„Die Waffen nieder“: Die Groteske des Krieges

Da hängen sie, umschlungen von blutroten Bändern, die sie zurückhalten und ihnen kam Freiraum lassen, diese Unmengen an symbolischem Lebenssaft, der in unzähligen Kriegen vergossen wurde. Sie, das sind die drei Schauspielerinnen Anna Paula Muth, Lydia Stäubli und Kristin Steffen, die in Katrin Plötners Roman-Adaption von Betha von Suttners Antikriegsroman „Die Waffen nieder“ am Theater Bonn alle Rollen spielen, die der fiktiven Gräfin Martha Althaus natürlich, aber ebenso die ihrer Freundin, ihrer beiden Ehemänner, ihres Bruders und ihres ebenso stolzen wie kaltherzigen Vaters. Eine Weste oder ein Zylinder reichen in der Regel schon, um das Geschlecht zu wechseln, zumindest kursorisch – da die drei Damen allesamt in Bodysuits mit aufgeklebten Scham- und Achselhaaren stecken, ist die Verwandlung nur oberflächlich, aufgesetzt, künstlich. Was nicht sonderlich hilfreich ist. Ganz im Gegenteil.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Tatsächlich beschränkt sich dieser artifizielle Ansatz nicht nur auf die in Höchstgeschwindigkeit rasende Personenachterbahn. Vielmehr thront er über allem, den Dialogen und Agitationen, den Argumentationen und Diskursen. Interaktionen sind in der Unterzahl, auch die lassen die blutigen Bandagen nicht wirklich zu. Und so wirkt das Stück über weite Teile eher wie eine szenische Lesung. Oder wie eine Groteske. Der Wandel von einer militärbegeisterten jungen Adeligen hin zu einer überzeugten Pazifistin wird eben nicht differenziert dargestellt, sondern lebt von Extremen.

 

Dabei liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen Polen, immerhin verliert Martha im Laufe der Jahre und durch vier Kriege ihre beiden Gatten und diverse Familienangehörige. Eine Tragödie. Doch nur in wenigen Momenten wird diese auch spürbar. Etwa dann, wenn der erste Kanonenschuss durch den Saal des Schauspiels Bad Godesberg schallt und alle Besucherinnen und Besucher aufrüttelt. Oder wenn von den Toten gesprochen wird, die aufgeschichtet werden wie Menschenziegel, dazwischen noch jene stierend, die der Schnitter noch nicht geholt hat und die die Ärzte trotzdem längst aufgegeben haben. Das sind die Momente, in denen „Die Waffen nieder“ zeigt, welch ungeheure Wucht in diesem rund 130 Jahre alten Text steckt. Und doch: Was ist es für ein verschenktes Potenzial, wenn der strenge Vater, völlig aufgelöst durch den Tod seines einzigen geliebten Sohnes Otto, nicht wirklich dabei gezeigt werden kann, wie er den Krieg auf seinem Sterbebett verflucht, weil dieser Schmerz nicht mit den besagten Bodysuits in Einklang zu bringen ist. Man nimmt sie wahr, diese Szene. Aber sie nimmt niemanden mit.

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Dabei versuchen die drei Schauspielerinnen ihr Möglichstes, um Martha und die anderen Figuren in den rund 130 Minuten ohne Pause mit Leben zu füllen. Eingeengt in einer oft stilisierten Choreographie gelingt ihnen das aber nur dann, wenn sie mal zur Ruhe kommen und die Wucht des Textes wirken lassen können. Der ist eine Herausforderung für sich, was bei der Premiere in manchen Passagen hörbar ist – in den meisten Szenen erweisen sich Muth, Stäubli und Steffen jedoch innerhalb der genannten Parameter als durchaus souverän und halten trotz der zahlreichen Rollenwechsel den Spannungsbogen zumindest ansatzweise aufrecht. Und wenn sie sich mal aus dem roten Geflecht befreien dürfen, blühen sie für einen Moment geradezu auf. Die aktuellen Bezüge des Romans, der immerhin unter anderem einen internationalen Gerichtshof fordert und zum Pazifismus aufruft, werden dadurch aber leider trotzdem nicht sichtbar. Zumindest nicht auf der Bühne. Dies gelingt nur vor den Türen des Schauspielhauses: Da verteilen Mitglieder der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Flyer für eine Demonstration gegen die neue Wehrpflicht. 


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