„König Lear“: Die Herrschaft des Narren

Der Wahnsinn wütet im Reich des Königs Lear, in seinem Geist und in seinem Körper. Der alte Nörgler hat sich verabschiedet von seiner Herrschaft, hat sie an seine Töchter übertragen – zumindest an jene beiden, die ihm nach dem Munde reden und ihn zugleich heimlich zur Hölle wünschen – und ist nun zur Last geworden, ein tyrannischer Vater ohne Macht, der nur noch als Symbol der alten Ordnung dient und dessen Verstand erodiert, als er die Wahrheit über sich selbst erkennen muss. Nur der Narr bleibt ihm treu, während Lear durch ein von Intrigen und Bürgerkrieg zerrissenes Land taumelt, jener Narr, der nun mit dem letzten Funken Vernunft einen rasenden Irren führt. Aus dieser komplexen Shakespeare-Tragödie lässt sich angesichts der Fülle von Lesarten vieles machen, ein psychoanalytisches Drama etwa oder ein philosophisches. Das Theater Bonn hat sich nun dazu entschieden, es ausgerechnet in eine Groteske zu verwandeln.

mehr lesen 0 Kommentare

„Die Räuber“: Freiheit im Extrem

Der Schlachtruf lässt keine Kompromisse zu. „Tod oder Freiheit“, brüllen die Räuber aus Schillers gleichnamigem Drama in der Bonner Inszenierung von Regisseur Simon Solberg den Dragonern entgegen, die sie in den böhmischen Wäldern eingekesselt haben und für ihre Verbrechen zur Rechenschaft ziehen wollen. Dabei wollten die jungen Männer und Frauen doch nur leben, auf ihre Weise und nicht so, wie es Eltern und Gesellschaft von ihnen verlangen. Und sie wollten die Welt ein bisschen besser machen, wollten sich gegen Korruption und Machtmissbrauch stellen, so wie einst Robin Hood und seine wackeren Mannen. Ach, wenn es doch so einfach wäre. Denn wie schnell führt ungezügelte Freiheit zu Anarchie, weil jeder seinen Gelüsten freien Lauf lassen kann, ohne sich um Konsequenzen zu scheren. Diese Problematik hat „Die Räuber“ schon immer geprägt und macht das Stück daher auch heute so aktuell wie eh und je. Solberg hat den Stoff nun mit einer modernen Bildsprache versehen – und ihm damit die rohe Kraft wiedergegeben, die der rebellische Text verdient.

mehr lesen 0 Kommentare

Torsten Sträter: Nichts als die Wahrheit

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen schwer: Das weiß auch Torsten Sträter nur zu gut. Der 53-jährige Kabarettist, Autor und wahrscheinlich bekanntester Mützenmann der deutschen Kleinkunstszene hat immerhin selbst einen vor sich hin pubertierenden Sohn, dem er gerecht werden möchte, statt sich wie der eigene Erzeuger aus dem Staub zu machen und darüber einen Mantel des Schweigens zu breiten. Also hat er mit dem Filius jede Menge Zeit verbracht, statt das neue Programm zu schreiben. Gut so. Denn gerade diese Prokrastination ist Ursprung zahlreicher Geschichten und Anekdoten, die Sträter nun unter dem kryptischen Titel „Schnee, der auf Ceran fällt“ im restlos ausverkauften Brückenforum präsentiert, das dem Pantheon ausnahmsweise als Ausweichstätte dient  – ein herrlich schräges Kuddelmuddel, in dem sich Sträter nur zu gerne verliert, eine Abschweifung nach der anderen einfügt und abstruse Volten vollzieht, die unterhaltsamer kaum sein könnten. Natürlich alles nichts als die Wahrheit, betont er. Zumindest wenn man für Wahrheit einen bestimmten Wert anlegt.

mehr lesen 0 Kommentare

Lisa Eckhart: Die Lust am Laster

Gott ist tot, und die Sünder tanzen begeistert auf seinem Grab. Warum auch nicht? Ohne eine höhere Instanz, die auf die Einhaltung himmlischer Gesetze pocht, droht schließlich keine Verdammnis mehr. Die Hölle, sie ist öde und leer geworden, seit auf Erden alles erlaubt ist. Die Todsünden sind längst im Alltag etabliert: Fast-Food-Ketten huldigen der Völlerei, Online-Shopping-Giganten bedienen die Trägheit und die sozialen Medien fördern den Zorn gegen alles und jeden. Laster sind somit gewöhnlich geworden – und damit zumindest in den Augen von Lisa Eckhart gnadenlos langweilig.

mehr lesen 0 Kommentare

Piet Klocke: Altgediente Fragmente

Piet Klocke ist und bleibt der Meister des Anakoluths. Nur selten finden seine Gedanken einen Abschluss, seine Sätze erst recht nicht – und seine Programme ebenso wenig. Manche Bausteine trägt der 62-Jährige nun schon seit fast einer Dekade mit sich herum, ohne sie auch nur ansatzweise umzugestalten oder zu aktualisieren. Die Pointe ist noch gut, für's Publikum reicht's allemal. Doch ohne ein Ende kann es keinen neuen Anfang geben. Und so erweist sich auch „Kann ich mal einen Satz zu Ende“ (Titel eines Klocke-Buchs von 2010) im Pantheon nicht etwa als Neuheit, sondern lediglich als Fusion von Inhalten aus zwei vorhergehenden Programmen. Ein Kunstgriff, könnte man wohlwollend sagen, eine Umkehrung des Anakoluths auf großer Flur, wird doch aus dem Unvollendeten das Unbegonnene. Tatsächlich ist es ein Betrug am Publikum. Auch wenn dieses ihn nicht bemerkt. Oder sich nicht drum kümmert.

mehr lesen 0 Kommentare

Desimo: Die Magie der Wunschzettel

Viel Lärm um nichts. Den menschlichen Geist vermag er nach seinem Willen zu formen, behauptet Zauberkünstler und Entertainer Desimo alias Detlef Simon. Der 53-Jährige hat sich der Mentalmagie verschrieben, will beeinflussen und manipulieren und letztlich mehr oder weniger freiwillige Mitspieler aus dem Publikum dazu bringen, genau das zu tun, was er sie tun lassen möchte. Im Haus der Springmaus hat er nun sein aktuelles Programm „Manipulation – die Gedanken sind frei... zugänglich“ präsentiert und auch tatsächlich sein Ziel erreicht. Doch angesichts der meist offenkundigen Schummeleien ist Verblüffung nur selten gegeben. Es ist zu einfach, was er tut. Eine Erkenntnis, die Desimo durchaus bezweckt, die aber leider auf Kosten der Spannung geht. Und auf die kann nun einmal kein Zauberabend verzichten.

mehr lesen 0 Kommentare

Le Clou: Tanztee in den Sümpfen

Die Geige spielt zum Tanz auf, und alle machen mit: Bei echter, urtümlicher Cajun-Musik können nur die wenigsten die Beine still halten. Die fröhliche Musik der frankophonen Einwanderer, die im 18. Jahrhundert über Kanada in die Sumpfgebiete von Mississippi und Louisiana zogen, erfordert geradezu eine Feier, einen Ball, ein „Fais Do Do“, stilecht mit einer ordentlichen Portion Jambalaya und dem ein oder anderen Mondschein-Whisky. Hierzulande reicht es dann immerhin noch für ein Konzert von Le Clou.

mehr lesen 0 Kommentare

Cara: Teuflische und tragische Geschichten

Irische und schottische Balladen nehmen in der Regel kein glückliches Ende. Mindestens eine Person ist am Ende tot, oft getötet vom Liebhaber oder vom Ehepartner, und wenn sich die tragische Geschichte in den rauen Highlands ereignet, steigt die Zahl der Opfer noch einmal beträchtlich an. Dennoch gehören diese Lieder zu den schönsten ihrer Art, wird das Schaurige doch in traumhafte Melodien verpackt – und wenn diese dann noch von einer Weltklasse-Formation wie Cara interpretiert werden, bleibt keine Seele nicht unberührt. Am vergangenen Sonntag hat das Quartett um Gründerin, Fiddlerin und Sängerin Gudrun Walther in der Harmonie nun ihre Magie gewirkt und den reichen Schatz des Folk vor dem begeisterten Publikum ausgebreitet. Ein Genuss.

mehr lesen 0 Kommentare

Gretchens Antwort: Sexy-swingende Radioshow

Ein bisschen verrucht, ein bisschen verspielt und schön verrückt: Mit dieser ganz besonderen Mischung verführt das a-cappella-Quartetts Gretchens Antwort seit einiger Zeit ein ständig wachsendes Publikum und verschmilzt die Gegenwart geschickt mit dem Zauber der 20er Jahre. Nun haben die vier Damen auch im Haus der Springmaus den Swing aufgedreht, haben „Britta Speers“ ebenso zu ihrem Recht kommen lassen wie die arme Roxanne aus dem Rotlichtmilieu, und eine freche, spritzige „Radio-Show“ inszeniert, die sich zu einem echten Kassenschlager entwickeln könnte.

mehr lesen 0 Kommentare

Sebastian Lehmann: Anrufe aus Freiburg

Wenn die Mutter aus Freiburg anruft, weiß Sebastian Lehmann, dass er mitschreiben muss. Nicht, weil ja etwas Lebenswichtiges erzählt werden könnte, sondern weil dem 38-Jährigen mit Sicherheit ein ziemlich absurdes Telefonat bevorsteht, samt gut gemeinter Tipps für den Alltag („Fahr vorsichtig“ etwa oder auch „ich würde ja Schinken reinschneiden“) und der ein oder anderen reingerufenen bissigen Bemerkung seines Schinkenbrote kauenden Vaters. Die gesammelten Aufzeichnungen dieser Dialoge haben Lehmann inzwischen zu einem erfolgreichen Poetry Slammer und Schriftsteller werden lassen – nun hat er im Pantheon Auszüge vorgelesen.

mehr lesen 1 Kommentare

Dr. Pop: Musik-Sprechstunde beim Hampelmann

Eigentlich ist Erfolg in der Musikindustrie ganz einfach. 31 Sekunden sind alles, was man braucht, 31 Sekunden, in denen ein Lied bei den großen Streaming-Diensten wie Spotify und Deezer angehört wird. 31 Sekunden voller rhythmischer und harmonischer Schleifen aus den 80er Jahren, übereinandergelegt und mit Autotune und anderen Algorithmen in Form gebügelt, bis es für die Ohren von Grundschülern interessant klingt. Die müssen dann nur noch klicken und es regnet Geld. Viel Geld. So erklärt sich zumindest Dr. Pop alias Markus Henrik den Erfolg von Rappern wie Summer Cem – und er kennt sich aus.

mehr lesen 0 Kommentare

Klüpfel und Kobr: Das Grauen der Wälder

Das erste Opfer ist ein Häschen. Ein armes, kleines, harmloses Tier, das lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Täterin: Die Protagonistin. Cayenne, die ein Leben in den Wäldern Brandenburgs führt und ständig auf der Flucht ist. Schon das zeigt, das die beiden Krimi-Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr bei ihrem ersten Ausflug ins Thriller-Genre einen anderen Tonfall anschlagen. In „Draußen“ geht es deutlich brutaler, düsterer, mörderischer zu als in den Kluftinger-Romanen, für die das Duo berühmt ist. Jetzt ist Schluss mit lustig. Zumindest teilweise. Denn insbesondere bei ihren Lesungen können und wollen die Beiden nicht auf die ihnen eigene Mischung aus Comedy- und Entertainment-Elementen verzichten. Was im Haus der Springmaus dazu führt, dass bei diesem Roman dann doch mehr gelacht wird als erwartet.

mehr lesen 0 Kommentare

Sulaiman Masomi: Mein bester Freund, die Mauer

Die Evolution hat Sulaiman Masomi enttäuscht. Da hat sich das Leben Milliarden Jahre lang abgeplagt, um aus Einzellern Amöben und daraus dann Pflanzen, Fische, Pilze und Menschen zu entwickeln, hat die vermeintliche Krone der Schöpfung ausgebildet – und dann wird ausgerechnet eine Orange auf zwei Beinen Präsident der Weltmacht USA, während in Deutschland 12,6 Prozent in einem braunen Haufen ihr Heil suchen. Die Evolution verläuft also doch zyklisch statt linear. Irgendwie traurig. Nur leider kann man daran nichts ändern. Wohl aber an Erwartungen und Wahrnehmungen. Mit denen hat Masomi, seines Zeichens erfolgreicher Dichter und Denker, durchaus seine Erfahrungen gemacht. In der voll besetzten Pantheon-Lounge hat der Poetry Slammer nun sein Solo-Programm „Morgen-Land“ vorgestellt und neben einigen herrlich skurrilen Geschichten auch tiefgehende philosophische Gedankengänge ans Publikum herangetragen.

mehr lesen 0 Kommentare

Bernard Allison: Das Erbe des Vaters

Den Blues kennt Bernard Allison schon seit seiner Geburt. Als Sohn des legendären Luther Allison ist der Zwölftakter quasi in seiner DNA verwurzelt, der Groove sein Herzschlag und die Gitarre sein Geburtsrecht. Jetzt, 30 Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Solo-Albums, ist er wieder mal nach Bonn gekommen, um eine neue Live-CD vorzustellen und um das Erbe seines Vaters zu pflegen. Dafür hat er noch einmal aufgestockt, hat neben Bassist George Moye, Drummer Mario Dawson und Saxofonist José James auch den gerade mal 19-jährigen Gitarristen Dylan Salfer an seiner Seite und lässt mit ihnen die „Songs From The Road“ in die Harmonie lebendig werden. Professionell wie eh und je taucht Allison in den Blues ein, lässt die Gitarre aufjaulen und die Menge toben. Also alles wie immer. Ein gutes Konzert. Wenn auch kein brillantes.

mehr lesen 0 Kommentare

„Grand Hotel“: Silvestergala mit Hindernissen

Am Ende knallen die Champagnerkorken. Geschafft, zum Glück. Eine weitere gelungene Silvestergala. Alles andere wäre auch eine Schande gewesen für das stolze Grand Hotel, jenes altehrwürdige Haus, das mit großer Geste den hohen Stil pflegt und von sich und seinen Mitarbeitern nicht weniger als Perfektion verlangt. Zumindest gegenüber den Gästen. Was im Hintergrund passiert, ist eine ganz andere Geschichte. Und die erzählt das GOP Varieté-Theater Bonn mit der neuen Show „Grand Hotel“ nur zu gerne. Denn Was hinter den Kulissen einer Nobel-Herberge geschieht, reicht für eine ganze Bibliothek voller Anekdoten, in denen es nur so wimmelt von bunten Gestalten. Jonglierende Pagen, beschwipste Zimmermädchen, sprunghafte Köche und ein Concierge, der bei all dem Chaos noch die Kontrolle zu behalten versucht, sorgen auf jeden Fall für einen überaus unterhaltsamen Abend – und ein frohes neues Jahr.

mehr lesen 0 Kommentare

Hildegart Scholten: Post von Mutter

Auf dem Land kommen manche Menschen auf verrückte Ideen. Da werden Pfauen zur Bewachung des Hofs eingesetzt (und nach dem unvermeidlichen Unfalltod kurzerhand als Fasan-Ersatz in die Pfanne gehauen), Katzen in Kirschbäume verfrachtet und Kinder auf den Mähdrescher, den sie dank eines Pflastersteins am Fuß zumindest ansatzweise übers Feld fahren können. Eigentlich könnte man darüber ja mal ein Kabarett-Programm schreiben. Oder zwei. Oder drei.

mehr lesen 0 Kommentare