An Mut scheint es Frank Oppermann nicht zu mangeln. An Hartnäckigkeit ebenso wenig. Schon mehrfach hat der Intendant des Kleinen Theaters Bad Godesberg in den vergangenen sieben Jahren Projekte gestemmt, die eigentlich auf die ein oder andere Weise viel zu groß für das Haus mit seiner Wohnzimmerbühne schienen – und das durchaus erfolgreich, wie zum Beispiel der Erfolg von „La Cage aux Folles“ von 2024 oder die deutsche Erstaufführung von „2:22 – eine Geistergeschichte“ in dieser Spielzeit eindrucksvoll unterstrichen. Die Inszenierung von Walter Kempowskis „Deutscher Chronik“ stellt jedoch hinsichtlich Umfang und Personal alles andere in den Schatten. Zwei Teile des Mammutwerks, das bislang nur im Hamburger Altonaer Theater auf die Bühne gebracht wurde, hat Regisseur Volker Schmalöer in Bad Godesberg bereits umgesetzt, mit „Ein Kapitel für sich“ folgt nun der dritte, der das Publikum in die unmittelbare Nachkriegszeit entführt. Und Kempowskis eigene Geschichte zunehmend in den Mittelpunkt rückt.
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Die „Deutsche Chronik“ besteht aus insgesamt sechs Romanen (und drei „Befragungsbüchern“, in denen Kempowski anonym Bürgerinnen und Bürger zu bestimmten Fragen Stellung beziehen lässt, die mit der eigentlichen Handlung aber nichts zu tun haben). In ersteren erzählt er den Niedergang des deutschen Bürgertums exemplarisch an der eigenen Familiengeschichte, von der Kindheit und Jugend seines Vaters als Sohn eines wohlhabenden Rostocker Reeders bis hin zu dem eigenen Neuanfang in Westdeutschland ab 1956. Über ein halbes Jahrhundert erstreckt sich die Handlung, und erst jetzt geht es für den jungen Walter Kempowski (Janosch Roloff) so richtig los.
Dieser versucht im Stück, die Schrecken des Nationalsozialismus zu verdrängen und irgendwie mit der Sowjet-Besatzung klarzukommen, inmitten von Trümmern und zerstörten Existenzen. Immerhin, man
hat überlebt, daher geht es einem ja noch „gold“ – so hat Kempowski einen seiner Romane betitelt. Doch der Vater im Krieg gefallen, Mutter Grethe (Katharina Waldau) die Familie also alleine
ernähren, zumindest bis ihr ältester Sohn Robert (Tobias Krebs) aus russischer Gefangenschaft heimkehrt und sofort beginnt, die Reederei wieder auf Vordermann zu bringen. Und Walter? Scheitert in
der Schule, später bei einer Lehrstelle, will dann in den Westen und versucht, sich beim amerikanischen Geheimdienst CIC verdient zu machen: Er hat Unterlagen in seinem Besitz, die zeigen, dass
sich die Sowjetunion bei den Reparationslieferungen nicht an getroffene Vereinbarungen halten. Bei einem späteren Besuch in Rostock wird er dafür verhaftet, sein Bruder und die Mutter gleich mit.
Acht Jahre sitzt Walter deswegen in Bautzen ein – und weiß noch nicht, was ihn nach dieser Zeit im Knast draußen erwartet.
Damit ist schon der Bogen zum noch ausstehenden vierten Teil geschlagen. Den will Oppermann auf jeden Fall noch auf die Bühne bringen, auch wenn die bisherigen Inszenierungen mit dem jeweils
großen Ensemble – bei „Ein Kapitel für sich“ stehen insgesamt neun Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne – eher eine finanzielle Belastung für das Haus waren. Andererseits ist
Oppermann davon überzeugt, dass die Geschichte Kempowskis erzählt werden müsse, gerade weil sie für eine ganze Epoche steht, die bis heute nachwirkt. Und unvollendete Projekte? Kommen ihm nicht
ins Haus. Da bleibt Oppermann stur. Oder besser: hartnäckig. Zumal sowohl Publikum als auch Kritikerinnen und Kritiker bislang voll des Lobes waren, auch mit Blick auf „Ein Kapitel für
sich“. Bis zum Abschluss der Tetralogie werden alle jedoch noch bis 2027 warten müssen.
Termine
„Ein Kapitel für sich – Die Deutsche Chronik Teil 3“ ist noch bis zum 31. Mai im Kleinen Theater Bad Godesberg zu sehen. Tickets und weitere Informationen unter www.kleinestheater.eu.








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