Local Ambassadors: Wahnsinn ohne Grenzen

Alles, nur nicht normal: Wenn die Local Ambassadors loslegen, wird es bunt. Und mitunter ein bisschen verrückt. Die Hausband des „Over the Border“-Weltmusikfestivals, das in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag feiert, kann gar nicht anders. Wie auch, wenn sie sieben Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt begleiten müssen, dafür nur eine Probe haben und sich somit innerhalb kürzester Zeit in jeden nur denkbaren Stil einfühlen müssen. Was den „Botschaftern“ um Pianist Marcus Schinkel und dem Perkussionisten Pape Samory Seck immer wieder gelingt. Dabei liegt die Messlatte in diesem Jahr besonders hoch, denn ein queeres 15-Minuten-Musical mit der ein oder anderen „Rocky Horror“-Anleihe haben selbst die versierten Musiker zuvor noch nicht auf die Beine gestellt. Geht aber auch. Irgendwie. Man muss halt nur flexibel sein. Und Spaß haben an einer Musik, die Grenzen konsequent überschreitet. Was heutzutage wichtiger ist als jemals zuvor. 

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Bereits zum zehnten Mal organisiert Manuel Banha dieses Festival, das der UN-Stadt Bonn so gut zu Gesicht steht und das trotzdem immer noch etwas stiefmütterlich behandelt wird – ein Vertreter der Stadt kommt bei diesem Auftaktkonzert im Pantheon auf jeden Fall nicht auf die Bühne. Dabei hat Banha insgesamt rund 800 Musikerinnen und Musiker an den Rhein geholt und dem willigen Publikum Augen und Ohren geöffnet. Wo sonst erlebt man japanische traditionelle Musik, die sich mit Rock und Punk vermischt, oder das Aufeinandertreffen einer ukrainischen World-Beats-Bands mit einer polnischen Formation, die sich von den Melodien der Roma und anderer Nomadenvölker beeinflussen lässt? Und wo sonst öffnet sich ein Klangkosmos wie an diesem Abend mit den Local Ambassadors, in dem senegalesischer Hip Hop ebenso eine Rolle spielt wie karibische Rhythmen, belgischer Soul und ein iranisches Protestlied? 

Tatsächlich fließt all das – und mehr – in das zweieinhalbstündige Konzert ein. Schon der Auftakt mit der belgischen Singer-Songwriterin Elvira Lawson, deren leicht rauchige Stimme ein bisschen an Amy Winehouse erinnert, ist atemberaubend. Mit ihr lassen die Local Ambassadors es direkt mal ordentlich krachen – ein Ansatz, den sie bei Maia fortführen, auch wenn die nachdenklichen Lieder der Kölnerin eigentlich mit reduzierten Arrangements besser geklungen hätten. So wie bei „Baraye“, der Hymne der iranischen Protestbewegung, die Sängerin Mirta nur mit Marcus Schinkel an den Tasten anstimmt, auf spanisch, um authentisch zu sein, aber gerade dadurch so unglaublich wahrhaftig. Das Stück widmet Mirta übrigens nicht nur allen Opfern dieses noch jungen 3. Nahost-Kriegs, sondern auch der persischen Sängierin Schirin Partowi, die krank im Bett liegt, und dem Kniegeigen-Virtuosen Bassem Hawar, der bislang nicht aus Bagdad ausreisen konnte. So weit ist der Konflikt eben nicht entfernt.

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Selbst für „Over the Border“-Verhältnisse überaus eigenwillig ist derweil der Auftritt von Renzzo Rodriguez: Der Sänger, Tänzer und Schauspieler zeigt in der ihm zugestandenen Viertelstunde kurzerhand Auszüge aus seiner Produktion „Estrella“, die am 26. April im Rüngsdorfer Kulturbad aufgeführt wird und die sich – zumindest in dem Auszug im Pantheon – mit der Suche nach sexueller Identität beschäftigt. Renzzo wechselt immer wieder die Perspektive, erinnert im Korsett mitunter an Dr. Frank N Furter, verführt einen Kardinal und klettert dabei in einer Mischung aus Arie und Rockoper bis in die höchsten Stimmlagen. So etwas hat es bei „Over the Border“ noch nie gegeben. Doch auch diese Grenzen gilt es zu überschreiten.

Geradezu traditionell (und gerade deswegen fantastisch) ist dagegen der Auftritt von Evelyn Dupuy: Die feurige Kubanerin geleitet das Publikum mit ihrer atemberaubenden Präsenz in den Buena Vista Social Club und sorgt so für einen der Höhepunkte des Abends. Ähnliches gilt für den senegalesischen Gitarristen Carlou D, der sich zunächst offenbar hinter der Bühne verlaufen hat, dann aber mit Kaftan und Wollmütze auf selbige stürmt und dort wie ein Derwisch tanzt. Diese unbändige Spielfreude ist ansteckend, so dass irgendwann Keyboarder Mike Herting völlig durchdreht, wie ein Wahnsinniger über die Tasten jagt und damit eindrucksvoll zeigt, warum Musik wie ein Rausch sein kann. Und zwar ohne Nebenwirkungen. Herrlich. Den Abschluss gestaltet schließlich die französisch-japanische Sängerin Maïa Barouh mit ihrer hypnotischen Stimme. Das alles macht „Over the Border“ aus. Sollte man sich nicht entgehen lassen.

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Termine

12.3., Pantheon: Piers Faccini & Ballaké Sissoko
14.3., Pantheon: Ana Carla Maza
15.3., Harmonie: Omar Jatta Collective
17.3., Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln: Sami Galbi feat. Fernanda Tarrech
20.3., Pantheon: Sousou & Maher Cissoko
21.3., Beethovenhalle: Ana Moura & Beethoven Orchester Bonn
22.3., Harmonie: Lucas Santtana
27.3., Lutherkirche Köln: Ismael de Barcelona & Friends
28. + 29.3., Harmonie: Quadro Nuevo + Marion & Sobo
18.4., Telekom Forum: Karsu
21. + 22.4., Harmonie: Akkordeonale
24.4., Rüngsdorfer Kulturbad: Mitsune
25.4., Rüngsdorfer Kulturbad: Gert Kapo Quartet
26.4., Rüngsdorfer Kulturbad: Estrella
28.4., Pantheon: Luiza
29.4., Pantheon: Lina Bo & Friends
1.6., Philharmonie Köln: „La Nuit d’Afrique“ mit den Local Ambassadors, Babaa Maal, Wolfgang Niedecken und vielen mehr.

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