Eigentlich will Evan Hansen gar nicht lügen. Dafür ist er viel zu schüchtern und unsicher, er, ein Außenseiter mit Minderwertigkeitskomplexen. In einer Therapie soll er daher Briefe an sich selber schreiben, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch den ersten nimmt ihm sein Klassenkamerad Connor Murphy ab – unmittelbar vor seinem Selbstmord. Nun glauben Connors Eltern, dass Evan der einzige Freund ihres Sohnes war, zu dem sie selbst keine Verbindung aufbauen konnten. Er soll ihnen mehr von Connor erzählen, und Evan, der die Murphys nicht leiden sehen will, erfindet eine geheime E-Mail-Korrespondenz, die nach und nach immer mehr ausartet. Es ist eine Lüge, die alles verändert. Bis sie unweigerlich zerbricht. Diese Geschichte bildet den Kern des Musicals „Dear Evan Hansen“, dass das Junge Theater Bonn als zweite große Koproduktion mit dem Theater Bonn auf die Bühne bringt, mit vielen Stärken. Und manchen Schwächen.
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Schauspielerisch erweist sich die Inszenierung von Bernard Niemeyer auf gewohnt hohem Jugendtheater-Niveau. Vor allem Martin Wald liefert bei der Premiere in der Titelrolle eine extrem starke
Leistung ab, gleiches gilt für Laszlo Helbling als Connor Murphy und Clélia Oemus als dessen Schwester Zoe. Alana Beck mimt derweil die anstrengende und übereifrige Alana, währen Ahmed El Kohly
als Evans einziger „Freund“ Jared mitunter ein wenig zu schrill ist. Bei den Erwachsenen sticht derweil Nina Janke hervor, die Evans beruflich und sozial völlig überforderte Mutter Heidi mit viel
Gefühl und voller Zerrissenheit spielt, aber auch gesanglich brilliert. Vor allem in der zweiten Hälfte, in der zwischen ihr und ihrem Sohn zunehmend Spannungen entstehen, sind ihre Lieder echte
Höhepunkte. Andere Mitglieder des Ensembles tun sich da schwerer, zumal die Songs von Benj Pasek und Justin Paul (in einer zum Teil recht peinlichen deutschen Übersetzung) immer wieder Passagen
enthalten, in denen die Melodie aus unerfindlichen Gründen für zwei oder drei Töne in die Kopfstimme wechselt. Das Ergebnis: Die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler müssen pressen und
verlieren die Intonation. Da kann auch die exzellente Band im Hintergrund nicht wirklich helfen.
Allerdings muss einschränkend ausdrücklich betont werden, dass dies Kritik auf hohem Niveau ist, und das an einem jungen Ensemble, das vor allem aus Spaß auf der Bühne steht. Viele von ihnen
wirken schon seit Jahren in Produktionen des Jungen Theaters mit, Profis sind sie deswegen aber noch nicht. Umso beeindruckender ist die Gesamtleistung, die alle Beteiligten abliefern und ein
Stück realisieren, das trotz der ein oder anderen kitschigen Stelle – und so manch alberner Choreographie – doch einige überaus relevante Fragen aufwirft. Einsamkeit und Identitätsfindung,
Trauerverarbeitung und die Last von Lebenslügen, all das spielt im Stück eine Rolle. Während sich die Murphys an die von Evan geschaffene Illusion klammern und verzweifelt an sie glauben wollen,
um zumindest auf diese Weise ihrem verstorbenen Sohn nah zu sein, findet Evan selbst seine vermeintliche Traumfamilie, mit einer stets ansprechbaren Mutter, einem interessierten Vater und der von
ihm schon immer angehimmelten Zoe, die sich aufgrund seiner Geschichten über Connor zunehmend zu dem schüchternen Jungen hingezogen fühlt. Dass diese Beziehung die unausweichliche Katastrophe
nicht übersteht, steht natürlich außer Frage. Leider.
Am Ende, nach rund 170 Minuten (inklusive Pause), endet das Stück mit einer versöhnlichen Note. Der ganz große Knall ist ausgeblieben, Evans Netz aus Lügen weitgehend intakt. Nur einige kennen
die Wahrheit, darunter natürlich auch die Murphys. Und denen scheinen Evans Geschichten, so fiktiv sie auch waren, doch irgendwie geholfen zu haben, mit der Trauer umzugehen und sich nicht selbst
zu verlieren. Und so kann es dann auch ein letztes Treffen zwischen Evan und Zoe geben, das durchaus von Wehmut geprägt ist, aber auch von Hoffnung. Vor allem Evan ist gereift und blickt nach
vorn. Ob er damit zu glimpflich davonkommt? Darüber kann man durchaus diskutieren. Dem Stück beschert das Happy End auf jeden Fall tosenden Applaus des Premierenpublikums und stehende Ovationen
für ein sehr engagiertes Ensemble.
Termine
12.04., 18 Uhr / 29.04., 10 Uhr / 29.04., 19:30 Uhr / 30.04., 10 Uhr / 30.04., 19:30 Uhr / 29.05., 10 Uhr / 29.05., 19:30 Uhr / 30.05., 19:30 Uhr / 26.06., 10 Uhr / 26.06., 19:30 Uhr / 27.06., 19:30 Uhr, jeweils im Jungen Theater Bonn. Tickets und weitere Informationen unter www.jt-bonn.de.



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