey: Gelbjacken im Ausnahmezustand

Rea Garvey kann es einfach nicht fassen. Endlich wieder live, endlich wieder in Bonn, das erste Mal nach sechs Jahren. Ein besonderer Auftritt für den charismatischen Sänger – weniger wegen dem, was er jetzt wieder tun kann, als vielmehr wegen dem, was er beim letzten Besuch in der Bundesstadt nicht gemacht hat. Damals war er gerade Vater geworden, stand dennoch am selben Abend auf der KunstRasen-Bühne, jubelte innerlich und konnte die frohe Botschaft nicht in die Welt hinausschreien, weil er sie selbst noch nicht vollständig verarbeitet hatte. Insofern hatte der Ire Nachholbedarf. „Ich bin vor sechs Jahren Vater geworden!“, ruft er der Menge zu und legt los, um dieses Ereignis mit seiner Band und seinen Fans nachträglich zu feiern. Was angesichts seiner Leidenschaft für die Musik und seiner ansteckenden guten Laune zu einem ganz außergewöhnlichen Fest wird.

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Helge Schneider: Meisenmann unterm Schwalbenhimmel

Der Himmel ist voller Schwalben. Angelockt durch den sich gerade verziehenden Regen jagen sie über den KunstRasen und stehlen Helge Schneider das Rampenlicht, zumindest für einen Augenblick. Der schaut selbst nach oben und beobachtet das bunte Treiben, doch da es sich eben um Vögel und nicht um Gastro-Personal handelt, bricht er das Konzert an diesem Abend nicht ab. Wäre auch schade gewesen. Immerhin hat der Meister des Absurden, der seit gut 30 Jahren mit seinem humoresken Unsinn mühelos auf der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn balanciert, gerade besonders gute Laune. Vielleicht weil er in Bonn ist, der Stadt Beethovens, dem Schneider einst ein großes Vorbild war, damals, als er noch Haydn hieß. Vielleicht auch, weil das euphorische Publikum diesmal nicht in Strandkörben sitzt, oder weil er diesmal besonders guten Pfefferminztee von seinem treuen Begleiter Bodo kredenzt bekommt. Was auch immer der Grund sein mag: Wenn Helge Schneider gute Laune hat, wird das Zwerchfell gefordert. Und der Gehörgang gepflegt.

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Antilopen Gang: Hip Hop mit Hörnern

Satire darf ja bekanntlich (fast) alles. Diese Prämisse hat sich die Antilopen Gang offenbar seit ihrer Gründung vor nunmehr zwölf Jahren zu eigen gemacht, um mal zu provozieren, dann wieder zu irritieren und gerne auch Politik und Gesellschaft gehörig zu kritisieren. Jetzt war die Hip-Hop-Crew auf dem KunstRasen zu Gast und bewies vor etwa 700 Fans, dass Danger Dan (Daniel Pongratz), sein Bruder Panik Panzer (Tobias Pongratz) und Koljah Kolerikah (Kolja Podkowik) in all der Zeit vielleicht etwas leiser und gefälliger, keinesfalls aber undeutlicher geworden sind. Sie präsentierten Rap mit Haltung, kokettieren mit juristischen Grauzonen, nehmen kein Blatt vor den Mund und gewähren mitunter sogar einen Blick auf ihre Seelen. Eine Mischung, die beim Publikum gut ankam und mit einigen Höhepunkten aufwarten konnte – aber auch ein paar Missgriffen.

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Giant Rooks: „Ihr seid der Wahnsinn“

Die Scheinwerfer machen an diesem Abend Überstunden. Anderthalb Stunden lang sorgen sie für ein bombastisches Lichtgewitter, färben Bühne und Publikum gleichermaßen ein und sind dabei doch nur die visuelle Bestätigung eines Konzerts der Extraklasse. Was die Giant Rooks an diesem Mittwoch vor rund 1500 Besuchern im Kulturgarten abliefern, ist schlichtweg ganz großes Kino, abwechslungsreich, kraftvoll, leidenschaftlich und einfach nur gut. Sehr gut sogar. Und mit etwas Glück ist das nur der Anfang.

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Varietéspektakel: Zauberhafte Jonglagen

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Keulen wirbeln gleichzeitig durch die Luft, souverän von Anni Küpper in der Luft gehalten. Doch beim Varietéspektakel, das noch bis Ende August im Pantheon zu sehen ist, stellt diese Jonglage-Leistung nur den Anfang dar und nicht den Höhepunkt. Denn es geht nicht um Masse, sondern um Klasse. Also reduziert die geborene Godesbergerin nach und nach die Anzahl der Keulen, während sie gleichzeitig den Schwierigkeitsgrad erhöht und damit all jenen Artisten-Kollegen widerspricht, für die mehr automatisch besser ist.

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„Popcorn“: Artisten der nächsten Generation

Wer heutzutage Künstler werden will, muss ganz schön mutig sein. Oder verrückt. Oder beides. Angesichts der immer noch schwierigen Situation in der von mehreren Lockdowns belasteten Kulturszene ist es alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass auch in diesem Jahr wieder Absolventen der Staatlichen Artistenschule Berlin mit einer eigenen Show auf Tour gehen und dabei auch im GOP-Varietétheater Bonn Station machen. Am vergangenen Montag haben nun acht junge Akrobaten der nächsten Generation das Publikum mit einer beeindruckenden Mischung aus Witz und Körperbeherrschung begeistert.

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Uri Caine: Beethoven neu gedacht

Fünf herausragende Künstler beziehungsweise Ensembles mit einem eigenen Blick auf Beethoven: Die Pläne des Beethovenhauses für eine Konzertreihe anlässlich des 250. Geburtstags des großen Komponisten waren überaus vielversprechend – und wie so vieles fielen sie der Corona-Pandemie zum Opfer. Zumindest teilweise. Denn am vergangenen Wochenende konnte nun zumindest der Jazz-Pianist Uri Cane seine Vorstellungen von Beethoven präsentieren. Und die waren in der Tat eigenwillig, mitunter gar eigenartig.

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Suchtpotenzial: Mit Zoten zum Erfolg

Der Humor vieler Menschen beginnt unter der Gürtellinie. „Sex sells“, dieses Prinzip gilt durchaus auch in der Comedy-Szene – und das Musikduo Suchtpotenzial nutzt genau das in ihrem dritten Programm „Sexuelle Belustigung“ genüsslich aus. Mit Erfolg, wie der Auftritt von Julia Gámez Martín und Ariane Müller im Pantheon zeigt. Zum ersten Mal seit 18 Monaten findet im Saal des Kleinkunsttempels wieder etwas statt, und 200 Besucher sind gekommen, um sich endlich wieder unterhalten zu lassen. Unter Corona-Bedingungen gilt dies als ausverkauftes Haus. Eine gute Grundlage für Suchtpotenzial, zumal das Publikum willig, ja geradezu ausgehungert ist und nach Gags und Pointen egal welcher Art giert. Selbst nach Zoten. Und von denen hat Suchtpotenzial so einige im Gepäck.

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Element of Crime: Flaneur auf einsamen Wegen

Ein bisschen Leid muss sein. Es geht nicht anders, egal wie sehr die Menschen sich nach anderthalb Jahren der Einschränkungen wieder auf positive Botschaften freuen. Ohne zumindest einen Hauch von Melancholie kann ein Konzert von Element of Crime einfach nicht funktionieren, ohne jene Mischung aus Liebe, Schmerz und Sehnsucht, an der sich Sänger Sven Regener berauscht und die keiner so geschickt mit poetischer Schönheit aufladen kann wie er.

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