Freiheit – für Angela Merkel ist dies mehr als nur ein Wort. Es war und ist ihr Leitstern, ein Ideal, das sie sowohl privat als auch politisch immer wieder in den Mittelpunkt ihres Handelns stellte. Nicht ohne Grund hat sie so ihre Autobiographie betitelt, aus der sie nun in einem ihrer seltenen Termine in der Bonner Oper las. Von ihrer Jugend bis zur Wende, von der Bonner bis zur Berliner Regierung spannt sich ihre Geschichte, 35 Jahre in einer Diktatur und ebenso viele in einer Demokratie. Letztere hat sie so sehr geprägt wie wahrscheinlich keine andere Politikerin vor ihr, und wie sie da so sitzt auf der Bühne, wirkt sie genauso wie früher, so als ob sie nie weg gewesen wäre. Und auch wenn sie sich an diesem Abend nicht explizit zur aktuellen Situation äußert – weder zur „Stadtbild“-Debatte noch zur immer schwieriger werdenden Außenpolitik – plädiert sie doch für Optimismus. Noch immer gilt ihr „Wir schaffen das“. „Kein Satz von mir hat mehr polarisiert“, sagt sie, „aber für mich war diese Aussage immer selbstverständlich. So habe ich Politik gemacht, und so lebe ich bis heute.“
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Schon am Nachmittag war Merkel in Bonn unterwegs, zu einer Signierstunde in Tannenbusch, die die künstlerische Leiterin der Reihe „Quatsch keine Oper“, Rita Baus, angeregt hatte. Der Andrang war immens, so wie auch am Abend. Schon wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Termins sei er ausverkauft gewesen, betont Generalintendant Bernhard Helmich bei der Begrüßung. Auch Merkel freut das. Sie fühlt sich offenbar wohl in der Bundesstadt, wo sie selbst ja einige Jahre verbrachte, damals in Muffendorf wohnend. Doch aus jener Zeit liest sie vergleichsweise wenig. Stattdessen konzentriert sie sich zunächst auf ihre Kindheit und Jugend in Templin, wo sie nach eigenen Worten sehr behütet aufwuchs. Vor allem in jungen Jahren hat sie die DDR-Diktatur nicht zu spüren gekriegt. „Ich war ein rustikales Kind“, erinnert sie sich, die gerne in einer Gärtnerei aushalf oder im Herbst Blaubeeren im Wald sammelte. „Für einen Eimer bekamen wir Kinder bei der Handelsgenossenschaft für Obst und Gemüse vier bis fünf Ostmark“, erzählt sie. Der wiederum sei dank staatlicher Subventionen für rund zwei Ostmark weiterverkauft worden. „Das hätten wir Kinder leicht ausnutzen können“, sagt Merkel. „So ist mir zum ersten Mal die Widersinnigkeit der DDR-Wirtschaft vor Augen geführt worden.“
Den wahren Unrechtsstaat hat sie erst kurz vor dem Abitur kennengelernt, als ihre Klasse einen ihr aufgezwungenen kulturellen Beitrag unter anderem mit einem Gedicht von Christian Morgenstern füllte. Was nicht gut ankam. Nur dank der Intervention ihres Vaters, so vermutet sie, sei nicht mehr als eine Rüge dabei herausgekommen. „Das Leben in der DDR war ein Leben auf Kante“, sagt sie heute. Es konnte jederzeit kippen. Ob das einer der Gründe war, warum Merkel damals nicht politisch aktiv war und stattdessen ihre Karriere als Physikerin vorantrieb? Auf jeden Fall trat sie erst zu Wendezeiten in den Demokratischen Aufbruch ein, der nach einem Wahldesaster in die Ost-CDU aufging. Von da an ging es schnell: Helmut Kohl nominierte sie überraschend für den Posten der Familienministerin („ich war eine Frau, jung und ostdeutsch – das war bei der CDU nicht selbstverständlich“, kommentiert sie trocken), später Umweltministerin, CDU-Generalsekretärin und -Vorsitzende, schließlich Kanzlerin. An die Elefantenrunde am Wahlabend erinnert sie sich bis heute sehr genau – ebenso wie an ihre Vereidigung.
Einen großen Teil der rund anderthalbstündigen Lesung widmet Merkel zudem der Flüchtlingskrise von 2015, die sie als „Zäsur“ bezeichnet. Bis heute hält sie an ihrer damaligen Position fest. Einem verbalen Wettrüsten mit der AfD erteilt sie eine klare Absage. „Maß und Mittel sind die Basis für den Erfolg demokratischer Parteien“, sagt Merkel. Und später dann: „Freiheit muss für alle gelten.“ Womit alles gesagt sein dürfte.











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