Eigentlich ist es nicht ganz fair, Donny McCaslin auf ein einziges Album zu reduzieren, und dann auch noch auf eines, auf dem nicht sein Name prangt. Doch „Blackstar“, das letzte Album von David Bowie, ist eben etwas Besonderes, und zwar vor allem dank des US-amerikanischen Saxofonisten, der mit seiner Band den vielseitigen und mitunter sehr eigenwilligen Sound der 2015 veröffentlichten Platte maßgeblich prägte. Ein Ansatz, den er sich bis heute bewahrt hat. Jetzt kommt Donny McCaslin mit seinem aktuellen Longplayer „Lullaby for the Lost“ – einem kraftvollen, wilden, fast schon brachialen Gesamtkunstwerk – zum Jazzfest Bonn.
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kultur-kritik: Sie verfügen über einen einzigartigen Sound als Saxophonist, extrem rhythmisch und rau im Klang, aber auch immer wieder avantgardistisch im Ansatz. Wie hat sich diese Musiksprache
entwickelt?
Donny McCaslin: Im Grunde bin ich nur meinen Instinkten gefolgt. Ich habe mich im Laufe der Jahre mit allem möglichen beschäftigt, mit Rock natürlich, mit Ambient Jazz, mit elektronischer Musik
und so weiter, aber nichts davon geschah bewusst. Ich folge keinem Plan, und ich nehme mir auch in der Regel nicht vor, jetzt in ein bestimmtes Genre einzutauchen. Mir geht es im Grunde nur
darum, etwas Neues zu entdecken. Ansonsten bin ich total offen. Was mich aber immer fasziniert und geprägt hat, sind starke Rhythmen, etwa aus Afrika oder Lateinamerika. Die spielen bei mir eine
ganz große Rolle, und das hört man eben auch meinem Saxofonspiel an.
kultur-kritik: Sie haben unter anderem mit Danilo Pérez und Maria Schneider gearbeitet, zwei hoch geschätzten Jazzern. Dennoch wird Ihr eigentlicher Durchbruch als Musiker mit David Bowie und
„Blackstar“ in Verbindung gebracht. Stört Sie das?
McCaslin: Nein, gar nicht. *lacht* Tatsächlich bin ich sehr stolz darauf, weil wir wirklich fantastische Musik geschaffen haben. Das lag aber auch daran, dass David uns dazu ermutigt hat, mit dem
Material zu experimentieren. Er hatte absolutes Vertrauen in uns. Gleichzeitig hatte er eine unglaubliche Präsenz. Diese Zeit mit ihm hat mich so tiefgreifend beeinflusst wie nur wenige
vergleichbare Erfahrungen.
kultur-kritik: Zwei Jahre nach „Blackstar“ haben Sie „Blow“ veröffentlicht. In einem Interview damals sagten Sie, dass Sie sich vor zehn Jahren nie hätten vorstellen können, solche Musik zu
spielen. Und jetzt gibt es „Lullaby for the Lost“, das wieder ganz anders ist. Also: Hätten Sie vor zehn Jahren geglaubt, dass Sie solche Musik schreiben und spielen würden?
McCaslin: Nein, das hätte ich mir so nicht vorstellen können. Dafür ist einfach zu viel passiert, auch musikalisch. Zuletzt habe ich mich recht intensiv mit Rockmusik beschäftigt, mit Bands wie
Rage Against the Machine, Nine Inch Nails oder Neal Young. Das habe ich natürlich verarbeitet, ebenso wie unzählige andere Impulse. All diese Musik hat mein kreatives Unterbewusstsein gefüttert
und mich an diesen Punkt geführt. Ich glaube, dass ich noch nie so sehr meinen Sound getroffen habe wie bei „Lullaby for the Lost“. Aber andererseits habe ich keine Vorstellung davon, wie ich in
zehn Jahren klingen werde.
kultur-kritik: Welche Rolle spielen Ihre Bandmitglieder Jason Lindner (Keyboards), Tim Lefebvre (Bass) und Ben Monder (Gitarre) im kreativen Prozess?
McCaslin: Sie alle sind auf ihre Weise essentiell gewesen. Der größte Faktor war sicherlich Tim, der das Album auch produziert hat und mir ein ebenbürtiger Partner war. Er hat viele Ideen
eingebracht und eine klare Vorstellung davon gehabt, wie das Album klingen sollte. Jason ist ein unglaublich kreativer Musiker, der unter anderem die Idee für „Celestial“ hatte. Wir haben für
dieses Album sehr viel mit Synthesizer-Sounds experimentiert, insofern konnte er sich richtig austoben. Ich habe ihm nie irgendwelche Vorgaben gemacht, weil das überhaupt nicht notwendig war – er
war einfach so sehr im Moment und mit uns verbunden, dass er immer die passenden Töne gefunden hat. Im Gegensatz zu ihm und Tim gehört Ben eigentlich nicht zu meiner regulären Band, aber ich
wollte ihn unbedingt mit dabei haben, weil er auch an „Blackstar“ mitgearbeitet hat und einfach herausragende Soli spielt. Und dann sind ja noch meine beiden Drummer Zach Danziger und Nate Wood,
die eine urtümliche Energie beigesteuert haben, ohne die das Album so nicht hätte entstehen können.
kultur-kritik: Was kann das Publikum denn beim Konzert im Rahmen des Jazzfests Bonn erwarten?
McCaslin: Auf jeden Fall einen unerwarteten musikalischen Austausch. *lacht* Im Ernst, wir lassen uns vom Moment inspirieren. Leider können weder Ben noch Tim an dem Abend mit dabei sein, aber
mit Robin Mullarkey haben wir zumindest einen starken Bassisten finden können. Alles weitere wird sich dann zeigen.
Termin
Yumi Ito + Donny McCaslin, 24.4., Pantheon. Tickets und weitere Informationen unter www.jazzfest-bonn.de.








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