Jazzfest: Ein ganz ganz großes Finale

Über 40 Musikerinnen und Musiker, eine atemberaubende Solistin und ganz viel eigenwillige Musik zwischen Tradition und Avantgarde: Das Finale des diesjährigen Bonner Jazzfests hat noch einmal alle Register gezückt und dem Publikum einen faszinierenden Einblick in die Welt der improvisierten Musik gewährt. Mit dem Fuchsthone Orchestra sowie dem UMO Helsinki Jazz Orchestra haben zwei große Ensembles mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten das Telekom Forum in einen veritablen Jazzclub verwandelt. Hier das regionale Konglomerat aus namhaften Kölner Künstlerinnen und Künstlern wie Roger Hanschel, Laia Genc, Filippa Gojo und den beiden Leiterinnen und Komponistinnen Christina Fuchs und Caroline Thon, die voller Leidenschaft Klangforschung betreiben; dort die einzige staatlich geförderte Bigband Finnlands, die schon mit vielen Legenden zusammengearbeitet hat und mit Jazzmeia Horn eine der aufregendsten Stimmen der Gegenwart mit an den Rhein gebracht hat. Über beide Formationen ließe sich so einiges sagen. Eins sind sie aber nicht: langweilig. Zum Glück.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Das Fuchsthone Orchestra macht es dem Publikum allerdings nicht immer einfach. Häufig beginnen die Stücke mit wirren Eskapaden, Schichtungen und freiem Spiel bar jeglicher Form. Doch immer kristallisiert sich aus diesem scheinbaren Chaos ein stabiler Kern heraus, der zahlreiche Facetten des Klangs aufleuchten lässt. Immer wieder im Zentrum dieser Transformation: Vibraphonistin Evi Filippou, die Fuchs und Thon extra eingeladen haben und die die Freiheiten in dem Ensemble sichtlich genießt. Bei ihr wird selbst ein herunterfallender Schlägel zu einem Kunstgriff. Elementar für den experimentellen Sound ist aber auch Sängerin Filippa Gojo, die ihr Organ durchaus als Instrument begreift, an anderer Stelle aber auch Kapitalismuskritik in Form eines Manifests durch den Äther dringen lässt. Herauszuheben ist zudem ihre Rolle bei dem Stück „Savita“, das Caroline Thon in Gedenken an Savita Diana Wagner schrieb, eine Bonnerin, die sich nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine freiwillig als Sanitäterin meldete und im Dienst der ukrainischen Armee 2024 durch einen Granatsplitter starb. In Anwesenheit der Mutter des Opfers versucht das Ensemble, dieses Schicksal nachempfindbar zu machen – und so stürzt sich Gojo in einen ausartenden Klagegesang, der irgendwann zum Wutschrei mutiert.

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Derart politisch ist das zweite Konzert des Abends nicht. Ganz im Gegenteil: Wenn es ein zentrales Motiv im Werk von Jazzmeia Horn gibt, dann ein sehr privates, nämlich die Familie. Die hochschwangere Sängerin, die oft – und in der Regel völlig zu Recht – als legitime Erbin von Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan bezeichnet wird, erinnert sich an scheinbar verrückte Geschichten (und legitime Gleichnisse) ihres Großvaters, an die Liebe sowie an müde und überdrehte Kinder, und das mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit sowie ihrer ansteckenden Fröhlichkeit, bei der jeder unweigerlich zu grooven beginnt. Das UMO Helsinki Jazz Orchestra erweist sich unter der Leitung von Jukka Eskola derweil als kongenialer Partner mit ungeheurer Präzision und Spielfreude. Mehr noch: Obwohl das Ensemble einen klassischen Bigband-Sound pflegt, setzt es doch immer wieder überaus moderne Akzente, bricht Rhythmen oder Harmonien mühelos auf und fügt sie dann wieder in Sekundenbruchteilen zusammen, so als ob nichts geschehen wäre. Diese Leichtigkeit ist wirklich herausragend. Kein Wunder also, dass das Publikum sich mit tosendem Applaus bedankt.

Auch wenn mit diesem Abend im Telekom Forum der offizielle Teil des Jazzfests 2026 beendet ist, dreht sich im Hintergrund die Maschinerie weiter. Die Planungen für das kommende Jahr laufen bereits, und bis es soweit ist, steht zumindest noch ein exklusives Doppelkonzert an: In der Oper Bonn trifft das Anton Mangold Quintett am 9. Juli auf die Sängerin, Bassistin und mehrfache Grammy-Preisträgerin Esperanza Spalding. Für diesen Termin sind noch Karten verfügbar. Weitere Informationen unter www.jazzfest-bonn.de


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