Lesungen scheinen im Moment im Trend zu sein. Ein Buch, ein Stuhl und ein erfahrener Sprecher oder eine erfahrene Sprecherin, mehr braucht es immerhin nicht. Keine Lichtwechsel, keine Bühnenaufbauten, keine Technik. Allein im Februar werden mit Lars Eidinger, Roland Janjowski und Robert Stadlober drei durchaus bekannte Schauspieler mit verschiedenen Buchprojekten zu Gast in Bonn sein. Jetzt haben Bjarne Mädel, Bastian Pastewka und Bettina Stucky im Rahmen der Reihe „Quatsch keine Oper“ die Messlatte hoch gehängt – auch wenn Dialoge zwischen den Dreien leider Mangelware waren.
Werbeanzeige
Gelesen wurde aus Ingrid Lausunds Monolog-Sammlung „Bin nebenan“. Die Autorin und Mädel kennen sich schon lange: Sie hat unter dem Pseudonym Mizzyy Meyer sämtliche Drehbücher zur Erfolgsserie „Der Tatortreiniger“ verfasst (ebenso wie das für die Hitler-Persiflage „Er ist wieder da“) und sich damit als Meisterin absurder Szenarien bewiesen. Dies führt sie nun mit besagten Texten konsequent fort, die das Trio abwechselnd vorträgt. Protagonistinnen und Protagonisten sind Außenseiter und Verzweifelte, Neurotiker und gescheiterte Stil-Rebellen – Charaktere, die alles andere als Stereotype sind und die zumindest teilweise ebenso komisch wie tragisch sind, die zum Lachen anregen und zum Weinen. Besonders hart ist der Bericht eines offenkundig geistig eingeschränkten Mannes, der Zeit seines Lebens nur Diskriminierungen, Zurückweisungen und Mobbing-Attacken ertragen musste und trotzdem stolz ist auf sein Leben, auf seinen Job in einer Putenschlachterei, der Gummi-Freundin im Schrank und Not-Vorräten unterm Bett. Ganz schön harter Tobak. Ihm verleiht Bjarne Mädel eine Stimme, die in Timbre und Zungenschlag stark an Heiko „Schotti“ Schotte erinnert, weitgehend nüchtern und sich für etwaige Vorwürfe seinerseits immer wieder entschuldigend. Nur niemandem auf die Füße treten. Sonst tritt vielleicht jemand zurück. Und zwar deutlich härter.
Mädel scheint ein Faible für gebrochene Figuren zu haben, für all die Scheiternden in einer sie überfordernden Welt. Auch einem völlig überschuldeten Familienvater leiht er seine Stimme und
gewährt einen Blick in den Kopf dieses Mannes, der weder aus noch ein weiß, jetzt wo die Bank mit der Pfändung des Hauses droht. Vergeblich sucht er nach einem Ausweg, er, der sich tatsächlich
von seiner kleinen Tochter Geld aus dem Sparschwein hat geben lassen, um ein paar Zigaretten zu kaufen und der sich dafür unglaublich schämt. Was soll er jetzt nur machen? Ist jetzt alles aus?
Das Haus weg, der Hund aus Kostengründen auch, vielleicht sogar die Familie. Am Ende sieht er nur eine Lösung: Ein als Unfall getarnter Suizid. Heftig.
Dagegen wirken die Texte, die sich Bastian Pastewka ausgesucht hat, nur noch absurder, als sie es ohnehin schon sind. Ob als Durchschnittsbürger aus der Leander-Kohorte, der auf der Suche nach
einem neuen Sofa in eine Schublade gesteckt wird, aus der er sich beim besten Willen nicht befreien kann, oder als namenlose Dame, bei der alles aus Geldscheinen zu bestehen scheint – stets
scheint Pastewka diese Ausflüge in den Irrsinn zu genießen. Ebenfalls schräg, aber auch irgendwie traurig ist derweil Bettina Stuckys nur aus Satzfragmenten bestehender Text, in der jede Aktion
einer scheinbar unter Zwangsstörungen leidenden Frau beschrieben wird. Es ist, nicht zuletzt wegen Stuckys bemerkenswertem Organ, der beste Text eines starken Abends, der allerdings schon nach 90
Minuten sein offizielles Ende findet. Bedauerlich ist zudem, dass das Trio viel zu wenig miteinander interagiert, was natürlich zu einem nicht unerheblichen Teil an der Textsorte liegt, aber
dennoch viel an humoristischem Potenzial liegen lässt. Ob das beim nächsten Mal anders sein wird, ist angesichts einer neuen Besetzung offen: Am 6. September wird Bjarne Mädel zusammen mit Katrin
Wichmann und Fritzi Haberland erneut in die Bonner Oper kommen.





Kommentar schreiben