„Raum : Raah“: Straßen auf der anderen Seite der Welt

Auf den ersten Blick könnten die Bilder kaum unterschiedlicher sein: Hier weitgehend leere Plätze und ein geordneter Verkehr, dort hin und her wuselnde Fußgänger und absolutes Chaos auf den Straßen. Dazwischen liegen 8000 Kilometer und eine ganz andere Wahrnehmung des öffentlichen Raums. Genau diese stellt das Fringe Ensemble in der neuen Produktion „Raum : Raah“ gegenüber, die in Kooperation mit der indischen Theatertruppe Kaivalya Plays entstanden ist und die der verschlafenen Bundesstadt Bonn die pulsierende Metropole New Delhi gegenüberstellt. Es geht um unterschiedliche Beziehungen zu urbanen Räumen, zu Hektik und Enge und Lärm und Ruhe, aber auch um jene, die unsichtbar sind, die Ausgegrenzten und Verlorenen, die in beiden Gesellschaften existieren. Ein ambitioniertes Projekt mit überaus reizvollem Potenzial – das genau dieses aber noch nicht einmal ansatzweise ausreizt.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Die eigenwillige Mischung aus Installation und Performance, die Theaterleiter Frank Heuel und sein indisches Pendant Varoon Anand auf die Bühne gebracht haben, soll Klänge, Bilder und Stimmen aus beiden Städten übereinander legen und das Recht von Raum erläutern; so zumindest steht es im Programmheft. Doch abgesehen von ein paar Impressionen zu Beginn der Vorstellung, bei der sich angesichts des dichten Gedränges unweigerlich Beklemmung breit macht, ist zumindest von der indischen Hauptstadt wenig zu sehen, geschweige denn zu hören. Eine Einordnung des Gesehenen erfolgt nicht – zwar soll das Publikum später zu einer anderen Sequenz Fragen stellen, die dann auf der anderen Seite der Welt (wo parallel eine Aufführung von „Raum : Raah“ stattfindet) dank entsprechender Videotechnik beantwortet werden, doch weder zu einem Foto der leeren Hofgartenwiese noch zu einem Video von springenden Affen lässt sich viel sagen. Als interaktives Element fällt dieser Teil der Performance schlichtweg durch.

Ganz anders sieht dies bei den gespielten Szenen aus. Vor allem der Monolog von Andreas Meidinger, der einen Bonner Ex-Knacki und Ex-Junkie am untersten Ende der sozialen Leiter spielt, kann sich hören lassen. Wenn er erzählt von den üblichen Runden zwischen Citystation und Bahnhofsmission, von den sozialen Brennpunkten und vom ständigen Laufen, weil er sich dann nicht mit sich selbst beschäftigen muss, ist das schon überaus eindringlich. Auch dazu gibt es eine Parallele in Indien, ein erfreulich konkreter Beitrag von Riddhijit Chattopadhyay, für den ein Spaziergang ebenfalls eine Art von Rückzug ist. Nur die Straßenhunde, die machen ihm Sorgen. Davon hätte man ruhig noch mehr sehen und hören können, auf beiden Seiten. Stattdessen werden Räume geschlossen, Probleme ausgeblendet und Begegnungen verhindert. Ein erneuter direkter Kontakt mit den indischen Beteiligten findet nicht statt, Fragen nach Zugehörigkeit und Identität, nach dem Recht auf Bewegung und den möglicherweise dazugehörigen Risiken werden nicht weiter thematisiert. Wo sind die Kommentare von Taxifahrern, die sich ständig im öffentlichen Raum bewegen und diesen eben nicht als ihr Wohnzimmer ansehen, sondern als ihren Arbeitsplatz? Wo sind die Punks, die diese Räume wie selbstverständlich in Beschlag nehmen? Welche öffentlichen Räume sind da, welche sind rar und welche sind hart umkämpft? „Wer ist sichtbar, wer bleibt unsichtbar“, will das Fringe Ensemble laut Programmheft selbst wissen. „Was gilt als normal, und wer legt das fest?“ Gute Fragen, auf die es aber keine Antworten gibt. Noch nicht einmal Antwort-Fragmente. Und das ist am Ende zu wenig.

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