Florian Schroeder: Die Abrechnung des Korrektors

Für Florian Schroeder fängt das neue Jahr ja gut an: Da will er klimafreundlich von Berlin nach Bonn reisen, nimmt den Zug und kommt mit drei Stunden Verspätung in Siegburg an. Gut, von der Deutschen Bahn ist man eigentlich nichts anderes mehr gewohnt, aber ärgerlich ist so was trotzdem, zumindest für Schroeder, der immerhin in einer fast ausverkauften Bonner Oper für seinen traditionellen satirischen Jahresrückblick erwartet wird und sich nun in der Zugtoilette in seinen Anzug stürzen muss, um das Publikum nicht länger warten zu lassen als nötig. Es werden letztlich 20 Minuten. Dann stürmt der Kabarettist die Bühne und legt sofort in gewohnter Manier los: Mit – teils recht pubertären – Video-Collagen voller verbaler Patzer aus der Polit-Riege, bissigen Kommentaren und einigen dringend notwendigen Perspektivwechseln. Denn auch wenn Schroeder weiterhin gerne Ankläger, Geschworener und Scharfrichter in einer Person ist, rückt er doch zugleich viele Missverständnisse aus den regulären und den sozialen Medien gerade – und das kann man in dem oftmals aufgeladenen politischen und gesellschaftlichen Diskurs nur begrüßen.

Natürlich lässt sich Florian Schroeder trotz allem nicht davon abbringen, die Mächtigen zu attackieren. Vor allem Friedrich Merz hat er im Visier, doch wie könnte es auch anders sein angesichts der oft rechtspopulistischen Aussagen des Kanzlers, der etwa mit der Stadtbild-Debatte offenbar versucht hat, sich das Vokabular der AfD zunutze zu machen. Schroeder nimmt diese Sätze genüsslich auseinander, kontert mit Fakten und Statistiken, lässt die hohlen Phrasen platzen und erweist sich einmal mehr als exzellenter Rhetoriker, der auf plumpe Zoten und ordinäre Animationen auf dem Titatron eigentlich verzichten könnte. Und dies über lange Strecken auch tut. Stark ist etwa die Auseinandersetzung mit der Ermordung des US-Amerikaners Charlie Kirk, der entgegen der Meinung von Politikern wie Jens Spahn nicht etwa gut konservativ, sondern vielmehr gesichert rechtsextrem war – und dessen Tod trotzdem nicht so hätte politisiert werden sollen, wie dies in den Vereinigten Staaten und mitunter auch in Deutschland geschehen ist. „Es gibt keinen Witz, der so geschmacklos wäre wie der Versuch der MAGA-Bewegung, Charlie Kirk zu einem Märtyrer zu machen“, kommentiert Schroeder dies. So viel Differenzierung sollte schon sein.

Werbeanzeige


QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Ohnehin scheint Schroeder in seinem Programm nicht nur einen Unterhaltungs- sondern auch einen Bildungsauftrag zu verfolgen. Konsequent arbeitet er unter anderem den Fall der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf auf, die eigentlich ans Bundesverfassungsgericht hätte berufen werden sollen, von Teilen der CDU/CSU-Fraktion aber torpediert wurde. Die Vorwürfe gegen sie (unter anderem soll sie gegen ein AfD-Parteiverbotsverfahren, für eine Impfpflicht und für Schwangerschaftsabbrüche bis zur Geburt sein) widerlegt Schroeder souverän, unterscheidet explizit zwischen subjektiver Meinung und objektiver Gutachter-Analyse und korrigiert so ein völlig falsches Bild, das Politikerinnen und Politiker zusammen mit den Medien kolportiert haben. Wenn in einer solchen Diskussion die Emotionen die Sachlage bestimmen und nicht der Verstand, wird es eben schwierig. Das zeigt sich auch bei einer Anklage wegen Volksverhetzung, mit der Schroeder sich konfrontiert sah und mit der sich die Staatsanwaltschaft keine Gefallen getan hat. Wenn seine Satire, die einen polizeibekannten AfD-Sympathisanten zu einer Anzeige motiviert, von Juristen als rechtsextrem eingestuft wird, läuft irgendwas gewaltig falsch. Das ist nicht unbedingt lustig. Aber lehrreich.

Im weiteren Verlauf des Abends verändert Florian Schroeder zunehmend den Fokus, denkt größer, globaler. Unweigerlich muss er sich zu Trump äußern, wobei er vor allem dessen Verhältnis zu Europa analysiert und sich an der Unterwürfigkeit von EU-Politikerinnen und -Politikern stört. Alleine damit ließe sich ein eigenes Programm füllen. Oder eine Vortragsreihe. Das Publikum fühlt sich auf jeden Fall bestens unterhalten und feiert diese erste Veranstaltung der Reihe „Quatsch keine Oper“ im neuen Jahr. Ein guter Auftakt also. Bestens.

Termine in der Umgebung

21. März 2026, 20 Uhr, Comedia Köln

24. Mai 2026, 20 Uhr, Pantheon Köln

Kommentar schreiben

Kommentare: 0