Horst Evers und Freunde: Grotesken des Alltags

An diesem Abend ist es Nachmittag. Zumindest im Rahmen der WDR5-Leselounge von Horst Evers, die im Pantheon aufgezeichnet wird, für die zukünftigen Hörerinnen und Hörer aber einen Live-Charakter haben soll. Eine Illusion, die der Gastgeber nur zu gerne überzeichnet und dadurch die Absurdität auf die Spitze treibt. In diesem Format geht das, nein, muss das so sein. Satire in Reinform auf literarisch hohem Niveau (zumindest meistens), das zeichnet die Sendung nun einmal aus. So auch an diesem nachmittäglichen Abend im Pantheon, wo neben Evers noch die „Titanic“-Herausgeberin Ella Carina Werner, der Krimi-Autor Jörg Maurer, Ruhrpott-Poet Kai Magnus Sting und der legendäre „Welt“-Kolumnist Hans Zippert („Zippert zappt“) zu Gast sind. Eine starke Besetzung. Und eine unglaublich lustige.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Zippert ist ohne Zweifel ein Meister der kleinen Formen. Einer, der völlig verrückte Verbindungen herstellt zwischen sinkender Geburten- und steigender Beamtenrate, zwischen der Bedrohung durch E-Scouter und der durch Wölfe, zwischen Spargelstechern und Pflegekräften. Hängt alles zusammen. Weiß nur keiner. Außer Zippert. Gleiches gilt für die Forschungen von Fuldaer Ernährungswissenschaftlern zum Recycling von Brotkrusten, die beim Schmieren altersgerechter Butterbrote oftmals liegenbleiben. Muss doch nicht sein, diese Verschwendung. Nachhaltig denken. Überhaupt, denken: Das ist so eine Sache. Warum wird zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Banküberfall in Sinzig ein Verdächtiger gesucht? Müsste es nicht eher ein Unverdächtiger sein, einer, der bislang eben noch nicht aufgefallen ist, ob mit oder ohne Imkeranzug? Das klingt jetzt nach Korinthenpickerei, aber bei solchen Formulierungen kommt es auf jede Kleinigkeit an. Und Zippert sieht sie alle, die zahlreichen realen und verrückten Anknüpfungspunkte, um sie mit sprachlicher Finesse auf allerhöchstem Niveau in Worte zu fassen, die sich festsetzen. Und im Kopf bleiben.

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Kai Magnus Sting ist im Gegensatz zu Zippert eher ausufernd, spinnt ganze Ruhrpott-Panoramen voller Charakterköpfe, unter denen vor allem die Omma heraussticht, ihres Zeichens Vertreterin eines pragmatischen Frauenschlags, bei der einst schon Jochen Malmsheimer vermutet hat, dass sie bereits im Kittel auf die Welt gekommen ist.  Sie ist es auch, die stets nach Dingen sucht, also nach diesem Dings, diesem Bumms, bei dem sie noch nicht einmal weiß, wofür sie das braucht – oder ob sie es überhaupt besitzt. Diese Porträts kann keiner so schön in Worte fassen wie Sting, der mitunter ins feinste Ruhrhochdeutsch verfällt und sich dabei selber kontinuierlich antreibt, bis die Sätze sich beinahe gegenseitig überholen, so dass das Publikum aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommt.

Nicht ganz so überzeugend ist derweil Ella Carina Werner, zumindest nicht als Lyrikerin. Ihre feministischen Tiergedichte, in denen Weibchen aus allen sich ansatzweise reimenden Gattungen „saufen, vögeln, chillen – also alles, was Spaß macht“, sind oft nur Zwei- oder Vierzeiler, in denen die Form wichtiger zu sein scheint als der Inhalt. Die Länge sei der Aufmerksamkeitsspanne durchschnittlicher Internet-Nutzer angepasst, sagt Werner dazu. Das führt aber unweigerlich an die Grenze zur Banalität. Eigentlich schade. Den Abschluss gestaltet schließlich Jörg Maurer, der aus seinem neuesten Jennerwein-Roman vorliest, in dem digitale Avatare wie Goethe und Schiller durch ein virtuelles Weimar im Jahr 1806 spazieren. Dann aber geschieht ein Mord, ein realer mit eindeutig literarischem Bezug. Was höchst vergnüglich und ebenso spannend ist. 

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