Triosence: Gute Songs dank schlechter Erfahrungen

Charmant verwirrt – so wirkt Bernhard Schüler manchmal in seinen amüsanten Moderationen. Ob das kommende Stück auf dem neuen Album „Turning Point“ ist oder doch von einem älteren, spielt ebenso wenig eine Rolle wie die, für welche seiner Andreae (anscheinend hatte er Beziehungen mit mehreren) er welchen Song geschrieben hat. Wichtig ist nur, dass der Pianist wieder in die Tasten greift und zusammen mit Drummer Stephan Emig und Bassist Matthias Nowak wundervolle Melodien in die Harmonie entlässt. Das Ergebnis ist ein poetisches Trio-Spiel, in dem Samba-Rhythmen und eine afrikanische Kalimba auf nordische Melancholie treffen. Oder auf taiwanesische Volkslieder.

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Gerhart Polt & die Wellbrüder: Bayern-Satire mit Alphorn-Druck

Harfe, Tuba, Akkordeon, Gitarre, Trompete, Querflöte – es scheint kaum ein Instrument zu geben, mit dem die Wellbrüder Michael, Christoph (Stofferl) und Karl nicht vertraut wären. Die Bühne der Oper Bonn ist übersät mit Klangkörpern aller Couleur, immer wieder kommt ein neuer zum Einsatz, während die drei Bayern mit deutlichem, aber zumindest einigermaßen verständlichem Dialekt ihre satirischen Gstanzl zum Besten geben und über Kirche, CSU und Vetternwirtschaft spotten. Themen, die sie mit ihrem Co-Künstler Gerhard Polt gemein haben. Zusammen mit dem bissigen Kabarettisten sind die Wellbrüder für die Reihe „Quatsch keine Oper“ nach Bonn gekommen und sorgen trotz mancher Sprachschwierigkeiten immer wieder für tosendes Gelächter.

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„Nocturno“: Durchorchestrierte Dissonanzen in Alltag und Allnacht

Mit Melodie und Harmonie im klassischen Sinne hat das Klangspektakel in der Bundeskunsthalle gar nichts mehr zu tun: Quietschende Instrumente und teils unverständliche Gesänge vereinigen sich in durchorchestrierten Dissonanzen, generiert von verteilt stehenden Musikern, die so den Hörraum mit gestalten. Dazwischen Bewegung: Ein Sopran singt sapphische Verse, während ein Bariton 80 Mal mit unterschiedlichen Emotionen ein Haiku wiederholt und pornographische Bilder, die die Stellwände des konstruierten Raumes bedecken, an bestimmten Stellen, das Weibliche verkrüppelnd, mit Klebeband verdeckt. Ein bewusst gesetzter Kontrast, eine Beziehung des Unverstehens – doch das erleichtert die Rezeption des präsentierten Werkes nicht.

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„Die Räuber“: Im Fieber der Verzweiflung

Letztlich läuft alles auf einen Generationenkonflikt hinaus. Karl und auch Franz Moor gegen ihren Vater, die mordenden und brandschatzenden Altersgenossen gegen das System, gegen die strenge, aber längst verfallende und verfaulende Ordnung der Alten. Diesen Kampf zeigt das Theater Bonn in der neuen Inszenierung von Schillers Erstlingswerk „Die Räuber“ mit viel Elan und Witz, greift aber an einigen Stellen etwas zu tief in die dramaturgische Trickkiste.

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Brothers & Bones + Get Well Soon: Ein Abend zum Staunen

Wenn gar nichts mehr passt, geht „Independant“. Dieses Label der Postmoderne, unter dem häufig alle Musiker zusammengefasst werden, die sich einer eindeutigen Kategorisierung verweigern, ist inzwischen nur noch eine begrifflich fragwürdige Notlösung, die große Bodenschublade in der ansonsten mit vielen kleinen Fächern bestückten Musikkommode. Doch im Falle des zweiten Crossroads-Abends in der Harmonie reichte auch das nicht aus. Denn sowohl Brother & Bones als auch in noch viel stärkerem Maße Get Well Soon lassen sich nicht einordnen, sprengen alle Register, sind gewissermaßen schon post-alternativ – und begeisterten damit das Publikum bis zur letzten Sekunde.

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TM Stevens: Der einfachste Bass ist oft der beste

Direkt vor den Boxen ist selten ein guter Aufenthaltsort während eines Rock-Konzerts, zumindest wenn man Wert auf weiterhin funktionsfähige Gehörgänge legt. Während des Auftritts von TM Stevens gilt dies erst recht: Massiv donnern die Bässe, die der Großmeister des Heavy Metal Funk mit großer Begeisterung seinen Saiten entlockt und die die gesamte Bühne der Harmonie vibrieren lassen. Beeindruckend. Aber laut. Eine volle Dröhnung erdigen Rocks von dem gut gelaunten und sympathischen Dreadlock-Träger, der auch gerne mal mit dem Publikum abklatscht oder sein Instrument für ein paar Schlusstöne in die Menge hält.

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Barbara Ruscher: Kuhraffanten und Baby-Blogger

Sie kommt ohne Panaden-Kostüm. Ist besser so. Das wäre zu weit gegangen, hätte Barbara Ruscher in ihrem Solo-Programm „Panierfehler! Ein Fischstäbchen packt aus“, das sie am Freitag im Bonner Pantheon präsentierte, zu sehr auf die peinlich-alberne Seite gebracht. Auf jene mit iPhone-Witzen, Erektionsliedern und Hundekot-Phantasien. Auf die Barbara Ruscher auch gut verzichten könnte. Wenn sie denn wollte.

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„Shadowland“: Ein Hundemädchen erkennt sich selbst

Illusionen aus Schatten beherrschen die Bühne. Tiere, Autos, ganze Städte erscheinen aus dem Nichts und fließen wieder auseinander, mal gigantische Projektionen und mal faszinierende Details. Eine ständige Transformation, hervorgerufen durch die Körper des Ensembles der Tanzkompagnie Philobolus, deren traumhafte Show „Shadowland“ am Mittwoch und Donnerstag in der Beethovenhalle begeisterte und die heute in Koblenz zu sehen ist. Getanztes Schattentheater in Perfektion – und das alles dank einer Autowerbung.

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„All you need is love“: Pilzkopf-Nostalgie von Anfang bis Ende

„I wanna be bigger than Elvis“ – das war Anfang der 60er Jahre das erklärte Ziel von John Lennon. Den King vom Thron stoßen. Größenwahnsinnig war das, der verklärte Traum eines Jungspunds aus Liverpool, der mit seinen Freunden in Hamburger Clubs Coversongs spielte und vom großen Durchbruch träumte. Der dann ja auch Wirklichkeit wurde. Die Geschichte dieses Welterfolgs hatte die als Musical angekündigte Show „All you need is love“ am vergangenen Montag auf der Bühne der Beethovenhalle zum Leben erweckt und damit vielen Fans vor allem aus der älteren Generation nostalgische Glücksgefühle beschert.

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Just Pink: Pop-Rock mit Punkermädchen

Mit großen, wenn auch etwas müden Augen schauen die jüngsten Besucher des „Just Pink“-Konzerts auf die Bühne der Harmonie – dort, wo Sängerin Vanessa Henning mit Lederjacke, Tüllkleid und weißer Kurzhaarfrisur den Rockstar Pink perfekt verkörpert und einen Hit nach dem nächsten trällert. Es ist eine beeindruckende Show, auch wenn sowohl die sonst üblichen Tänzerinnen als auch Deko-Elemente fehlen. Doch bereits so stehen die sieben Musiker eng beieinander.

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Lars Reichow: Kabarett mit der Q-Card

Anstehen war gestern. Das sollen die anderen machen, aber nicht Lars Reichow. Der Kabarettist besitzt, seit er an einem Deeskalationsdesk der Kfz-Zulassungsstelle fast eine Eskalation herbeigeführt hätte, eine Q-Card, ein Zeichen seiner Überlegenheit und Dominanz. Ihm muss jeder weichen, jeder Kunde den Vortritt lassen – er darf sich gar bei denen bedienen, wie er im Bonner Pantheon offenbart, darf seinen Mitmenschen die Brötchen und Croissants aus der Tasche ziehen. Ein behördlich autorisierter Egomane also. Oder anders ausgedrückt: Ein Deutscher.

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Serdar Somuncu: Die Offenbarung des Hassias

Er ist ein leidenschaftlicher Hasser: von Minderheiten, Kölnern, extremistischen Mullahs, Nazis und den Machern des RTL-Programms. Serdar Somuncu verteufelt sie alle, beleidigt übergreifend – und wird dafür vom Publikum im Beueler Brückenforum als Prophet gefeiert. Als Hohepriester des Hassismus und Terminator jeglicher verbaler Zurückhaltung. Alles kann, alles darf gesagt werden. Und wenn sich jemand verletzt fühlt: Pech. Es muss ja keiner bleiben und zuhören. Tun aber dann doch alle und jubeln dem sich offenbarenden Hassias auf der Bühne zu.

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Rick Kavanian: „Schizophrenie, jetzt oder nie“

Irgendwie erinnert die Szenerie an die Verhandlung in „Alice im Wunderland“. Nur deutlich länger, komplexer und absurder. Und ohne jemanden, der kontinuierlich Köpfe rollen sehen will. Vor Gericht: Comedian Rick Kavanian, der seine Parkscheibe verstellt haben soll. Den Vorsitz in der Verhandlung im Pantheon führt der Austausch-Richter Benjamin G. Franklin, der eigentlich lieber Golf spielen möchte und wie Jochen Busse klingt, den Staat vertritt der an Obst-und-Gemüse-Tourette leidende Ober-Ossi Jens Maul aus „Traumschiff Surprise“.

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Barbara Dennerlein: Ein Fuß als dritte Hand

Beschränken lässt Barbara Dennerlein sich nicht. Weder auf bestimmte Stile noch auf bestimmte Ton-Farben. Latin, Funk oder Blues, für die 48-Jährige kein Problem. Die Hände jagen über die Manuale ihrer Hammond-Orgel, der linke Fuß sorgt an den Pedalen im wahrsten Sinne des Wortes für den Walking Bass, dient gewissermaßen als dritte Hand – und das Publikum in der ausverkauften Harmonie ist verzaubert. Vom warmen, unverkennbaren und auch durch neueste Synthesizer-Technik nicht reproduzierbaren Klang des Instruments ebenso wie von der sichtlich entspannten Organistin, die schon seit Jahren immer wieder gerne auf die Endenicher Bühne tritt.

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Lisa Bassenge: In Gold gepellte Präsenzschwächen

 

Sie sei bei sich angekommen, habe sich gefunden, hatte Lisa Bassenge im Vorfeld ihrer „Wolke 8“-Tour erzählt. Eine selbstbewusste Aussage, voller Stolz auf das neue Album. Doch in der Harmonie bot sich leider ein anderes Bild: Erst in der zweiten Hälfte des Konzerts konnte die Berlinerin so langsam auftauen und ihre Stimme besser nutzen, wandlungsfähiger wirken und dynamischer. Auch das Zusammenspiel mit der oft schwächelnden Band Katapult hakte, so als ob nicht schon vor dem Studiobesuch, sondern erst jetzt die gemeinsamen Proben begonnen hätten. Nur ab und zu gelang es den Musikern, das Potenzial der Stücke voll auszuschöpfen. Zu wenig für so einen Auftritt.

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The Grandsheiks: Der mit dem Hund tanzt

Der Star des Abends ist eine Handpuppe. Ein kleiner wuscheliger Kläffer, der die stinkenden Füße seines enge Pythonlederstiefel tragenden Herrchens nicht mehr ertragen kann und diesen anfällt. Mitten auf der Bühne, sehr zur Begeisterung des Publikums in der Harmonie. Ein verrückter Moment – und doch ein großartiger. Es ist eine dramaturgische Verbeugung vor Frank Zappa, eine kleine Prise szenischen Wahnsinns in einem Konzert, das ansonsten vor allem musikalisch einem der großen Genies des Rock huldigt, einem Dadaisten, Satiriker und Innovator, dessen Kompositionen so komplex sind, dass sich heutzutage viele lieber leichter zugänglichen Stücken zuwenden als der wilden Mischung aus Rock, Jazz und Neuer Musik.

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Quadro Nuevo: Zahnputz-Lieder und eine reißende Harfensaite

Eigentlich galt Quadro Nuevo immer als europäische Antwort auf den argentinischen Tango. So jedenfalls bezeichnet das Weltmusik-Quartett sich auf ihrer Homepage selbst. Ein Fehler, wie Klarinettist und Saxofonist Mulo Francel am Mittwoch beim ersten von zwei ausverkauften Harmonie-Konzerten zugab: Denn eine Antwort bedingt eine Frage, die aber in diesem Fall nie gestellt wurde. Schon gar nicht vom argentinischen Tango. Den die Multiinstrumentalisten zumindest in der Vergangenheit auch gar nicht richtig hätten spielen können.

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Carolin Kebekus: „Wir müssen fuckable bleiben“

Angekündigt wird sie wie ein Rockstar. Empfangen auch. Als Carolin Kebekus die Bühne der Bonner Oper betritt, rastet das Publikum aus, kreischt, johlt, applaudiert, feiert die 32-Jährige, die als Ghetto-Rapperin verkleidet schon mal die allgemeine Richtung für die kommenden zwei Stunden vorgibt: Kritik durch Provokation. Klare Worte statt höflicher Umschreibungen, immer wieder auch im Vulgären wildernd, so wie einst Ingo Appelt. Nur diesmal aus weiblicher Sicht.

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Nils Wülker: Musik, die die Schwerkraft aufhebt

Aus der Stille erhebt sich ein Ton: golden, weich, klar. Einer nach dem anderen folgt, schafft eine traumhafte Melodie, ein sphärisch-lyrisches Klanggebilde, dezent unterstützt von einem erstklassigen Quartett. Diese fantastischen Töne erwachsen aus Nils Wülkers Flügelhorn, mit dem der 35-jährige Jazztrompeter das „Just here, just now“-Konzert in seiner Heimatstadt eröffnet. „Walking on Air“ heißt das leichte Stück, das durch die Harmonie schwebt. Und bereits zu diesem Zeitpunkt ist klar: Es wird ein schöner Abend.

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Klaus Major Heuser: Im Sitzen lässt sich nicht rocken

Eigentlich sollten die Aufnahmen für die neue CD schon längst abgeschlossen sein. Doch dann kam etwas dazwischen: Die Erkältungs- und Grippewelle. Ein Musiker nach dem anderen fiel aus, selbst der Tontechniker musste das Bett hüten – nur Klaus „Major“ Heuser und Drummer Marcus Rieck blieben verschont. „So was habe ich noch nicht erlebt“, gesteht der Mann mit dem Hut, der vielen älteren Fans noch als BAP-Gitarrist bekannt sein dürfte. Doch pünktlich zum Pantheon-Konzert ist die Band wieder fit, will den Blues spielen und den Rock 'n' Roll. Wobei letzteres durch Sitzgelegenheiten für jedermann erheblich erschwert wird.

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Michael Hatzius: Die Wahrheit über Jesus und die Evolution

Was hat sie nicht alles erlebt, die Echse. Hat beim Urknall die Ohren verloren, dann die Zellteilung erfunden, eine heißblütige Affäre mit Kleopatra geführt, mit Aristoteles das erste Theater gegründet und als Babysitter für Jesus gearbeitet. Eine Biografie, die ihresgleichen sucht. Am Samstag hat die alte Schuppenhaut nun im ausverkauften Haus der Springmaus aus ihrem Leben erzählt, unterstützt von ihrer kassenärztlich gezahlten Bein- und Stimm-Prothese Michael Hatzius (der dafür in diesem Jahr bereits mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde) und mehreren Nachwuchs-Puppen, die alle darauf hoffen, irgendwann einmal den großen Durchbruch zu schaffen und selbst Echse sein zu können.

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„Die Ratten“: Kritik am angenagten Theaterbetrieb

Schon im Foyer der Kammerspiele Bad Godesberg hört man das Wummern der Techno-Bässe. Die Musik des Underground, der Subkultur, der „Ratten“. Ein erster Affront für all jene, die konservatives Theater fordern, gefällige Stücke, Musicals für das Massenpublikum statt herausfordernder, anstrengender Schauspielkunst. Eine Debatte, die in Bonn schon seit Jahren vehement geführt wird, parallel zu Sparzwängen der Stadt, die dramaturgische Experimente zu einem Wagnis machen. Und so gibt Regisseur Lukas Langhoff, der im vergangenen Jahr mit seiner polarisierenden Inszenierung von Ibsens „Volksfeind“ immerhin zum ersten Mal seit 1999 wieder ein Bonner Stück beim Berliner Theatertreffen präsentieren konnte, dem Publikum mit Hauptmanns „Ratten“ eben das Gewünschte, befriedigt Voyeurismus und die Gier nach Dramatik, lässt sein Ensemble singen und tanzen – doch so überzeichnet, obszön und provokant, dass das Publikum eben nicht zur Ruhe kommt, nicht in den ersehnten Traumwelten versinken kann.

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„Siddhartha“: Immerwährendes Recycling des Lebens

Recycling: Zurück in den Kreis. Diese wörtliche Bedeutung könnte bei der Inszenierung von Hermann Hesses Erzählung „Siddhartha“, die das Euro Theater Central seit dem vergangenen Mittwoch auf dem Spielplan hat, eine essentielle Rolle spielen. Schon das Bühnenbild spricht eine deutliche Sprache: Die Wände voller angestrahlter Plastikflaschen, an der Decke Schirme aus dem selben Material, eine große weiße Plane symbolisiert den Fluss. Dazu Tüten und Zeitungen, die als Requisiten dienen, als Bärte und Bananen etwa. Um danach recycelt zu werden. Zurück in den materiellen Kreislauf.

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Erwin Pelzig: Mappen voller kognitiver Dissonanzen

Irgendetwas passt nicht zusammen. Eigentlich sogar vieles. Ilse Aigner und das Verbraucherschutzministerium, zum Beispiel. Oder der Verfassungsschutz und sein Name. Auch der Kampf gegen die Schuldenkrise mit neuen Schulden irritiert, verwirrt, sorgt für eine kognitive Dissonanz. Erwin Pelzig (Frank-Markus Barwasser) hat derer jede Menge. Eine ganze Mappe voll. Doch während die meisten Menschen die Störgefühle beseitigen, indem sie sich alles schönreden, muss Pelzig beinahe zwanghaft die Akten offenlegen, so wie etwa im Bonner Pantheon. Selbst wenn es für ihn schmerzhaft ist.

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„Exit Mundi“: Dystopien am Valentinstag

Lediglich eine Handvoll Leute haben es zur Premiere von „Exit Mundi“ in das Theater im Ballsaal geschafft. Doch wer will auch unmittelbar nach Karneval etwas vom Weltuntergang erfahren? Dystopien am Valentinstag sehen? Sich der Endlichkeit des Lebens bewusst werden? Und so muss das Ensemble vom Kölner a.tonal Theater ihre apokalyptische Collage vor fast leeren Bänken aufführen. Ein hartes, unverdientes Los. Denn trotz mancher Schwächen ist „Exit Mundi“ spannend, lehrreich und vor allem effektvoll in Szene gesetzt.

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Politischer Aschermittwoch: Kabarettistische Mogelpackung

Eigentlich ist der politische Aschermittwoch eine Sache der Parteien. Ein Tag, an dem die Granden die Basis nach den wilden Karnevalstagen wieder mit polemisch-derben Attacken gegen den politischen Gegner wieder vereint und tagesaktuelle Debatten zu führen versucht. Eine Tradition, der sich auch Kabarettisten stellen können und sollten – es sogar müssen, wenn sie sich unter dem entsprechenden Namen zusammenfinden. Doch was nun im Bonner Pantheon als politischer Aschermittwoch verkauft wurde, war letztlich nicht viel mehr als eine komödiantische Entsprechung zum Pferdefleisch-Skandal. Denn das was draufstand, war kaum drin.

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Monsters of Liedermaching: Sitzpogo und Sahneschnitten

Wie gut, dass es treue Fans gibt. Fans, die jede Strophe kennen, jedes Mitsingspiel mitmachen, für gute Laune sorgen und dafür nicht allzu kritisch auf Text- oder Melodieniveaus schielen. Fans, die für die Monsters of Liedermaching das Lebenselixir sind. Auf diese Leute konnten sich die sechs gemeinsam musizierenden Solokünstler auch bei ihrem Auftritt im Bonner Pantheon verlassen, in dem sie einen Song nach dem anderen herunterschrammelten oder hervorzauberten, mit fließenden Wechseln für Dauerbeschallung sorgten. Hauptsache Abwechslung und Partystimmung. Beides gelang. Doch zugleich fuhr die Qualität Achterbahn.

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Absalom Reichardt: Der Tod steht ihm gut

„Herzlich willkommen im Pantheon-Casino zum kollektiven Selbstmord“, ruft dieser seltsame Kuttenträger, bevor er in die Knie geht, die Arme anwinkelt und mit den Ellenbogen wedelt. Ententanz heißt das normalerweise. Totentanz in diesem Fall. Denn es ist der Schnitter höchstpersönlich, der da auf der Bühne steht und die Anwesenden, darunter 15 Angestellte des Bonner Bestattungshauses Muss, von einem Lachanfall in den nächsten führt. Todesursache Zwerchfellversagen. Erst Fan werden, dann Kunde.

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Jacob Karlzon: Kontinuierliches Crossover

Kurze Stücke gibt es bei Jacob Karlzon nicht. Ebenso wenig wie eintönige. Im Schnitt 15 Minuten nimmt sich der schwedische Jazzpianist in der Harmonie Zeit, um zusammen mit seinem Bassisten Hans Andersson und dem genialen Drummer Robert Mehmet Sinan Ikiz eine Idee durchzuspielen, sie zu erforschen und zu variieren. Es sind musikalische Geschichten, historische Abrisse ebenso wie sehr persönliche Erlebnisse, in Töne gegossen, deren volle Bedeutung wahrscheinlich nur den Musikern bewusst ist, während das staunende Publikum aus den dargebotenen Collagen und den Ansagen Karlzons meist nur Ansätze dessen destillieren kann, was den Komponisten beim Schreiben des Stückes umtrieb.

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Fred Kellner & die famosen Soulsisters: Funkige Silberhochzeit ganz in weiß

Fast könnte man von einem Skandal sprechen. Lediglich zehn Minuten geben die Soulsisters Anke und Susanne Engelke zusammen mit den verschiedenen Fred Kellners auf der Bühne der Harmonie Gas, dann ist Schluss. Ende. Das beste aus 25 Jahren war schließlich in diesem Auftritt verpackt, was soll da noch folgen? Unter anderem die wohl längste Zugabe der Welt. Denn natürlich lässt sich die Soul- und Funk-Formation nicht lange bitten, der feierhungrigen Menge, die sich wie Sardinen im ausverkauften Saal quetscht, Futter zu geben. Viel Futter.

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Nicole: „Selbst wenn der Strom ausfällt, spielen wir weiter“

Nicole will Farbe bekennen. Zeigen, was sie kann und sich nicht, wie viele ihrer Kollegen, hinter Playback verstecken. Also unplugged spielen. Und dann auch noch in Kirchen, wo zu viel Technik ohnehin mehr schadet als nützt. „Selbst wenn der Strom ausfällt, spielen wir weiter“, verspricht sie. Seit 2009 setzt die Schlagersängerin auf dieses Prinzip, am Donnerstag war sie nun mit ihrem aktuellen Programm in der Bonner Kreuzkirche und sang Klassiker sowie Stücke von ihrem neuen Album.

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Kat Frankie: Melancholische Entschleunigung mit Loop-Machine

Da steht sie nun, diese ernste Frau mit dem Zirkusfrack, die Haare streng zurückgebunden – nur sie auf der Bühne, ganz allein, einsam vor einem Mikro, sich selbst mit einer Loop-Machine Gesellschaft schaffend, einen Chor aufnehmend, der ihre Melancholie mit ihr heraus in die Welt trägt. Schön klingt es, aber auch depressiv. So wie fast der gesamte Trennungsliederabend in der Harmonie. Nein, Kat Frankie ist keine Sängerin, die einen herausholt aus der Dunkelheit – eher eine, die einen wieder hineinschiebt und vielleicht noch ein Glas Rotwein hinterher reicht. Ohne eine Miene zu verziehen.

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Rainald Grebe: „Tuffm heißt das!“

Rainald Grebe darf alles. Alle drei Strophen des Deutschlandliedes singen, sich ein Kondom über den Kopf ziehen, Orgasmen vorspielen oder Vogelstimmen – wenn der frischgebackene Träger des Deutschen Kabarettpreises auf der Bühne loslegt, regiert das Unerwartete. Das Absurde. Der Geist von Dada und Gaga. So auch in der Oper Bonn, in der Grebe auf Einladung des Pantheons am Freitagabend ein umjubeltes Dreistundenkonzert gab. Alleine diesmal, ohne das Orchester der Versöhnung oder andere Unterstützer.

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Hamburg Blues Band: Woodstock-Veteran trifft Bluesrock-Röhre

Die Harmonie tobt. Dank einigen Altmeistern des Bluesrock. Kernig, kräftig, stark: Maggie Bell und Miller Anderson geben zusammen mit der Hamburg Blues Band alles, einen Klassiker nach dem nächsten, mit einer Energie, die Ihresgleichen sucht. Rock-Opas und -Omas werden die Vertreter jener Generation von Woodstock-Veteranen oft verächtlich genannt, doch die dadurch evozierten Bilder von beige tragenden Nordic-Walker-Greisen sind nun wirklich völlig fehl am Platz. Ganz im Gegenteil. Was die 67-Jährige Queen of Rock und ihr langjähriger Gitarrenfreund an diesem Donnerstag abliefern, dürfte bei vom weichgespülten Radio-Pop verhätschelten Enkeln für fallende Kinnladen sorgen.

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Dieter Nuhr: „Wir haben zu viele Ängste“

„Dir scheint die Sonne aus dem Arsch“, soll ein Kabarettist einmal zu Dieter Nuhr gesagt haben. Zu gut gelaunt sei er, zu positiv eingestellt angesichts einer Welt, die von einer Krise in die nächste schlittert, in der Kriege zum Alltag gehören und das Geld über allem steht. „Stimmt“, sagt Nuhr. Und lächelt. Während er sich aufregt. Denn auch wenn es in der Beethovenhalle eigentlich ein ruhiger, gemütlicher, unpolitischer Mittwochabend werden soll, kann sich der 52-Jährige nicht immer zurückhalten. Zu viel liegt im Argen.

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Rhythm of the Dance: Der Charme eines welkenden Kleeblatts

Offensichtlich ist der Hype vorbei, irische Step-Shows nicht mehr so gefragt wie noch vor einigen Jahren. Zumindest lässt „Rhythm of the Dance“ das vermuten: Der Produktion, die kurzfristig von der Beethovenhalle in das halb so große Brückenforum verlegt werden musste, schaffte es einfach nicht, selbst den neuen Aufführungsort zu füllen. Etwa ein Drittel der Stühle blieben am Dienstag leer, während die Tänzer auf der Bühne in einer Art Nummern-Revue mit ihren Füßen den Takt angaben. Und dabei nur halb zu überzeugen wussten: Technisch exzellent, emotional aber welkend konnte „Rhythm of the Dance“ die Erwartungen nicht ganz erfüllen.

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Bundesjugendorchester: Programmmusik mit Gliederpuppen

Ein bisschen verwirrend war der Titel schon: „Great (Benjamin) Britten“ hatte die Bundeskunsthalle das spannende Konzert des Bundesjugendorchesters benannt, das sie am vergangenen Samstag im hauseigenen Forum als Ergänzung zu der Ausstellung „Schätze der Weltkulturen. Die großen Sammlungen: The British Museum“ präsentierte. Doch von der Größe des englischen Komponisten bekamen die Zuhörer nur einen kleinen Eindruck – lediglich sein selten gespieltes Klavierkonzert erklang.

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„Nichts“: Die Dämonen der Bedeutung

Was ist im Leben wirklich wichtig? Was ist etwas wert? Was hat Bedeutung? Nichts, sagt Pierre Anthon – und verzieht sich in einen Pflaumenbaum. Von dort schleudert die zentrale Figur des nach dem gleichnamigen Janne-Teller-Roman geschriebenen Stückes „Nichts“, das nun im Jungen Theater Bonn Premiere feierte, nihilistische Phrasen auf seine Mitschüler, will sie, beinahe schon mit mephistophelischer Argumentationskraft, vom Leben abwenden und verspottet ihren Eifer, doch noch etwas zu werden. „Dann müssen wir eben beweisen, dass es Dinge gibt, die etwas bedeuten“, beschließen die Jugendlichen – doch aus der anfänglichen Sammelei wird bald eine gefährliche Spirale aus Rache, Gewalt und Blut, ein zerstörerisches Opfer-Ritual, das schließlich in einer Katastrophe endet.

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„Konsequenzen“: Risse in der papierenen Wirklichkeit

Mitten durch den Theaterraum geht ein symbolischer Riss. Oder ein Pfad. Auf jeden Fall eine Bühne. Eine Treppe aus Podesten, belegt mit Papier. Ein Wasserfall aus Weiß, durch zwei Beamer künstlich erweitert, und drumherum das Publikum. Dass der kleine Vorführraum des Euro-Theater Central diese Möglichkeiten bietet, hätte vor der Premiere des Multimedia-Projekts „Konsequenzen“ am vergangenen Donnerstag kaum jemand gedacht. Bis auf die Tanzkompanie bo komplex, bestehend aus Bärbel Stenzenberger und Olaf Reinecke.

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„Getürkt“: Wer ist Musa?

Wer ist Musa? Ein Libanese? Das haben ihm seine Eltern immer erzählt. Es war gelogen. Ein Deutscher? Immerhin ist er in Berlin aufgewachsen, hat dort seine Freunde, kennt nichts anderes. Aber der Staat sagt nein, schiebt ihn ab. Ein Türke? Warum? Weil seine Eltern einst aus diesem Land flohen, zu dem der 18-Jährige keine Verbindung hat, dessen Sprache er nicht beherrscht? Weil die Behörden es so wollen? Wer ist Musa, der nicht sein darf, was er gerne wäre, und der nicht sein will, was er angeblich ist? Diese Frage kann auch das für den deutschen Jugendtheaterpreis 2012 nominierte Stück „Getürkt“, das am vergangenen Mittwoch in der Werkstatt des Theaters Bonn seine Premiere feierte, nicht beantworten. Kann nicht und will nicht.

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„Schlachtplatte“: Ein Pfund Komik, halb und halb

Irgendwie dreht sich alles um Angela. Na ja, fast alles. Die schwarze Mamba der Politik, die gerne mal politisch unliebsamen Störenfrieden mit einem unhörbaren „Palimpalim“ ihr Vertrauen ausspricht und sie dann eliminiert, ist eines der Lieblingsziele des Schlachtplatten-Quartetts, das in halb neuer Besetzung am vergangenen Montag im Bonner Pantheon aufgetreten ist. Die beiden altbewährten Satire-Metzger Robert Griess und Jens Neutag haben mit dem Pott-Poeten Matthias Reuter und der weiblichen Antwort auf Hagen Rether, Barbara Ruscher, zwei hervorragende Kollegen hinzugezogen, um einige der Themen des vergangenen Jahres mit dem verbalen Schlachterbeil fachgerecht zu zerlegen. Euro-Krise, Ärztevergabestelle und Betreuungsgeld, Rösler, Wulff und Steinbrück – alles im Angebot.

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New York Gospel Stars: Powerstimmen mit Gotteslob

„Seid ihr bereit für etwas Gospel?“, fragt Craig Wiggins – und aus hunderten Kehlen antwortet ihm ein lautes „Ja“. Und dann noch ein lauteres, weil Wiggins noch nicht überzeugt ist. Kein Zweifel, der Mann weiß, wie man die Menge aufpeitscht. Mit seinen New York Gospel Singers ist er seit Jahren erfolgreich, jetzt ist er in die Bonner Kreuzkirche gekommen, um Gott zu preisen und das Publikum zu selbigem zu bewegen. Kein Problem: Immerhin hat er großartige Stimmen versammelt, kraftvolle, energetische, ausdrucksstarke Organe. Die sich nur leider aufgrund der Technik und der schwierigen Kirchen-Akustik manchmal nicht so frei entfalten dürfen, wie sie es eigentlich verdient hätten.

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Stephan Masur: Vom Adel verpflichtet

Bälle aufheben, Kästen tragen, Requisiten wegräumen: Das ist unter der Würde eines Mitglieds der Noblesse. Dafür gibt es Diener. Niederes Volk, das aufmerksam zu dem Comte auf der Bühne des Bonner Pantheon-Casinos aufblicken und ihm jeden Wunsch von den Lippen beziehungsweise Augenbrauen ablesen muss, zugleich aus reiner Ehrerbietung gegenüber dem erhabenen Stande das Klicken und Schnalzen des Hohen Herrn zu interpretieren versuchend. Adel verpflichtet eben. Auch gerne mal drei oder vier Mitglieder des Pöbels. Abgespeist werden diese mit Tand, Ballontieren – und Jonglage, Balancierkunst oder Schattenspielen. Ein fairer Tausch.

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