„Der Postillon“: Überzeichnete Wahrheiten

Manchmal, wenn selbst der lauteste Aufschrei verklungen ist und sich dennoch nichts zu ändern scheint, hilft nur noch Zynismus. Und Satire. Wie sonst kann man eine Welt verstehen, in denen Milliarden Menschen jeden Tag süße Katzenbabyvideos anschauen, bei Meldungen über ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer aber abschalten? Der Postillon kennt die Antwort. Und die Lösung. Wie das wahrscheinlich seriöseste deutschsprachige Nachrichtenmagazin nun vermeldet, packen clevere Schlepper inzwischen auch posierlich schnurrende und kläffende Fellbündel in die Flüchtlingsboote, um so die Chance auf eine Seenotrettung zu erhöhen. Immerhin kann der durchschnittliche Europäer zwar den großen Augen der Hilfsbedürftigen widerstehen, nicht aber den Blicken niedlicher Jungtiere. Klingt bitter? Ist es auch. Aber wahr. Und gerade deshalb die intensivste Form der Satire, die jetzt in der Oper Bonn über 90 Minuten ausgebreitet worden ist.

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Sebastian 23: Der Anti-Ratgeber

Immer besser werden, immer erfolgreicher, immer reicher: Sebastian 23 kann es nicht mehr hören. Der Poetry-Slammer hat genug von diesem ständigen Streben nach Selbstoptimierung, betrieben von Menschen mit so viel Oberflächlichkeit, dass eine Seifenblase vor Neid platzen würde. „So wie wir sind reicht nicht mehr aus“, beklagt er. Vor allem die zahlreichen Ratgeber irritieren ihn, all diese Bestseller-Bücher, die die Leser belehren und als der Weisheit letzter Schluss gelten, bis im nächsten Monat der nächste Wälzer im Regal steht. Jedes siebte Buch fällt inzwischen in diese Kategorie, rechnet Sebastian 23 vor. Und schreibt kurzerhand einen Anti-Ratgeber, mit dem man wieder den Rückwärtsgang einlegen und schlechter werden kann. Endlich. Darauf hat die Welt nur gewartet. Mit „Endlich Erfolglos“ ist der 40-Jährige nun auf Lesereise – so auch im Pantheon.

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Rainer Böhm Trio: Ausflüge in die Unwirklichkeit

Offiziell steht dieser Abend ganz im Zeichen des „Great American Songbooks.“ Standards will Rainer Böhm im Rahmen der Reihe „Jazz in Concert“ im Bonner Pantheon interpretieren, Evergreens berühmter Musical-Komponisten aus dem Goldenen Zeitalter des Jazz. Stücke, die man vielleicht sogar mitsummen könnte. Zumindest manchmal. Doch dazu kommt es nicht. Denn obwohl der 41-jährige Pianist mit seinem Trio überaus virtuos spielt, sind die Klassiker aus der Feder von Cole Porter oder Harold Arlen als solche kaum erkennbar, sind nicht mehr als ein gedankliches Filament, ein letzter Anker für ein in der Stratosphäre stattfindendes musikalisches Gespräch der besonderen Art.

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„Over the Border“: Sozialkritik und Möbelsongs

Frühling, Party und Reggae gehören zwangsläufig zusammen. Ein erwartungsvoller Hauch von Sommer liegt dann in der Luft, gesungene Freiheitshymnen und Liebesschwüre – und ein Möbelsong. Zumindest bei Gentleman, der mit groovenden Rhythmen und coolen Vibes das Telekom Forum aufmischt. Im Rahmen des „Over the Border“-Festivals ist der 44-Jährige nach Bonn gekommen, um sich für Diversität auszusprechen, für Respekt und für Musik ohne Grenzen. Auch in sprachlicher und thematischer Hinsicht. Immerhin arbeitet der wohl erfolgreichste Reggae-Musiker der Bundesrepublik, der als einer der wenigen auch in Jamaika große Erfolge feiern kann, erstmals in seiner 25-jährigen Bühnengeschichte an einem deutschsprachigen Album. In Bonn stellt er nun die ersten Titel vor, die eben auch von Möbeln handeln. Oder von Staubsaugern.

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Thorbjørn Risager: Schöner Zug

Knackig könnte man den Sound beschreiben, der an diesem Donnerstag in der Harmonie vorherrscht. Knackig, staubtrocken und dennoch permanent nach vorne treibend. Kurzum Rhythm and Blues in Perfektion, schörkellos, druckvoll – und dänisch. Verantwortlich für diese grandiose Musik ist schließlich niemand anderer als Thorbjørn Risager, der mit seiner Band The Black Tornado längst Stammgast in Endenich ist und doch jedes Mal aufs Neue zu begeistern und zu überraschen versteht. Mit einer Wucht irgendwo zwischen Dampflok und Wirbelsturm jagt das Septett seit einigen Jahren durch die Republik, spielt Rock, Blues, Boogie und das alles mit einer Spielfreude, dass es das Publikum ein ums andere Mal aus den Socken haut.

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„Das Sherlock Musical“: Meisterdetektiv als Randnotiz

Eigentlich ist er eine Legende: Weltweit gilt Sherlock Holmes als der größte Detektiv der Kriminalliteratur, als Musterbeispiel für den Sieg des Verstandes über das Gefühl und als Großmeister der Logik. Kein Geheimnis war vor ihm sicher, kein Rätsel für ihn zu schwer und kein Komplott zu komplex. Er war alles, nur niemals Mittelmaß. Bis heute. Ausgerechnet „Das Sherlock Musical“ von Alan Wilkinson und Steve Nobles reduziert das Genie zu einer herumstolpernden Randfigur, die höchstens noch ein Schatten ihrer selbst ist. Im Pantheon hat die Produktion des Urania-Theaters um Bettina Montazem nun ihren ersten Auswärtstermin absolviert, nachdem sie im Kölner Stammhaus seit November fast durchgehend ausverkauft war. Warum auch immer. Denn trotz einiger durchaus hörenswerter Songs und einer stimmlich zum Teil sehr starken Cast fehlt dem Musical schlichtweg die Seele und der Geist. Und das rächt sich.

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