Lars Eidinger: Denn dafür lebt der Mensch

„Der Mensch lebt nur von Missetat allein“: So kommentiert Bertolt Brecht in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ das Gewinnstreben des Kapitalismus, das allzu oft zu Kosten anderer möglich ist, indem man sie ausnutzt und ausbeutet, um sich selbst die Taschen vollzustopfen. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Kennt man ja. Diese und andere berühmte Zeilen hat Brecht einst in seiner „Hauspostille“ veröffentlicht – jetzt hat sich Lars Eidinger, der für die Verkörperung von unbequemen Charakteren inzwischen auch in Hollywood für Aufsehen sorgt, dieser Texte angenommen. In der Bonner Oper hat der 50-Jährige verschiedene Gedichte vorgetragen und gesungen, ausgerechnet am Karnevalssonntag. Daran hätte Brecht sicherlich seine Freude gehabt, zumal Eidinger dessen Werk mit unvergleichlicher Intensität präsentiert. Und daraus eine beeindruckende Predigt gestaltet.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Tatsächlich will die „Hauspostille“ genau das erreichen: Brecht hat sie als Anspielung auf Martin Luthers gleichnamige Predigtsammlung konzipiert, mit Bittgängen, Exerzitien und Psalmen, in denen er den Menschen einen Spiegel vorzuhalten versucht, den Kapitalismus anklagt und den Kommunismus zumindest vom Prinzip her verteidigt. Vor allem aber schafft er faszinierende Charaktere aus den Reihen der Ausgestoßenen und Verlorenen, Mörder und Huren und Täter und Opfer, denen Eidinger – im schlichten Arbeiter-Anzug, zwei Nummern zu groß am schmächtigen Körper schlotternd – nun seine ach so wandlungsfähige Stimme leiht. Dabei hilft ihm Hans-Jörn Brandenburg an Klavier, Orgel, Cembalo und Harmonium, meist so reduziert wie möglich – nur bei „Wovon lebt der Mensch“ dreht er die Bässe auf, dass die Sitze in der restlos ausverkauften Oper beben. Dann wieder tritt er leise in den Hintergrund, singt bei Bedarf noch die zweite Stimme (so etwa beim „Alabama Song“) und erlaubt dem Publikum, sich ganz auf Eidingers Stimme zu konzentrieren. Die ist hypnotisch, eindringlich, eigenwillig, im Gesang auch mal sonor und dann wieder erstaunlich zart, was vor allem bei der „Seeräuber-Jenny“ zum Tragen kommt.

So ganz hat Eidinger die Texte allerdings noch nicht verinnerlicht. Immer wieder blickt er in das Textbuch in seiner Hand, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Doch bei dem Lied „Vom ertrunkenen Mädchen“ hilft ihm das auch nicht – auf einmal ist er raus. Und kommt zunächst nicht wieder rein. Dieses Hohelied der Vergänglichkeit, bei dem Brecht an Gottfried Benns „Schöne Jugend“ erinnert und in dem der Verfall und das Vergessen Hand in Hand gehen, ist eben tückisch, selbst für jemanden wie Eidinger. Das Publikum nimmt ihm diesen kleinen Patzer nicht übel, obwohl Eidinger bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Anstalten gemacht hat, die Menge über die Kunst hinaus auf seine Seite zu ziehen. Keine Moderation, kein persönliches Wort, nur Brecht pur und ein gemeinsam gesungenes „Sterben“ bei Brechts Umdichtung von „Lobet den Herrn“. Das reicht offenbar, wenn man nur Gedichte eindringlich genug zu rezitieren vermag.

Nach gut einer Stunde ist dann Schluss. Länger sollte eine Predigt ohnehin nicht dauern. Mit dem Beatles-Song „Fool on the Hill“ holen Eidinger und Brandenburg noch einen kleinen Fremdtext ins Programm, wechselt dann zur „Moritat von Mackie Messer.“ „Und man sieht nur die im Lichte / die im Dunkeln sieht man nicht“, singt er. Dann wird es dunkel. Und Eidinger? Setzt zum intensiven Höhepunkt an, zu Brechts „An die Nachgeborenen“, mit Versen, die heutzutage leider wieder so aktuell sind. „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“, so beginnt eine Entschuldigung dafür, vermeintlich nicht genug getan zu haben, verbunden mit der Hoffnung, dass nachfolgende Generationen es besser machen könnten. Was auch lange gut ging. Heutzutage braucht es dann aber vielleicht doch wieder dieser Zeilen, um daran zu erinnern, dass der Mensch eben doch nicht nur von Missetat allein lebt.

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