„Biedermann und die Brandstifter“: Wahrheit wird Tarnung

Eigentlich will Gottlieb Biedermann nur seine Ruhe haben. Seinen Frieden und sein spießbürgerliches Leben genießen, Zeitung lesen und sich vielleicht mal beim Stammtisch profilieren. Alles andere wird verdrängt, so auch die Brandstifter, die draußen umherstreifen und überall zündeln. Aber nicht bei ihm, das ist ganz wichtig. Dieses Gesindel würde er doch sofort durchschauen. Und die beiden seltsamen Vögel, die sich ihm erst aufdrängt und ihm dann nach dem Mund geredet haben? Die sind harmlos. Spaßvögel, die zwar immer wieder betonen, dass sie Brandstifter seien, die man aber gerade deswegen nicht ernst nehmen kann. Beziehungsweise erst, als es zu spät ist. Diese Burleske, wie die erste Skizze 1948 betitelt war, hat Max Frisch 1958 als Theaterstück veröffentlicht, unter dem Eindruck der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei, aber auch im Rückblick auf das Dritte Reich. Ein Text, der heute aktueller ist denn je. Jetzt hat das Theater Bonn „Biedermann und die Brandstifter“ im Schauspiel Bad Godesberg inszeniert, und zwar ebenso grotesk wie bedrohlich. Denn die Wahrheit, die wollen zumindest manche auch heute noch nicht glauben.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Regisseur Nuran David Calis, designierter Schauspieldirektor am Landestheater Salzburg, hat zusammen mit Bühnenchefin Anne Ehrlich dem Biederen einen knallbunten 60er-Jahre-Chic geschickt entgegengesetzt, der andererseits durch eine gewisse Kälte und Unpersönlichkeit geprägt ist – wenn dann noch Christoph Gummert als Hauptdarsteller in Ermangelung eines Vorgartens mit präzise getrimmtem Rasen den Schachbrett-Flokati mit einer kleinen Bürste glättet, ist das Bild perfekt. Ohnehin ist Gummert ein Musterbeispiel des Biedermanns, mit aufgesetztem strahlend weißem Grinsen und einer Illusion von Menschlichkeit, die sich schon nach fünf Sekunden in Wohlgefallen auflöst. Dennoch scheut er die Konfrontation, will keinen Skandal und lässt sich deshalb von den beiden Brandstiftern Josef Schmitz (Timo Kählert) und Wilhelm Eisenring (Wilhelm Eilers) überrumpeln, die auf seinem Dachboden Unterschlupf suchen und sowohl ihn als auch seine Frau Babette (Lena Geyer) mit einem herzlichen Lächeln und höflichen Drohungen in die Enge treiben. Allerdings will Biedermann auch gar nicht wissen, was es mit den beiden Herren auf sich hat. Je mehr diese erzählen – und ehrlich sind sie, das muss man ihnen lassen, schließlich ist die Wahrheit die beste Tarnung – desto mehr kann er verdrängen. Und darin ist Biedermann ein Meister. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Funktioniert offenbar bei allen Primaten. Vor allem bei denen, die sich für besonders schlau halten.

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Genau diese Mechanismen der Ignoranz zeigt Calis mit einem geschickten Figuren-Tableau und einem permanenten Wechsel zwischen Farce und Ernsthaftigkeit. Immer wieder stakst und hampelt insbesondere Biedermann begleitet von einem Double (Jacob Z. Eckstein, der auch als unterdrückte Haushaltshilfe Anton brilliert und daher zahlreiche Kostümwechsel hat) geradezu Slapstick-mäßig durch die Szenerie, was gerne mal etwas zu schrill gerät; andererseits entsteht so die nötige Fallhöhe, um die erschreckend zeitgemäßen Probleme hervorzuheben, an denen Biedermann und mit ihm Jedermann leidet. Nicht ohne Grund stellt Max Frisch im Stück eine Verbindung zu Hugo von Hoffmannsthals berühmten Stück gleichen Namens, aus dem der sonst eher als ungebildet charakterisierte Josef Schmitz bei einem gemeinsamen Abendessen eine Kostprobe gibt. In Bad Godesberg ist dies eine Glanzstunde für Timo Kählert, der aber auch ansonsten an der Seite des ebenfalls großartigen Wilhelm Eilers brilliert. Mit einer Mischung aus Nonchalance und explosiver Aggression setzen sie Gummerts Biedermann unter Druck, der gerne nach unten tritt, aber aus Angst ihnen gegenüber buckelt. Dann, so das Kalkül, passiert ihm schon nichts. Und wenn es brennt, dann wenigstens bei den anderen. 


 

„Wenn ich ihnen keine Streichhölzer gegeben hätte, glauben Sie, es hätte was geändert?“, fragt Biedermann zum Schluss nach rund 80 intensiven Minuten, als um ihn herum alles explodiert. Vielleicht nicht. Aber das sagten sich auch etliche Wähler der NSDAP bei der Reichstagswahl von 1933. Und angesichts der Umfragewerte der AfD bleibt nur zu hoffen, dass es zumindest heutzutage mehr Menschen mit Haltung gibt. Und weniger Biedermänner.

Termine

9. November, 18 Uhr

15. November, 19.30 Uhr

19. November, 19.30 Uhr

29. November, 19.30 Uhr

3. Dezember, 11 Uhr

11. Dezember,19.30 Uhr

19. Dezember,19.30 Uhr

31. Dezember,19.30 Uhr

17. Januar, 19.30 Uhr

4. Februar, 19.30 Uhr

5. Februar, 11 Uhr

 

Tickets und weitere Termine unter www.theater-bonn.de.

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