Tan Çağlar: Comedy im Stühlchenkreis

Mit dem Dialog zwischen Künstlern und Publikum ist das so eine Sache: Auf der einen Seite freut sich letzteres, wenn es wahrgenommen wird, auf der anderen Seite ist vielen Menschen eine direkte Ansprache und das damit verbundene kurzzeitige Rampenlicht eher unangenehm, insbesondere wenn so eine Pointe auf Kosten des Adressaten entsteht. Auch Tan Çağlar sucht in „Der Teufel trägt Rollstuhl“ den Dialog mit seinen Fans, sogar sehr gerne – und agiert dabei so sympathisch und authentisch, dass dieser Austausch nicht etwa ein Tief- sondern ganz im Gegenteil ein Höhepunkt seines Auftritts im Bonner Brückenforum wird. Der 44-Jährige, den die Rheinbühne in die Bundesstadt gelockt hat, ist ein geborener Moderator, dem sich Menschen gerne öffnen, dem sie aber ebenso gerne zuhören, wenn er entspannt und mit viel Selbstironie aus seinem Leben als Rollstuhlfahrer, Schauspieler und Entertainer erzählt. Eine gute Ausgangslage. Wenn da nicht noch die Comedy wäre.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Eigentlich hat Çağlar eine Menge zu erzählen. Und eigentlich würde das schon ausreichen, um ein ganzes Programm zu füllen. Oder in seinem Fall mindestens drei. Wenn er von dem tiefergelegten Türspion in barrierefreien Hotelzimmern erzählt, der Promillegrenze beim Fahren mit (elektrischen) Rollstühlen und verpflichtenden Sitzplatzreservierungen bei der Deutschen Bahn, spiegelt er den bürokratischen Wahnsinn eines Landes wider, in dem Barrierefreiheit nur dann denkbar ist, wenn sie von der DIN-Norm gedeckt ist. Und von den Versicherungen. Und von den Vorschriften. Das sind Themen, die Çağlar und auch viele seiner Fans bewegen, und wenn der 44-Jährige schon zu Beginn verspricht, aus dem Nähkästchen zu plaudern, sind die Erwartungen entsprechend hoch.

 

Doch so ganz werden sie leider nicht erfüllt. So amüsant der Austausch mit dem Publikum nämlich auch ist, so halbgar sind die konstruierten Pointen, auf die Çağlar zurückgreift, sobald das Licht im Saal aus ist. Viel zu oft klingen sie bemüht, werden lange vorbereitet und zünden dann nicht so recht. Bestes Beispiel dafür ist der „Einbürgerungstest“, den Çağlar am Ende der ersten Hälfte machen will, angeblich zusammen mit dem Saal – was wahrscheinlich ziemlich lustig und entlarvend hätte werden können. Immerhin stellt sich tatsächlich die Frage, wer aus dem Publikum all das Wissen abrufen könnte, das bei Migrantinnen und Migranten vorausgesetzt wird, wenn sie dauerhaft in Deutschland bleiben wollen. Doch statt ernst zu machen, spielt Çağlar einen vorproduzierten Sketch mit Vollplayback, bei dem das scheinbare Nichtwissen als Antwort ausreicht. Das ist etwa zehn Sekunden lang lustig und die restlichen fünf Minuten redundant.

 

Dabei sollte Tan Çağlar es eigentlich besser wissen. Immerhin steht beziehungsweise sitzt er seit inzwischen neun Jahren als Comedian auf der Bühne und füllt mitunter durchaus größere Hallen. Die nötige Erfahrung besitzt er also durchaus, und ein Leben im Rampenlicht ist ihm als ehemaliger Top-Sportler (auch im Behindertensport), Model und gern eingeladener Studiogast in zahlreichen Talk-Shows auch vertraut. Da müsste doch mehr gehen, zumal seine Fans durchaus auch mal eine längere Anreise in Kauf nehmen, extra aus Ippenbühren oder Wien anreisen und daher erst recht nicht enttäuscht nach Hause fahren sollten. Das könnte bei den besagten Nummern durchaus passieren. Doch zum Glück liefert das Publikum selbst ja die besten Pointen. Çağlar muss sie nur noch umsetzen. Und so kommt er zu Beginn der zweiten Hälfte mit Nebelantrieb und Wunderkerzen auf die Bühne gerast, um zur Melodie von  „Like A Prayer“ eine Dame aus der ersten Reihe zum Tanz aufzufordern. Eine schöne Idee, die Çağlar im Laufe der ersten Hälfte zusammen mit dem Publikum ausgetüftelt und dann kurzfristig umgesetzt hat. Vielleicht sollte er diese Kooperation noch weiter ausbauen. Dann könnte es so richtig lustig werden.

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