Abdul Kader Chahin: Brandstifter mit zerrissener Seele

Wie es ihm wohl geht? Eine unschuldige Frage, aber doch eine, die Abdul Kader Chahin ins Mark trifft. Wie kann es ihm schon gehen als Sohn palästinensischer Eltern, die zahlreiche Familienmitglieder im Nahostkonflikt verloren haben. Eigentlich kann ihm nicht nach Lachen zumute sein. Und trotzdem steht er an diesem Abend auf der Bühne der Springmaus und spielt sein aktuelles Stand-Up-Programm „Achte Jetzt“. Schimpft über Lego als „die größte Verarsche des Kapitalismus“, weil man erst alles mühselig selbst zusammenbauen muss und dann doch nicht damit spielt – was Lego von Ikea unterscheidet – und über Eltern, die ihre Kinder an der kurzen Leine halten. Regt sich auf über Lehrer, die im stillen Kämmerlein mit einem sardonischen Lächeln einen Smiley unter die Note 5 setzen, und über Sozialarbeiter, die sich klein machen, um mit ihm auf Augenhöhe zu sprechen. Ärgert sich, weil es mitunter an Konsequenz mangelt, etwa im Umgang mit Nazis. Und wird dann doch ernst. Und politisch.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Zwei Seelen schlagen offenbar in Chahins Brust: Auf der einen Seite will er die Menschen nur unterhalten und zeigen, dass man auch als Palästinenser durchaus noch etwas zu lachen hat, auf der anderen kann und will er nicht schweigen. Er sucht die Interaktion mit seinem Publikum (gezwungenermaßen, wie er sagt, weil auf Anordnung seines Managements) und will sich doch eigentlich nur das Leid von der Seele reden. Denn nein, ihm geht es nicht gut, das machen seine mitunter zutiefst bitteren Pointen deutlich. Etwa wenn er auf seine Trinkflasche zeigt und betont, dass die für den Abend reichen muss, weil er schließlich Palästinenser ist. Oder wenn er überlegt, was er mit einem Besenstiel und einem Nazi alles anstellen könnte. Oder wenn er die Kommentare beschreibt, die er nach seinem ersten Auftritt in einer Talkshow zum Thema Nahost-Konflikt lesen musste. „Damals haben mich alle gehasst“, sagt er, und das nur, weil Chahin eben nicht pauschal alle Israeli als Kriegsverbrecher und alle Palästinenser als Opfer dargestellt hat. Stattdessen spricht er sich bis heute explizit gegen Antisemitismus aus und für ein Bekämpfen der Hamas, während er gleichzeitig auf das Leid auf beiden Seiten der Grenze hinweist, egal ob diesen nun jüdischer oder muslimischer Extremismus verursacht hat.

Leider streift Chahin die meisten dieser Aspekte nur, anstatt sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen. Ja, das könnte das Publikum verunsichern, aber klare und differenzierte Aussagen zur Gewalt im Nahen Osten sind im deutschen Diskurs leider immer noch Mangelware. Von der Politik sind diese ohnehin nicht zu erwarten, da wird nur reflexartig auf die deutsche Verantwortung verwiesen und Kritik am Staate Israel kurzerhand als Antisemitismus deklariert. Chahin könnte diese Lücke füllen. Doch das lässt sein Programm nicht zu. Dafür fehlen eine klare Struktur und eine gewisse Konsequenz. Das Format der Stand-Up-Comedy grätscht dazwischen, der Impetus der Interaktion und die Lust an der Provokation verhindern eine kontinuierliche Linienführung, zumal Chahins Kontakt zu den Besucherinnen und Besuchern schnell zäh wird. „Das ist nicht so ganz meins“, gesteht er. Merkt man. Gleiches gilt für das so genannte Roasting, also die derb-spöttische Abrechnung mit ganzen Personengruppen, bei der Chahin noch die richtige Balance finden muss. Herrlich ist dagegen die Gegenüberstellung seiner Jugend in Duisburg-Marxloh (später dann in Neumühl) mit den Vergnügungen der Bälger aus der Oberschicht: Diese durften in der Sendung „Super Toy Club“ ihre Einkaufswagen bis oben hin mit Spielsachen füllen und ein ganzes Spielwarengeschäft leerräumen, weil sie ja noch nicht genug hatten. Und dann griffen sie zu Lego. Und zu Puzzles. „Ich hätte meine Jungs losgeschickt, um gleich die ganze Palette mit Play-Stations zu sichern und hätte mir selbst die Kasse gegriffen“, sagt Chahin, der sich bis dahin richtiggehend in Rage geredet hat.

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Obwohl Chahin viel zu sagen und zu erzählen hat, ist freies Reden offenbar nicht seine Stärke. Wahrscheinlich würde ihm ein detailliertes Skript mit dem entsprechenden Aufbau für die zentralen Pointen eher liegen als das Stand-Up-Format. Ganz anders bei Malte Küppers, den Chahin als Gast auf die Bühne holt und ihm im zweiten Teil der Show ein wenig Raum bietet. Der 37-Jährige ist ein exzellenter Erzähler und versierter Poetry-Slammer, der seine Geschichten charmant und augenzwinkernd aus dem Ärmel zu schütteln scheint, sie leicht und spontan wirken lässt und trotzdem jeden Satz geschickt konstruiert hat. Als hauptberuflicher Sozialarbeiter in Dusiburg kann er aber auch auf einige herrlich skurrile Erlebnisse zurückgreifen, und auch wenn seine Lösung für Alltags-Rassismus ein wenig zu banal daherkommt – ein Tritt ins Gesicht mag zwar gut tun, löst aber keine Probleme – ist die dahinter verborgene Botschaft doch mehr, als Chahin in seinem langen Solo bieten kann. „Ignorieren ist immer auch Legitimieren“, betont Küppers. Nicht thematisieren ebenfalls. 


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