„Peter’s Bad Hair Day“: „Sieh einmal, hier steht er“

Die Haare zu lang, der Körper zu dünn, die Wut nicht im Griff – und alle blicken aufs Handy. Wer schon einmal den „Struwwelpeter“ gelesen hat, wird diese Figuren auch in einer modernen Inkarnation sofort wiedererkennen: Der anorektische Suppenkasper, der aggressive Friederich oder auch der die Umwelt ausblendende Hanns Guck-in-die-Luft sind als Figuren längst Gemeingut geworden, und auch wenn ihr Verhalten heutzutage andere Formen annehmen würde, so sind die zugrunde liegenden seelischen Probleme noch lange nicht gelöst. Ganz im Gegenteil. Immerhin gibt es mittlerweile Tabletten für alles und jeden, damit ja alle schön normal wirken. Doch die Ursachen bestimmter Verhaltensmuster lässt sich auf diese Weise nicht behandeln. Jetzt hat der Jugendclub des Schauspiels Bonn „Reif für die Bühne“ den Stoff aktualisiert und bei einer Aufführung im Foyer des Schauspiels bestimmte Rollenbilder hinterfragt. Wann wird das Streben nach Individualität zur Krankheit, wann der Eskapismus zur Falle? Und wie geht man am besten damit um?

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



1844 entwickelte der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann die Figuren des „Struwwelpeters“ als Weihnachtsgeschenk für seinen Sohn. Die mitunter drakonischen Strafen, die den „unartigen“ Kindern zuteil werden, sind vor allem Vertretern der antiautoritären Erziehung zwar ein Dorn im Auge, dennoch ist das Buch in mehr als 180 Jahren Wirkungsgeschichte weltweit rezipiert worden und zählt zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern. Doch zumindest in der Inszenierung des Jugendclubs und der beiden Regisseurinnen Maren Heinz und Susanne Röskens, die unter dem Titel „Peter’s Bad Hair Day“ auf die Bühne gebracht wird, erscheinen so manche von Hoffmann beschriebenen Archetypen pubertierender Jugendlicher durchaus aktuell. Die Essstörung von Kaspar (Hanna Kreuder) oder die Pyromanie von Paulinchen (Nea Herter) stehen in dem Stück allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern sind nichts anderes als Ausdruck des Verlangens, von der Gesellschaft beachtet zu werden und dazu zu gehören. „Vielleicht muss ich erst brennen, bevor jemand merkt, dass ich da war“, sagt letztere. Doch stattdessen wird sie eben weggesperrt, abgeschoben, in eine Klinik gesteckt. „Die anderen sagen, ich war dumm“, erklärt Paulinchen. Und das reicht vielen als Erklärung. Ein ähnliches Schicksal widerfährt Kaspar oder auch dem Zappelphilipp (Huda Al-Tubasi). „Bin ich das Problem?“, fragen sie. Oder liegt da mehr im Argen?

Einen Ausweg skizziert der Struwwelpeter (Ida Gehlen), der seine Mitpatientinnen und -patienten zu mehr Selbstvertrauen ermutigt. „Bin ich schön so wie ich bin“, heißt es in einem von mehreren Liedern, die Gehlen mit wunderbar warmer Stimme singt – übrigens die beste Einzelleistung des Abends, dicht gefolgt von einer mutigen Tanzeinlage Victor von Brauns. Doch erst in der Gemeinschaft wird aus dieser Botschaft der Selbstbehauptung ein Impuls, um weiterzugehen und sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Den Ausweg dazu hatte der Jäger (Lars Schülke) übrigens die ganze Zeit in der Tasche: Die Klinke einer weißen Tür, dem einzigen Requisit auf der Foyer-Bühne. Ob die Figuren dahinter ihr Glück finden, verrät die Inszenierung nicht. Aber zumindest ein erster Schritt ist gemacht. Und der ist ja oft der Schwierigste.

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