Kippa Köpp: Karneval im Schatten der Schoa

„Schön ist Köln, schöner als das Paradies“: Derart euphorisch hat sich einst der Büttenredner Moritz Wertheim über seine Heimatstadt ausgelassen, damals, am Ende des 20. Jahrhunderts. Dieser galt als eine zentrale Figur des Kölschen Karnevals, ebenso wie Emil Blumenau, Alfred Heinen oder Hans David Tobar. Und sie waren alle Juden, die mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus zu kämpfen hatten. Vor anderthalb Jahren hat der Verein Kölsche Kippa Köpp (KKK), seit 2017 der erste und wahrscheinlich einzige jüdische Karnevalsverein der Gegenwart, diesen Männern ein Denkmal gesetzt und eine jüdische Zeitreise ins Leben gerufen, bei der Texte und Lieder aus jener Zeit vorgetragen werden. Jetzt hat der KKK das Programm anlässlich von 200 Jahren Bönnschem Karneval ein letztes Mal im Haus der Springmaus gespielt.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Es ist kein Abend des Schunkelns und der Schenkelklopfer, den die KKK hier zusammengestellt hat. Und es ist auch kein Abend, bei dem das Publikum jedes Lied ausgelassen mitsingen kann. Oder will. Dafür sind die einzelnen Nummern ohnehin zu ernst, such wenn sie mitunter durchaus lustig sein können, mit feinem Humor und vor allem leidenschaftlichem Sprachwitz. Die Nazis haben darüber aber nicht gelacht. Sie haben die unliebsamen jüdischen Künstler zunächst mit Auftrittsverboten belegt und sie später dann in die Konzentrationslager deportiert, zumindest diejenigen, die nicht zuvor ins Exil gegangen sind. In mühevoller Recherchearbeit haben KKK-Präsident Aaron Knappstein und Schriftführer Volker Scholz-Goldenberg die Geschichten hinter den jüdischen Karnevalisten in Erfahrung gebracht. Sie wollen die Vergessenen wieder sichtbar machen – ein Ansatz, der damals auch hinter der Gründung des Vereins stand. „Wir wollen uns nicht verstecken“, so Knappstein. Schon gar nicht beim Lachen.

Dennoch ist der Humor von damals nicht immer direkt zu verstehen, zumindest bei so manchen Anspielungen auf Personen oder Geschehnisse von damals. Dazu kommt neben erstaunlich vielen hochdeutschen Beiträgen der mitunter stark kölsche Zungenschlag, den die Leiterin des Kölner Comedia-Theaters, Susanne Kamp, zusammen mit dem Schauspieler und Sänger Michael Klevenhaus mühelos wiedergibt. Was man versteht, zeugt immerhin von einem scharfen Verstand und einer spitzen Zunge, aber auch von einem feinen Gespür für diplomatische Sprache. „Selbst im Scherz sei auch ein Herz“, schrieb Emil Blumenau im Jahr 1898. Was leichter gesagt als getan ist. Vor allem Max Salomon, der einst mit dem Kleinen Kölner Klub den Vorgänger der Kippa Köpp gründete, schrieb sich nach seiner Flucht in die USA Hass und Wut von der Seele, wie einige eindringliche Gedichte belegen – gleichzeitig veranstaltete er in der Diaspora und noch während der Schoa rheinische Abende und Karnevalsveranstaltungen. „Für uns ist das heutzutage unverständlich“, sagt Knappstein, „aber damals waren diese Auftritte ein letzter Rest der alten Heimat.“

Gerade angesichts dieses Hintergrunds und des immer weiter wachsenden Antisemitismus in Deutschland ist die Arbeit des KKK nicht zu unterschätzen. Mit der Zeitreise haben sie auf jeden Fall einen Nerv getroffen, was sicherlich auch an der erstklassigen Musik liegt, die die Band Schängs Schmölzje live einspielt; diese wiederum setzt sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus Mitgliedern des Gürzenich-Orchesters zusammen. So wird selbst ein schmissiger Evergreen wie „Heidewitzka, Herr Kapitän“ zu einer ganz zarten Nummer, bei der Michael Klevenhaus mit sanfter Stimme brilliert. Ein bemerkenswerter Abend. Und einer, der sich irgendwann noch einmal wiederholen dürfte. Denn auch wenn diese jüdische Zeitreise für’s Erste abgeschlossen ist, arbeitet die Kippa Köpp bereits an einem Nachfolger. 

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