Überall läuft irgendwas schief, vor allem politisch. Lupenreine Demokraten zetteln Kriege an, Immobilien-Mogule mit einem unfehlbaren Gespür für Fettnäpfchen brechen ein Gesetz nach dem anderen, in Europa sind Rechtspopulisten immer noch auf dem Vormarsch – und in Deutschland regiert Friedrich Merz mit einer Ministerriege, deren Namen in der Bevölkerung ungefähr so bekannt sein dürften wie die Hauptstadt von Absurdistan. Da wird man doch wahnsinnig. Zum Glück bietet das Kabarett-Theater Distel eine Behandlung mit ihrer patentierten „SchMERZtherapie“ an. Was allerdings nicht immer gelingt.
Werbeanzeige
Die Distel, immerhin Deutschlands größtes Ensemble-Kabarett, ist berühmt für ihre gnadenlos überzeichneten Sketche, mit denen sie den Mächtigen in Berlin und Brüssel den Spiegel vorhalten. Eine Aufgabe, die nicht immer einfach ist, vor allem angesichts so manches Debakels der vergangenen Jahre. Die Klage diverser Satiriker, gegen die Realität nicht länger anzukommen, steht völlig zu Recht im Raum. Ob aber völlig überdrehte Bühnenfiguren mit mindestens einer psychischen Störung und dem Intellekt von Erdmännchen die Lösung sind? Zumindest sorgen sie dafür, dass so manche Nummer völlig zur Farce wird: Die ständig kichernde Therapeutin (Julian Dietz) und die grenzdebile Lernschwester aus der Sachsenklinik (Josepha Grünberg) sind eher nervtötend denn witzig, und auch eine Szene aus dem dystopische AfD-Frühstücksfernsehen ist angesichts der realen Gefahr, die von rechtsaußen ausgeht, weder zum Verlachen noch zum Veralbern geeignet. Bundesweit kommt die Partei von Björn Höcke und Co mittlerweile auf 25 Prozent, in einigen Bundesländern gar auf 40 Prozent – und die Distel reagiert mit einem plumpen Bayern im Oberförster-Outfit, einem vollbusigen Oktoberwiesn-Madel und einer exzessiven Bedienung von Klischees in Kalkofes polemischem Mattscheiben-Stil? Das kann die Distel doch eigentlich besser.
Ja, kann sie. Macht sie in diesem Fall aber nur selten und überraschenderweise vor allem dann, wenn es nicht um Politik geht. Insbesondere der Austausch von Markus Lanz (Julian Dietz) und Richard David Precht (Jens Eulenberger) ist herrlich schräg, aber auch der ständig herumkaspernde Roboter Merz 3000 mit dem Betriebssystem von vorvorgestern hat so seine Momente, nicht zuletzt dank des exzellenten Spiels von Jens Eulenberger. Dessen Wandlungsfähigkeit ist erstaunlich, ob er nun als fränkischer CSU-Politiker auf der Bühne steht oder als FDP-Haubitze Marie-Agnes Strack-Zimmermann zwei anderen Parlamentariern eine Lektion in Sachen ausweichender Entschuldigung gibt. Eulenberger ist für jeden Spaß zu haben, egal wie peinlich der auch ist, und er macht das Beste daraus, oder besser so viel wie möglich. Immerhin. Dagegen ist Josepha Grünberg in all ihren Rollen viel zu aufgekratzt, selbst als völlig verzweifelte Parlamentsstenografin mit einem Faible für Rilke. Dafür erweist sie sich als vielseitige und vor allem sichere Sängerin – denn natürlich gehört auch die ein oder andere Musiknummer zum Programm. Für die Begleitung sorgen Schlagzeuger Falk Breitkreuz und Pianist Tilman Ritter, die sich so einiges zusammenspielen und sogar eine kleine Hurtz-Reminiszenz anklingen lassen. Der Wahnsinn hat eben Methode.
Rund zwei Stunden balancieren Grünberg, Eulenberger und Dietz zwischen den Fallstricken der Macht, kommentieren die Diskussion um die Rückkehr der Wehrpflicht, den Abstieg der SPD in die Bedeutungslosigkeit, die herbeigezauberten Sondervermögen und vor allem die Eigenheit von Politikerinnen und Politikern aus allen Fraktionen, jede Schuld kategorisch von sich zu weisen. Das sorgt für Klarheit. Sehr schön. Im Vergleich zu „Die Hinterzimmer der Macht“, dem letzten Distel-Programm mit Szenen aus dem Bundestag, übertreibt das Ensemble es bei der „SchMERZtherapie“ aber leider ein wenig zu oft. Das Publikum ist dennoch begeistert und spendet am Ende herzlichen Applaus.
















Kommentar schreiben