Streng genommen ist der Jazz grenzenlos. Er speist sich aus allen Quellen, akzeptiert Schlager-Einflüsse ebenso wie Rock-Elemente und Latin-Phrasierungen, kann arabische Mikrotonalität mit afrikanischen Grooves und der Grandezza der Klassik vereinen und so ziemlich alle Instrumente bis an ihre Grenzen bringen und darüber hinaus. Dennoch ist das diesjährige Finale der populären Jazztube-Konzertreihe schon etwas Besonderes: So vielfältig und verschieden waren die drei Siegerbands vermutlich noch nie. „Im Grunde bilden sie die Spitzen eines Dreiecks, sie könnten kaum weiter voneinander entfernt sein“, betont Jazztube-Chef Thomas Kimmerle. Ganz so extrem ist der Abend im Pantheon dann zwar nicht – deswegen aber nicht weniger ungewöhnlich. Und mitunter gewöhnungsbedürftig.
Werbeanzeige
Wie üblich hatten an drei Wochenenden in August und September insgesamt neun Bands Auftritte in drei verschiedenen U-Bahn-Stationen; das Publikum konnte hinterher ihre Favoriten wählen, die nun in Beuel noch einmal spielen durften. Und die haben es in sich. Schon das Carl Zinsius Project überzeugt mit Komplexität und Gefühl, ist mal verträumt und dann wieder avantgardistisch, bleibt aber stets stringent. Das Quartett um den Kölner Drummer Carl Zinsius hat sich niemand geringere als die legendäre Jazz-Komponistin Carla Bley zum Vorbild gewählt und einige ihrer Stücke überaus facettenreich interpretiert. Im Gegensatz zum Album „Five Banana“ ersetzt in Bonn Trompeter Matthias Bergmann den Saxofonisten Alex Scott und die Klarinettistin Anais Pasanau Miró und bringt seinen eigenen warmen Klang ein, der gut mit Simon Belows Klavier-Tiraden harmoniert. Auffällig ist aber auch Bassist Conrad Noll, der erstaunlich viel Solo-Zeit erhält, diese aber auch geschickt nutzt und mit einem durchaus lyrischen Ansatz überzeugt. Wunderschön, bis die ganze Band mal wieder in eine der modern gehaltenen Passagen fällt, in denen sich Rhythmus und Melodie aufzulösen beginnen. Zum Glück versteht es die Band, nie zu lange in diesen Tiefen zu verharren.
Artikel wird unten fortgesetzt
Ganz anders geht Phalanx vor: Die vier Musiker Mathieu Bech (Klavier), Axel Zajac (Gitarre), Xaver Feest (Bass) und Johannes Pfingsten (Drums) drehen den Ansatz von Carl Zinsius auf links und machen den Wahnsinn zur Methode. Die brachialen Metal-Noise-Fragmente Zajacs, der optisch beinahe die Reinkarnation von Billy Gibbons sein könnte, irren scheinbar ziellos durch den Raum, während arrhythmische Modulationen aus dem Freejazz den gesamten Klangkosmos kollabieren lassen. Dabei übertreibt das Quartett es mitunter, wird zu wahllos und zu beliebig. Am stärksten ist der Auftritt immer dann, wenn man jenseits der gewittrigen Wildheit zumindest ansatzweise Strukturen entdeckt, wenn die Musik sich entwickelt und nicht statisch bleibt, wenn sie über eine Vision verfügt und nicht nur der Dekonstruktion frönt.
Derweil platziert sich Enjamaa am ganz anderen Ende des Spektrums. Das Trio, das nach der Terminabsage des ursprünglich dritten Finalisten Knud nachgerückt ist, sorgt eher für meditative Klänge. Das liegt insbesondere an den Hangs von Fernando Lyra, diesen UFO-artigen Instrumenten mit dem wohlig warmen Sound. Gleich drei davon hat er um sich versammelt, die er alle gleichzeitig spielt, um das volle Potenzial der Berner Klangskulpturen zu nutzen. Dabei ist der Kontrast mit dem Cello von Tabea Hörsch faszinierend, allerdings auch repetitiv – irgendwann wiederholen sich gewisse Muster, egal wie sehr sich Enjamaa auch bemühen, auf Abstand zum Hamsterrad zu bleiben. In vielen Fällen gelingt ihnen dies denn auch, sehr zur Freude des Publikums, das alle drei Formationen mit herzlichem Applaus bedenkt.













Kommentar schreiben