Matthias Brodowy: Scrollen bis zur Unendlichkeit

„Was wollte ich Ihnen eigentlich sagen?“ Eine schwierige Frage, auf die keiner eine Antwort kennt, noch nicht einmal Matthias Brodowy. Muss wohl Demenz sein. Andererseits ist ein Bekenntnis zumindest ein Anfang. Mitunter sogar ein überaus unterhaltsamer, nämlich immer dann, wenn Kabarettist Brodowy beim Wühlen im eigenen Hirn einige Anekdoten aus der eigenen Familie hervorkramt und anhand derer einige der großen gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart greifbar macht – und zwar in Ruhe, abwägend und vor allem überaus poetisch. Denn was lässt sich nicht alles ableiten von einem einzigen nostalgischen Moment, von den Pommes im über Tage mit Geschmack angereicherten Öl, von der Oma im Sack und von einem Kaugummi-Automaten, der rot und vom Rost zerfressen an einer ansonsten kahlen Wand prangert. Hängt alles irgendwie zusammen.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Brodowy ist ein melancholischer Geist, einem teils hilflosen Beobachter angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt. Der 53-Jährige erinnert sich an die Weisheiten seiner Oma und an die Nazi-Uniform im Auto des Onkels, an die Beschimpfungen gegen ihn und seinen Vater wegen ihres Zivildiensts und an eine Romreise, bei der er herausgefunden hat, dass 250 brennende LED-Gebets-Kerzen gar nicht so teuer sein müssen. Das dahinter steckende Geschäftsmodell der katholischen Kirche empfindet Brodowy als Betrug, und wenn sich all die anderen nicht dagegen wehren, dann doch wenigstens er. Irgendwer muss es schließlich tun, warum dann nicht er? Ihm hört man immerhin gerne zu, ihm mit dem Sprachverständnis von Jochen Malmsheimer, der Nonchalance von Frank Goosen und der Diktion von Heinz Erhardt.

 

Doch eigentlich will er sich nicht allein wehren, egal ob es um eine Kleinigkeit geht oder um ein weltbewegendes Problem. „Was derzeit passiert, kann doch nicht wahr sein“, sagt Brodowy. Ist es aber leider. „Und wir stehen nur daneben und staunen.“ Auch im Umgang mit den Rechten. „Ich will vielen gar kein rechtsradikales Gedankengut unterstellen“, so Brodowy. „Nur widerspricht leider keiner mehr.“ Nicht zuletzt deshalb, weil der Blick immer Richtung Handy geht und in die Weiten des Netzes, das keinen Anfang und kein Ende zu haben scheint, egal wie weit man scrollt. „Wir sind eine transzendente Spezies“, erklärt Brodowy sehr philosophisch. „Wir streben nach der Unendlichkeit, können sie aber nicht ertragen.“

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Aufregen will sich Brodowy deswegen allerdings nicht. Als würde das helfen. Er tobt nicht angesichts des Debakels beim Klimaschutz, der Affenbande im Weißen Haus oder der Maskenaffäre von Jens Spahn. Er ist wütend, ja, aber kein Wüterich. Er pflegt vielmehr die leisen Töne, legt Wert auf eine geschliffene und vor allem bewegende Sprache, die er mesiterlich nutzt, um sein Publikum im Herzen zu treffen und zum Nachdenken anzuregen. Was ihm durchaus gelingt. Besonders berührend ist die Passage, in der er sich an seinen Opa erinnert und an die Zeit, in der sein Vater oft als Drückeberger bezeichnet wurde, weil er sich dem Wehrdienst verweigert hatte. Einmal, so erzählt Brodowy, sei er mit seinem Opa vor einem Kriegerdenkmal stehen geblieben, gewidmet den Helden, die für ihr Vaterland gefallen sind. „Wir waren keine Helden“, so zitiert Brodowy seinen Großvater. „Wir waren nur Kinder.“ Kinder, die töten mussten und selbst getötet wurden, die Kameraden sterben sahen und die, wenn sie überhaupt zurückkehrten, einen Teil ihrer Seele verloren hatten. „Ich wünschte mir, ich könnte noch heute mit ihm reden“, so Brodowy.


Und den Zivildienst seines Vaters? Hielt Brodowy für eine gute Idee. Er selbst hat es ihm gleich getan, hat sich um Seniorinnen und Senioren gekümmert, hat sie beruhigt und gepflegt und hat an ihrer Seite gesessen, während sie starben. „Ich habe in diesen 18 Monaten viel gelernt“, sagt er. „Vor allem ging es ausnahmsweise einmal nicht um Leistung. Sondern um Menschlichkeit.“ Diese Erfahrung würde er den kommenden Generationen ebenfalls wünschen.

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