Nicole Nau & Luis Pereyra: Sehnsucht nach Freiheit

Ach, der Tango. Ein Tanz, der begehrt und sehnt, der verführt und der trauert, der schmerzt und manchmal sogar jammert. Luis Pereyra hat ihm sein Leben gewidmet, als er 1975 mit zehn Jahren erstmals auf einer Bühne tanzte und sie im Grunde nie wieder verließ. Fünf Jahrzehnte lang hat er den Tango Argentino gezeigt, choreographiert und gelehrt; einmal hat er sogar Prinzessin Diana und Prinz Charles (heute König Charles III.) unterrichtet. Mit der Produktion „Siga el baile“ blickt er nun – unterstützt von seiner Frau und langjährigen Tanzpartnerin Nicole Nau sowie der gemeinsamen Kompanie – auf sein Leben und die Geschichte des Tango Argentino zurück. So auch im restlos ausverkauften Pantheon.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Der Tango Argentino ist wie so ziemlich jede kulturelle Errungenschaft das Resultat einer Vermischung. Die Rhythmen afrikanischer Sklaven, der Mystizismus der indigenen Ureinwohner, der Stolz der Kreolen und die Kodifizierung der Europäer sind in Lateinamerika – und insbesondere in Argentinien – verschmolzen und wurden, so erklärt es Nicole Nau, in der Gestalt des Gaucho verkörpert. Er, der freiheitsliebende Wanderer der Pampas, soll mit seiner Gitarre den Tango entwickelt und später nach Buenos Aires getragen haben. Das behauptet zumindest die Folklore, die den Gaucho ebenso idealisiert hat wie in Nordamerika den Cowboy. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges hat ihm zusammen mit Astor Piazolla ein Denkmal gesetzt, an das Pereyra und Nau nun anknüpfen. Sie folgen dem Gaucho in die Städte, wo sie sich zum Compadre wandeln, dem ehrenhaften und stolzen Mann, den viele als arrogant-provokativen Compadrito zu imitieren versuchten. Diese Transformation bringt das Tanzpaar mit unvergleichlicher Brillanz auf die Bühne: Der Compadre bietet der Frau Bewegungen an, der Compadrito fordert sie ein; ersterer lässt ihr Freiheiten, die sie sich bei letzterem selbst nehmen muss. „Im Tango Argentino führt der Mann, aber die Frau folgt nicht – sie tanzt“, so beschreibt Nau es. 

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Im Tango Argentino sind die Choreographien von Pereyra und die gebürtige Deutsche Nau geradezu legendär. Sie erzählen mit ihren Tänzen Geschichten und integrieren dabei alle Spielarten, von der Milonga und dem Vals bis hin zum Chacarera und dem Candombe, der gewissermaßen ein Vorfahre des Tangos ist. Zwischendurch erklärt Nicole Nau bestimmte Elemente mit großer Liebe zum Detail: Da werden die hoch geworfenen Beine zum symbolischen Messerkampf der Gauchos und der Tanz an sich zum Liebeswerben. „Der Tango treibt uns, um und zusammenzubringen und kurz darauf wieder zu trennen“, sagt sie. Und zeigt, was sie meint. Oder lässt es zeigen. Denn die sechs Tänzerinnen und Tänzer ihrer Kompanie sind nicht minder herausragend, jung und kraftvoll, mit starken Soli voller Dynamik und Akrobatik. Phänomenal etwa die Energie zwischen Azul Fassere und Jorge Daniel Lugo, die mit beeindruckender Leichtigkeit selbst anspruchsvolle Sequenzen meistern und dabei offenkundig ihren Spaß haben. Derweil sind Marcela Jimenez und Charly Morales Rodriguez etwas folkloristischer unterwegs, was aber nicht minder hochkarätig ist; ähnliches gilt für die ausdrucksstarken Bewegungen von Ivanna Carrizo und Fernando Gimenez. Übrigens: Auch zwei Männer können zusammen Tango tanzen. Und dabei eine gute Figur machen.

Im Mittelpunkt stehen aber stets Nicole Nau und Luis Pereyra. Letzterer greift mitunter auch mal zur Gitarre und singt dazu mit rauchigem Organ, ab und zu begleitet von Gimenez und Rodriguez als Perkussionisten. Auch das gehört zum Leben der Gauchos dazu und daher auch zum Tango Argentino. Den weiß man am Ende des Abends viel besser zu würdigen, dank eines charmanten, tiefgehenden und mitunter augenzwinkernden Programms und dank 50 Jahre Erfahrung. Besser geht’s nicht.

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Kommentare: 1
  • #1

    Waltraut (Mittwoch, 11 März 2026 22:26)

    Wunderbarer und ausführlicher Artilel!! SO ist es!