Stephan Lucas: „Jeder ist zu allem fähig“

„Sie alle haben schon einmal einen echten Mörder gesehen.“ So ganz will man der Behauptung von Stephan Lucas nicht folgen. Das wäre ja gruselig. Aber wirklich so abwegig? Immerhin kann man den Menschen nur vor den Kopf schauen, und die Biographie sämtlicher Passanten, die an einem vorbeilaufen, kennt auch niemand. Vielleicht ist also doch etwas dran an den Worten des Fernseh-Anwalts und Strafverteidigers, der in der Pantheon-Lounge aus seinem Leben plaudert. Lucas, der der breiten Öffentlichkeit aus Sendungen wie „Richter Alexander Hold“, „Im Namen der Gerechtigkeit“ oder „Das Strafgericht“ bekannt sein könnte, ist sich seiner Sache auf jeden Fall sicher. Immerhin haben auch verurteilte Straftäter in der Regel ein Recht auf Freigang, ganz zu schweigen von jenen, die ihre Strafe bereits vollständig verbüßt haben. Und letztlich sind Mörder auch nur Menschen.

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Dieser Satz ist für Stephan Lucas elementar. In seiner 26 Jahre andauernden Karriere hat er schon mit vielen Mördern und Totschlägern zu tun gehabt, einige von ihnen hat er selbst vertreten. Und Menschenkenntnis, sagt er, könne man in dieser Hinsicht vergessen. Dann erzählt er von Dragan, einem muskulösen und recht aggressivem Mann, und von dem zurückhaltenden, leisen Peter Schäfer (die Namen hat Lucas zum Schutz der Betroffenen geändert). Die Verteidigung des ersten hätte er wegen dessen Naturell zurückgewiesen, den anderen hätte er gerne als Mandant gehabt. Nur: Dragan war angeklagt, bei Douglas einige Flaschen Parfüm gestohlen zu haben. Schäfer hat zwei Menschen brutal ermordet. „Jeder ist zu allem fähig“, betont Lucas. Auch die, denen man es nicht ansieht.

Lucas bemüht sich, die Täter nicht zu verurteilen, sie nicht zu Bestien zu degradieren, sondern auch ihre Schicksale zu berücksichtigen. Vor allem in einem Fall, in dem ein lautstark telefonierender Mann in einem Restaurant nach der Bitte eines anderen Gastes um etwas mehr Rücksicht ausrastet und diesem ein Steakmesser in den Bauch rammt, zeigt er ebenso viel Empathie für den Täter wie für das Opfer. In einem Wechsel aus freiem Vortrag und Lesung (Lucas hat bislang zwei Bücher mit entsprechenden Fällen veröffentlicht) baut er seine Geschichten langsam auf, wobei seine Fernseh-Erfahrung nicht zu übersehen ist. Die fast schon überzogene Dramatik und das Spiel mit Emotionen lässt manche Passagen beinahe künstlich wirken, rigoros geskriptet und einstudiert bis hin zur kleinsten Frage ans Publikum. Spannend ist es aber trotzdem. Und erhellend. Vor allem die Regeln der Untersuchungshaft, bei der die Insassen (gemäß Artikel 20 des Grundgesetzes) noch als unschuldig gelten und trotzdem zur Sicherung des Verfahrens bis zum Prozess hinter Gittern sitzen, sind für viele im Publikum eine Überraschung. Hafterleichterungen wie Arbeit, Sport oder Freigänge sind hier nicht vorgesehen. „Das ist die härteste Haftform, die Deutschland zu bieten hat“, betont Lucas. 

Für die einzelnen Fälle nimmt Lucas sich Zeit, beleuchtet verschiedene Aspekte und zeigt immer wieder den Menschen hinter dem Täter, einen Mann, der vielleicht selbst Frau und Kinder hat und mit einer Handlung im Affekt alles zerstört hat. Auch ist ihm wichtig zu betonen, dass die meisten Straftaten nicht im luftleeren Raum entstehen oder aus dem Verlangen eines Psychopathen oder Rassisten. „Mit etwas Besonnenheit ließe sich fast jede Straftat verhindern“, glaubt er, ohne dabei dem Opfer irgendeine Art von Mitschuld einräumen zu wollen. Eine Aussage, über die man noch viel reden könnte. Vielleicht bei einem Folgetermin.

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