Jazzfest: Ein Abend für Hirn und Herz

Das Jazzfest Bonn ist dafür bekannt, in seinen Doppelkonzerten immer wieder Spannungen aufzubauen, mit Kontrasten zu spielen und mitunter auch zu polarisieren. An einem Abend im Collegium Leoninum kam dies nun besonders deutlich zum Tragen: Auf der einen Seite erkundete die Pianistin Marlies Debacker Klangwelten jenseits von Melodie und Rhythmus, auf der anderen begeisterte die Gitarristin Lau Noah mit berührenden Folk-Geschichten und musikalischen Märchen. In dieser radikalen Gegensätzlichkeit fühlte sich längst nicht jeder wohl. Und doch waren beide Auftritte letztlich eine Erfahrung wert.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Die Tonexperimente von Debacker waren für die meisten Besucherinnen und Besucher mit Abstand die größte Herausforderung des diesjährigen Jazzfests. 45 Minuten lang analysierte die 34-Jährige Belgierin nonstop einzelne Töne in all ihren Facetten, testete ihre Wirkung in unterschiedlichen Lautstärken oder griff ins Klavier, um die Saiten mit allerlei Werkzeug zu manipulieren. Nach und nach erweiterte sie das Spektrum, erforschte Intervalle und Harmonien und vor allem die Interaktion verschiedener Schwingungen, die sich überlagern und gegenseitig beeinflussen. Gegen Ende türmten sich gar ganze Ton-Cluster auf, Schicht um Schicht, wuchsen heran zu Wellenbergen des Klangs, massiv, gigantisch und erschütternd. In der ehemaligen Kapelle des Leoninums, in der keine Note fliehen konnte, nahm dieses Pandämonium monströse Ausmaße an – und verlangte dem Publikum einiges ab. Die meisten stellten sich dieser Aufgabe aber, wenn auch teilweise mit einem kleinen Stoßgebet.

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Umso erbaulicher war im Anschluss der Auftritt von Lau Noah. Die Spanierin, die 2013 nach New York zog und sich dort selbst das Gitarrenspiel beibrachte, erwies sich als begnadete Erzählerin in der Tradition von Joni Mitchell und Joan Baez, die mit sanfter Stimme und beeindruckender Virtuosität von der Macht der Träume erzählte, von schützenden Bäumen und von großen Gefühlen. Mühelos erschuf sie eine intime Atmosphäre, in der alles ausgeblendet werden konnte zu Gunsten dieser jungen Frau mit der magischen Stimme, deren Lieder ohne Umwege ins Herz gingen und sich dort häuslich einrichteten. Ihre Stücke komponiere sie intuitiv, so erzählte sie dazu, frei von jeder Theorie und schriftlicher Tradition. Vielleicht konnte man sich ihr gerade deshalb nicht entziehen, weil sie auf eine ganz besondere Weise authentisch war, frei von allen Regeln und Zwängen. Dem intellektuellen Ansatz von Marlies Debacker setzt Lau Noah einen emotionalen entgegen; ihre Musik entspringt eben der Seele und nicht dem Verstand. Beides muss man erlebt haben, um es wirklich würdigen (oder auch ablehnen) zu können. Das Publikum im Leoninum war auf jeden Fall von Lau Noah vollends verzückt und bedachte sie mit stehenden Ovationen, tosendem Applaus und sogar noch einem Ständchen auf dem Flur. Was für ein Erlebnis. Was für ein Abend. 


Termine

Folgende Konzerte sind noch nicht ausverkauft:
1.5., Oper: John Scofield & Gerald Clayton | Marius Neset CABARET
3.5., Pantheon: Kadri Voorand & Mihkel Mälgand | Wolfgang Muthspiel Chamber Trio
8.5., Kreuzkirche: Rabih Abou-Khalil Group
9.5., Telekom Forum: Fuchsthone Orchestra feat. Evi Filippou | UMO Helsinki Jazz Orchestra feat. Jazzmeia Horn

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