„Zwischen uns ist Krieg“: Der erste und der letzte Kuss

Nach dem ersten Kuss ist alles anders. Nach dem ersten Kuss hängt der Himmel voller Bomben. Nach dem ersten Kuss ist nach dem letzten, zumindest für eine sehr lange Zeit. Denn gerade als die beiden Jugendlichen Mila und Danya endlich ein Paar geworden sind, greift Russland die Ukraine an. Es ist der 24. Februar 2022 – und ab diesem Tag wird für die beiden Liebenden, so wie für alle anderen Ukrainerinnen und Ukrainer, nichts mehr so sein, wie es war. Diese Thematik greift nun das Ensemble Theater Mriya (ukrainisch für „Traum“) auf und zeigt mit „Zwischen uns ist Krieg“ in bewegenden Szenen, wie entwurzelt sich ein ganzes Volk fühlt – und wie sehr die Unsicherheit über das Schicksal der Zurückgebliebenen schmerzt.

Regisseurin Maryna Liushyna hat großen Wert darauf gelegt, dass die Geschichte von Mila und Danya exemplarisch für alle Jugendlichen der Ukraine steht. Vor Beginn der Handlung lässt sie das Ensemble zu Wort kommen, lässt sie erzählen von ihren eigenen Erlebnissen und Traumata, von Vätern, die sie kaum mehr sehen, und von Verstorbenen, von denen man sich nicht verabschieden konnte. Im Hintergrund wechseln sich auf einer Leinwand Fotos ab, die Schulklassen vor in Schutt und Asche liegenden Schulgebäuden zeigen, die Sehnsucht nach Hoffnung in einer Trümmerlandschaft, nach einer Perspektive, nach einem Platz zum Leben. „Ich habe vergessen, wie es sich, sich zu Hause zu fühlen“, sagt eine der jungen Frauen. Eine Perspektive, die auch die fiktive Mila kennt. Sie flieht mit ihrer Mutter zu Beginn des Krieges von Mykolajiw im Süden der Ukraine nach Bonn, wo ihr Vater Bekannte hat. Danya bleibt derweil zurück, ihre Freundinnen und Freunde verstreuen sich in alle Himmelsrichtungen. Und in Deutschland? Ist sie eine Fremde, findet keinen Anschluss, keine Perspektive. Ihr Herz sehnt sich nach der Ukraine, auch wenn ihr Elternhaus wie so viele Gebäude durch Raketenbeschuss nicht länger steht. Und sie sehnt sich nach dem zweiten Kuss.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Dabei ist zu Beginn des Stücks noch alles so schön. So unschuldig. Schon als Mila (stark: Anna Konovalova), die Tochter des neuen Direktors der Schule, zum ersten Mal in ihre Klasse kommt, fällt sie Danya (Matvii Stankevych) ins Auge, und er tut alles, damit sich der Rotschopf neben ihn setzt. Was folgt, ist ein typisches Teenie-Drama: Eine sich langsam anbandelnde Romanze geprägt von Schüchternheit und Unsicherheit, sehnsüchtig mehr ersehnend und doch nie den richtigen Augenblick findend. Bis schließlich bei einem Treffen auf der Eisbahn der Knoten platzt. Und die Sirenen zu heulen beginnen.

Für die mutige Produktion greift Maryna Liushyna auf zahlreiche Kunstgriffe zurück: Mal lässt sie ganze Szenen einfrieren, um innere Monologe und Rückblicke von Mila und Danya aufzugreifen, dann wieder werden ganze Chat-Verläufe auf eine Leinwand projiziert – natürlich auf ukrainisch so wie auch sämtliche Dialoge, aber immerhin gibt es auf einem Bildschirm am Rand auch eine deutsche Übersetzung. Auch eine exzellent choreographierte Tanzszene darf nicht fehlen, und anstelle von Kufen schnallen sich die Jugendlichen für das Treffen auf der Eisbahn Rollen unter die Schuhe. Schöne Einfälle, die „Zwischen uns ist Krieg“ gut zu Gesicht stehen. Nur die Technik enttäuscht: Musik und Videos werden brutal abgewürgt, teilweise mitten im Satz, fließende Übergänge gibt es nicht. Schade, da hätte man mehr erwarten können, vor allem im zweiten Teil, als die eingeblendeten Fernsehbeiträge und Social-Media-Clips immer relevanter werden und ihren Teil dazu beitragen, die Schrecken des Krieges zu vermitteln. Diese Funktion wird ihnen aber durch ein fehlendes sorgfältiges Ausblenden zumindest zum Teil genommen, und so obliegt es dem inzwischen in russische Gefangenschaft geratenen Danya, dies zu kompensieren. Was Schauspieler Matvii Stankevych ihm in einer erschreckenden Folterszene bravourös gelingt. Überzeugend aber auch die Darbietung von Anna Konovalova als verängstigte Mila, die über Wochen hinweg nichts mehr von ihrem Danya hört und ganz krank vor Sorge ist. Das ist auch Folter. Immerhin gibt es zumindest im Stück letztlich ein Happy End. Übrigens auch für Theater Mriya: Sigrid Limprecht hat im Namen der Brotfabrik schon verkündet, dass im Herbst weitere Aufführungen von „Zwischen uns ist Krieg“ folgen sollen.

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