Stratmann & Mädel: Was du nicht willst das man dir tu

Wenn schon, dann richtig. Halbherzige Beleidigungen braucht schließlich kein Mensch. Ihnen zu widerstehen und sie auszuhalten ist keine große Kunst, sie zu formulieren eine Lappalie. Mit so etwas wollen Cordula Stratmann und Bjarne Mädel nichts zu tun haben. In ihrem Programm „Sie mich auch!“ beschäftigen sich die beiden nicht mit halbgaren Sprüchen, sondern mit Verbalattacken Kaliber 800 – und mit deren Auswirkungen. Schon im vergangenen Jahr wollten die charmante Komikerin und der staubtrockene Charakterdarsteller eine Desensibilisierung der besonderen Art anbieten, mussten den Termin aber leider verschieben. Jetzt konnten sie die Veranstaltung auf Einladung der Rheinbühne im ausverkauften Brückenforum nachholen.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Etwas mehr Gelassenheit täte den meisten Menschen zweifelsfrei gut. Viel zu oft explodieren sie wegen Banalitäten, fühlen sich persönlich angegriffen und in ihrer – meist imaginären – Ehre gekränkt. Das kann Stratmann und Mädel nicht passieren. „Wir zwei sind einfach zu faul zum Beleidigtsein“, betont erstere. Immerhin erfordert ein derart erregter Zustand eine nicht unerhebliche Kondition, zumal wenn er über Jahre andauert. Stratmann und Mädel können da nur mit dem Kopf schütteln. Und sich ganz schnell wieder vertragen, wenn es doch einmal zu Reibereien kommen sollte. Die beiden kennen sich schließlich gut genug, um so manche vermeintlichen Beleidigungen nicht so ernst zu nehmen. „Pferdegesicht“ kann schließlich auch ein Lob sein, wenn der Spruch von einem Hippophilen kommt. Man muss nur mal darüber reden. Und genau das tun Stratmann und Mädel dann auch, während sie in der Literatur graben und unter anderem bei Thomas Bernhard und Tschechow fündig werden. Die Grundlage für einen überaus amüsanten Abend zwischen Polemik und Satire.

Schon zu Beginn erregen sich die Gemüter – dabei geht es noch nicht einmal um Menschen, sondern um Städte. Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann hat sich zum Beispiel in provokanter Art über Köln ausgelassen, seiner Meinung nach eine „stinkende Kloake“ und „hirnversaute Mischpoke“. Klingt bitter. Doch dieses „verbale Erbrechen“, wie Cordula Stratmann den Text „Fratzen in der Straßenbahn“ nennt, braucht einen Kontext, braucht vielleicht nicht die Verständnis, wohl aber das Wissen über die Hassliebe, die Brinkmann mit der Domstadt verbindet. Hier war er am produktivsten, hier hat er ausgiebig der Provokation gefrönt. Köln hat das verstanden: 1985 benannte sie das „Förderstipendium Stadt Köln für Literatur“ nach Brinkmann.

Das Problem mit den Beleidigungen ist letztlich ein Problem mit dem Ego. Ein Beispiel Statmanns: Wenn ein VW-Fahrer einem Mercedesfahrer sagt, dass er eben diesen Mercedes nicht schön findet, so könnte dessen Besitzer das persönlich nehmen und als Angriff auf den eigenen Geschmack ansehen. Fakten spielen in diesem Fall keine Rolle, Befindlichkeiten aber schon. Bei Städten und Gemeinden ist dies ähnlich: Thomas Bernhards Komödie „Die Macht der Gewohnheit“ erzürnte aufgrund diverser Aussagen der Charaktere die Bewohner Augsburgs, Bjarne Mädel bei der Suche nach der trostlosesten Stadt Deutschlands die Brakener. Was (vermeintliche) Beleidigungen angeht, sind derartige Aussagen allerdings noch Grundschul-Niveau. Was in so manchem Abschiedsbrief steht, ist weitaus stärkerer Tobak, wie Mädel und Stratmann schonungslos offenbaren. Nach solchen Worten ist auch jede Chance auf eine Entschuldigung passé.

Dabei ist gerade diese Reaktion gewünscht. Nur sollte es richtig geschehen, darauf legt Stratmann großen Wert. „Ich entschuldige mich“ sei dabei aus semantischer Sicht die falsche Formulierung – denn die Entschuldigung zu gewähren ist Sache des Angesprochenen. „Ich bitte um Entschuldigung“, so viel Zeit sollte sein. Auch wenn man es nicht übertreiben muss, da sonst ein Herzinfarkt droht wie bei Tschechows „Der Tod des Beamten“. Oder ein Klima der Angst wie in Dave Eggers’ „The Circle“, in dem das empfindliche Ego über allem steht. Dabei könnte es doch so einfach sein, betonen Bjarne Mädel und Cordula Stratmann am Ende zum tosenden Applaus des Publikums: „Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

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