Eine verbotene Liebe inmitten von schlechten Zeiten, ein die gleichaltrige Stiefmutter begehrender Königssohn und ein Rückkehrer, der dem Infanten in aller Freundschaft beizustehen versucht: Mehr Seifenoper geht kaum. Felix Krakaus Überschreibung von Schillers „Don Karlos“ will genau das erreichen, will dem komplexen Geflecht des Originals eine geradezu groteske weil klischeehafte Inszenierung aufzwingen. Und so absurd es auch klingt, mitunter geht dieser Ansatz tatsächlich auf. Doch der unterhaltsame Ton und das in seinem Minimalismus erstaunlich intensive Bühnenbild können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Figuren in dieser boulevardesken Version dieses dramatischen Gedichts nur noch Schatten ihrer selbst sind.
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Auf seiner Mission, den Schillerschen Pathos zu durchbrechen, verliert Krakau immer wieder die Balance: Er verweigert dem Ensemble nahezu alle Gestaltungsmöglichkeiten und legt die Rollen als
Abziehbilder an, die – je nach persönlichem Geschmack – zwar einen unterhaltsamen, aber keinen intellektuellen Abend versprechen. Stattdessen folgt, so verspricht es das Ensemble chorisch,
„Blutgericht und Halligalli“. Na wunderbar.
Dabei hat die Lesart von Schillers Drama als Vorgänger der Daily Soaps durchaus etwas für sich. Vor allem das Liebeswirrwarr zwischen den Figuren könnte ein ganzes Autoren-Team nicht besser
hinbekommen: Thronfolger Karlos begehrt seine ehemalige Verlobte und jetzige Stiefmutter, die für ihn keine derart intensiven Gefühle hegt; trotzdem brodelt es in König Philipp II vor Eifersucht.
Derweil liebt Prinzessin Eboli Karlos, die sich nach einer Zurückweisung an ihm rächen will und sich mit dem ebenso erfahrenen wie grausamen Herzog von Alba zusammentut. Was für ein Tableau.
Leider können die Figuren diese ihnen zugedachten Rollen nicht überwinden. Zwar darf Daniel Stock als Philipp II ein wenig leiden, weil er schwankt zwischen Liebe und Zorn, Enttäuschung und
Rachsucht. Doch selbst seine Figur vermag nicht über ihren Schatten zu springen. Und die anderen? Erst recht nicht. Don Karlos (Jakob Z. Eckstein) ist ein naiver Idealist und Träumer, der
jegliche Konfrontation scheut und sich viel lieber in Lethargie flüchtet; Elisabeth (Imke Siebert) agiert als Mutter der Nation, die über fleischlichen Gelüsten steht; und der Marquis von Posa
(Riccardo Ferreira) ist ebenso wie Eboli (Julia Kathinka Philippi) sowohl von seinem Streben nach Unabhängigkeit für Flandern als auch von seinen höfischen Intrigen schlichtweg überfordert.
Einzig der mephistophelische Alba (Paul Michael Stiehler) erweist sich als Lichtblick, vor allem im Gespräch mit Karlos. Doch auch in diesen Fällen wird zwar viel gesprochen. Aber wenig
getan.
Das ist bedauerlich, zumal man aus dem Stoff mehr hätte machen können. Andererseits hätte eine Ausdehnung auf mehr als zwei Stunden wahrscheinlich Bühnenbild und Lichtdesign arg strapaziert – und
beides gehört ohne Zweifel zu den größten Stärken in Krakaus Inszenierung. Felix Schaumberger begnügt sich mit einer nackten, dafür aber auf Hochglanz polierten Bühne, in der sich sowohl
Videoprojektionen als auch Lichter und Menschen spiegeln, sowie drei unterschiedlich großen Rahmen aus Neonröhren, die das Geschehen einrahmen, es aufbrechen und ihm Tiefe geben. Brillant. Doch
in dieser kalten, futuristischen Welt gibt es eben keinen Aufstand gegen die Obrigkeit, kein Ausbrechen aus erstarrten Regeln, keine Revolution. Ja, diese wird verschiedentlich gefordert, genau
das wollen sowohl Alba als auch der Marquis von Prosa. Und zwischenzeitlich sollen wohl sogar die Bürgerinnen und Bürger auf die Straße gehen und (aus welchen Gründen auch immer) nach Don Karlos
rufen. Doch im Reich der Herrschenden bleibt lediglich Stille. Und Stillstand. Schade.
Termine
12.4., 18 Uhr // 18.4., 23.4., 2.5. und 15.5., jeweils 19.30 Uhr. Alle Vorführungen finden im Schauspielhaus Bad Godesberg statt. Tickets und weitere Informationen unter www.theater-bonn.de.



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