Bernd Lhotzky & Frédéric Couderc: Lockruf für Haydn

Joseph Haydn wird oft ein ausgeprägter Sinn für Humor nachgesagt. Werke wie die Abschieds- oder auch die Überraschungssinfonie – letztere mit dem legendären Paukenschlag – deuten zumindest auf einen Komponisten hin, der in der Kunst durchaus das ein oder andere musikalische Augenzwinkern zu schätzen wusste. Insofern hätte ihm das Konzert von Pianist Bernd Lhotzky und Flötist Frédéric Couderc, das diese extra für Haydn-Festival im Gardesaal von Schloss Augustusburg in Brühl geschaffen haben, sicherlich sehr gefallen.

Denn was das Duo in der Klangbiographie „A Trip To Hoboken“ geschaffen hat, ist mehr als nur Ansammlung verjazzter Haydn-Melodien im Stile Jacques Loussiers und mehr als eine gewagte Modernisierung eines großen Vertreters der Wiener Klassik. Stattdessen nehmen Lhotzky und Couderc Haydns Musik als Ausgangspunkt und Nukleus einer wilden Reise durch dessen Lebensgeschichte, die sie mit allerlei brillanten Ideen füllen, mit fremden Zitaten – und mit ebenso eigenwilligen wie unterhaltsamen Spielereien.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Vor allem Couderc erweist sich als waschechter Clown, dem es eine diebische Freude bereitet, das Publikum ein ums andere Mal zu überraschen und zum Lachen zu bringen. Dafür greift er neben seiner Querflöte auf ein beachtliches Sortiment von Vogelpfeifen und Wildlockern zurück, mal ganz dezent, mal überaus vehement, aber niemals penetrant. Und erst recht nicht despektierlich. Nein, all diese kleinen Witze, diese Momente aufblitzenden Humors, sind eine Verbeugung vor Haydns eigener Begeisterung für das Spiel mit Erwartungen. „Er war ein Meister der Überraschung“, hat Alfred Brendel einst über Haydn geschrieben und betont, dass seine Musik ein Publikum braucht, „das sich auf diese Überraschungen einlässt, das sich zu lachen erlaubt.“ Bei Couderc und Lhotzky tut es genau das.

 

Natürlich sind diese musikalischen Pointen Coudercs nur ein kleiner wenn auch wichtiger Teil der Meisterleistung, die er und Lhotzky an diesem Abend präsentieren. Sein virtuoses Spiel, das immer wieder mit den tanzenden Klavierpassagen seines Kollegen harmoniert, ist von beeindruckender Leichtigkeit. Lhotzky seinerseits versteht es, mühelos zwischen dem klassischen Stil und moderneren Ansätzen zu wechseln: Da wird die Londoner Zeit in „Haymarket Triumph“ auf einmal mit dem Ragtime verknüpft oder bei „Esterhazy“ mittendrin eine swingende Harmoniefolge verwendet, die irgendwie an „Santa Claus Is Coming to Town“ erinnert. Nicht ohne Grund ist das Werk in seiner Gesamtheit als Jazz-Suite angelegt, trotz vieler Passagen, die eher an den Sturm und Drang erinnern und zum Teil auch die Romantik vorwegnehmen. Dabei scheut Lhotzky sich auch nicht, den beiden anderen großen Vertretern der Wiener Klassik jeweils ein Stück zu widmen: Mozart nähert er sich über dessen Kleine Nachtmusik (die Couderc ganz nebenbei mit Astor Piazollas „Libertango“ verziert), während Beethoven mit einer Swing-Version von „Für Elise“ in der Geschichte seines frühen Mentors auftaucht.

Doch auch zwei andere historische Figuren spielen eine zentrale Rolle: Die italienische Sängerin Luigia Polzelli, mit der Haydn eine längere Affäre hatte und deren angeblich bescheidene gesangliche Fähigkeiten dieser durch einige Einlage- und Ersatzarien zu kaschieren versuchte, und die englische Pianistin und Musikschülerin Rebecca Schröter, die ihrem Lehrer Haydn diverse Liebesbriefe schrieb. Die letztgenannte Episode hat Lhotzky in einem der musikalisch modernsten Stücke der Suite verarbeitet, ohne Haydns Klangwelt dabei aus den Augen zu verlieren. Großartig, ebenso wie der schon erwähnte „Haymarket Triumph“. Den Abschluss bildet schließlich der Ausspruch „Kinder, fürchtet euch nicht, wo Haydn ist, da kann nichts geschehen“, den Haydn bei der Eroberung Wiens durch napoleonische Truppen gerufen haben soll. Auch hier bindet Lhotzky die Historie in die Komposition ein: Couderc bearbeitet mit Samenrasseln die Saiten des Flügels, den drohenden Einmarsch der Franzosen symbolisierend, bevor das Stück zu einem Schlaflied wird – und dann darüber hinausgeht. Noch einmal wird die Musik verspielt, fantasiereich, eigenwillig. Ein würdiges Finale für einen großen Komponisten. Das Publikum ist denn auch restlos begeistert und bedankt sich bei Couderc und Lhozky mit lang anhaltendem, tosendem Applaus.

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