Große Gesten hat Steve Hogarth schon immer gepflegt. Der Frontmann der Prog- und Art-Rock-Band Marillion liebt das Spiel im Rampenlicht, liebt die große Dramatik und den Pathos, die epochalen Erzählungen und den Facettenreichtum einer Musik, die immer nach etwas Neuem strebt. Es ist diese Haltung, die der Band auch nach mehr als 40 Jahren immer noch aktuell bleiben lässt, selbst wenn abseits der etablierten Fan-Gemeinde nur wenige die Briten auf dem Schirm haben. Schade eigentlich – solch herausragende Formationen werden immer weniger. Immerhin haben jetzt rund 3500 Besucherinnen und Besucher des KunstRasens die Entwicklung von Marillion nachverfolgen können. Und sogar schon einen Blick in die Zukunft werfen können.
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Marillion machen keine Musik für die breite Masse, das haben sie nie, selbst nicht mit ihrem Super-Hit „Kayleigh“. Dafür waren die Ansprüche der Band an die eigene Musik immer zu hoch, der Wunsch nach Komplexität zu ausgeprägt. Nur wenige Stücke sind in den über 40 Jahren unter die Fünf-Minuten-Marke gekommen, zumindest live – stattdessen beherrschen ausufernde Spannungsbögen das Bühnengeschehen, musikalische Vielschichtigkeit mit sorgsam herausgearbeiteten Versatzstücken und Texturen, die ineinanderfließen und eine gewisse Ausdauer voraussetzen, bei den Musikern ebenso wie beim Publikum. Auch in der Gronau ist das nicht anders: Gigantische Keyboardflächen legen sich über vibrierende und zu keinem Zeitpunkt monotone Schlagzeug-Rhythmen, Bass-Läufe und Perkussions-Akzente, über denen die Gitarrensoli von Steve Rothery nicht etwa schweben, sondern fliegen, niemals ziellos, aber auch nie gezwungen. Die melodischen Qualitäten seines Spiels haben Marillion schon immer ausgezeichnet, auch in den Anfangsjahren mit Sänger Fish, vor allem da Rothery immer bescheiden geblieben ist, sich nie in wirren Improvisationen verlor sondern die Stabilität über alles stellte.
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Und dann wäre da noch Steve Hogarth. Die Haare sind schlohweiß geworden, doch seine Stimme strahlt noch immer, ist bemerkenswert geschmeidig und absolut sicher. Vor allem aber geht ist sie
theatral und emotional. Hogarth singt nicht, er gestaltet, erzählt von Krieg, Einsamkeit, Liebe und Verlust, von epischen Visionen und in „Care“ auch von den oft vergessenen Helden und Engeln
während der Pandemie. Er liebt die ausladenden Gesten, inszeniert die Stücke mit viel Liebe zum Detail – und doch gelingt es ihm, nicht artifiziell zu wirken, sondern empathisch. Melancholisch.
Mitfühlend. So hängt das Publikum geradezu an seinen Lippen, auch wenn das jeweilige Lied die sechste, siebte, achte Minute sprengt und der Sound mit den Anfangsharmonien eigentlich nichts mehr
zu tun hat. In der Pop-Musik wäre dies undenkbar, weil die Aufmerksamkeitsspanne viel kürzer ist und der Text immerhin auch mit drei Promille mitsingbar sein sollte. Die Marillion-Fans hingegen
können über einen langen Zeitraum hinweg fokussiert sein – und bei Songs wie „Easter“ dennoch mühelos den Refrain übernehmen, wann immer dies opportun ist.
Eine gute Nachricht hat Steve Hogarth übrigens mit nach Bonn gebracht: Marillion arbeiten derzeit an einem neuen Album, das im Frühling nächsten Jahres veröffentlicht werden soll. Mit „Ribbons
& Lace“ gibt die Band nun einen kleinen Vorgeschmack und beweist, dass sie sich stilistisch auch weiterhin treu bleiben wird und sich nicht auf ein schlichtes Schema F herunterbrechen lässt.
Diese Musik muss und sollte man entdecken, so wie jetzt in gut zwei Stunden auf dem Bonner KunstRasen. Es lohnt sich.
Termine
8.7., 17.30 Uhr: Nile Rodgers & Chic (+ Boogie Wonderstars und Kid Creole & the Coconuts)
9.7., 18.30 Uhr: Madness (+ Slapstickers)
12.7., 19 Uhr: KlassikPicknick mit dem Beethoven-Orchester Bonn
15.7., 19 Uhr: Zaz
17.7., 19 Uhr: Wincent Weiss
2.8., 15.30 Uhr: Donots Grand Kiddie Slam
3.8., 20 Uhr: Roxette
6.8., 19 Uhr: Roy Bianco & die Abbrunzati Boys (ausverkauft)
13.8., 18.40 Uhr: Savatage
14.8., 19 Uhr: OMD
15.8., 19 Uhr: Roland Kaiser (ausverkauft)
16.8., 19 Uhr: Zah1de
18.8., 18.45 Uhr: Moby (+ Westbam)
19.8., 19 Uhr: Amy Macdonald
22.8., 19 Uhr: Agnes Obel
23.8., 18.45 Uhr: The BossHoss (+ Picturebook)
25.8., 19.30 Uhr: Nick Cave & the Bad Seeds
26.8., 19 Uhr: Fury in the Slaughterhouse
28.8., 17.15 Uhr: RKM652
29.8., 14 Uhr: „Oh wie schön“-Festival
















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