Das Horn singt. Immer höher werden seine Rufe, immer höher, immer eindringlicher, immer beschwörender. Die Musik, die die norwegische Musikerin Hildegunn Øiseth mit ihrem Quartett an diesem Abend im Rahmen des Jazzfests im Pantheon präsentiert, ist mehr als nur eine Ansammlung von Tönen und Rhythmen. Sie ist eine Art von archaischem Ritus, und das nicht nur wegen des ungewöhnlichen Instruments, das die 59-Jährige mit bemerkenswerter Energie spielt. Es ist kein Horn aus Metall, das Øiseth an ihren Lippen hat und mit dem sie die Geister einer längst vergangenen Zeit zu beschwören scheint, sondern ein von einer Ziege stammendes Bukkehorn, dessen Ursprünge bis in die Steinzeit zurückreichen. Schon allein dadurch wirkt die Musik anders, urtümlich, cthonisch. Doch das würde keine Rolle spielen, wenn Øiseth und ihre Kollegen nicht so spielen würden, als ob sie etwas suchen würden, eine neue Ebene des Klangs, die in den Nebeln der Geschichte verborgen liegt. Oder in der Zukunft.
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Tatsächlich lässt sich die Musik des Quartetts nicht als rückwärtsgewandt beschreiben, trotz aller mystischen Töne, die Hildegunn Øiseth mit ihrem Bukkehorn erweckt. Denn mindestens ebenso leidenschaftlich loten die Vier die Möglichkeiten ihrer Instrumente aus, um neue Tonfarben zu finden. Oft greift Øiseth dafür auch zu ihrer Trompete, die sie ebenso meisterhaft beherrscht und mit der im Grunde auch avantgardistische Elemente in die Stücke eingebracht werden. Trotzdem wird die Musik dadurch nicht zur Tortur, denn erstaunlicherweise gelingt es der Band, selbst in den extravagantesten Passagen immer auch die typisch skandinavische Klangästhetik mitschwingen zu lassen. Selbst wenn Horn oder Trompete nur noch röcheln und röhren, liegt all dem doch eine Melodie zugrunde, selbst wenn diese nur als Gedanke im Raum schwebt, unhörbar und doch nur ein oder zwei Takte entfernt. Es ist diese Art der Magie, die Øiseth webt und die diesen Abend zu einem ganz besonderen macht.
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Zuvor hatte bereits Bassistin Caris Hermes zu einer Weltpremiere eingeladen: Das erste Konzert mit ihrer neuen Besetzung erwies sich ebenfalls als bezaubernd, obwohl und gerade weil Hermes nicht
eine typische Jazz-Formation zusammengetrommelt hat, sondern ein fast schon kammermusikalisches Konzept verfolgt. Jazzfest-Intendant Peter Materna hatte sie explizit gebeten, für das vor einer
Woche gestartete Festival ein neues Projekt zu gestalten, und so erfüllte sich Hermes einen schon lange gehegten Traum und bat den Cellisten Jörg Brinkmann sowie den Pianisten Leo Hattori, mit
ihr zu spielen. Zwei Streicher, ein Klavier und trotzdem Jazz. Die virtuosen Soli waren in dieser Hinsicht eindeutig, auch wenn die klassische Prägung aller Beteiligten durchaus präsent war. Den
Höhepunkt bildeten aber zwei Stücke mit dem libanesischen Sänger Rabih Lahoud, der mit seiner fast schon zerbrechlich wirkenden und zugleich vor Emotionen überfließenden Stimme das Publikum
verzauberte. Das war sowohl von diesem Konzert als auch von dem Øiseths und feierte die Musikerinnen und Musiker mit tosendem Applaus sowie stehenden Ovationen. Beide Experimente sind somit
geglückt. Weitere dürften im Verlauf des Festivals folgen. Und für den ein oder anderen Termin gibt es sogar noch Karten.
Termine
Folgende Konzerte sind noch nicht ausverkauft:
25.4., Haus der Geschichte: Günter Baby Sommer & Ulrich Gumpert | Theresia Philipp & Sebastian Scobel
26.4., Collegium Leoninum: Marlies Debacker | Lau Noah
1.5., Oper: John Scofield & Gerald Clayton | Marius Neset CABARET
3.5., Pantheon: Kadri Voorand & Mihkel Mälgand | Wolfgang Muthspiel Chamber Trio
8.5., Kreuzkirche: Rabih Abou-Khalil Group
9.5., Telekom Forum: Fuchsthone Orchestra feat. Evi Filippou | UMO Helsinki Jazz Orchestra feat. Jazzmeia Horn

















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