Night of the Proms: Wie eine große Familie

Was für eine Power, was für ein Feuer: Anastacia ist in der Form ihres Lebens. Die Auftritte der US-amerikanische Sängerin, die Anfang dieses Jahrtausends mehrere Nummer-Eins-Hits hatte und zuletzt mit „Our Songs“ auf Platz 2 der deutschen Album-Charts kletterte, waren ohne Frage die Höhepunkte der diesjährigen Night of the Proms in der Lanxess Arena. Und das trotz einiger Künstler, die an den beiden Abenden in Köln über sich hinauswuchsen und mit ihrer Leidenschaft das Publikum in der ausverkauften Halle restlos begeisterten. Aura Dione, die nur zu gerne ein Bad in der Menge nahm, erwies sich als Königin der La-Ola-Wellen, James Morrison als charismatischer Sänger mit angerauter Stimme, Camouflage als erstaunlich frisch und Toto trotz fast vollständig neuer Besetzung (abgesehen von Gitarrist Steve Lukather) als erfreulich souverän.

Auch Cellist Nathan Chan, einer der aufstrebenden Stars der Klassik-Szene, zeigte sich überaus wandlungsfähig und bei Vivaldi ebenso zu Hause wie bei John Miles. Doch an Anastacia, die unter anderem eine englische Version von Udo Lindengers „Cello“ präsentierte, kam keiner heran. Ihre Bühnenpräsenz, ihre einzigartige Stimme und ihre ansteckende gute Laune waren atemberaubend und bewiesen eindrucksvoll, das manche Künstler einfach immer besser werden. Vor allem, wenn sie ein Orchester im Rücken haben.

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Das Konzept der Night of the Proms dreht sich seit jeher um die Verbindung von Rock, Pop und Klassik, wobei letzteres zunehmend in den Hintergrund gedrängt wird. Diese Entwicklung befeuern das Antwerp Philharmonic Orchestra unter Leitung der brasilianischen Dirigentin Alexandra Arrieche sowie der Chor Fine Fleur allerdings noch, indem sie sich konsequent dem Massengeschmack unterwerfen und sich selbst so kurz wie möglich fassen. Astor Piazollas legendärer „Libertango“ durfte in Köln die drei Minuten nicht überschreiten, der „Zigeunerchor“ aus Verdis „Il Trovatore“ ebenso wenig. Dafür waren die üblichen Verdächtigen im Programm: Natürlich durfte das Publikum zur Musik von Johann Strauss Walzer tanzen, natürlich erklang ein Stück Filmmusik (diesmal die „Harry Potter“-Suite), und natürlich musste irgendwann Jacques Offenbachs „Can Can“ kommen, zu dem die „Maestra“ Arrieche höchstselbst die Beine fliegen ließ.

 

Ob diese Anbiederung notwendig und vor allem zielführend war, sei dahingestellt – in der Arena kam sie auf jeden Fall gut an. Und dass alle Mitwirkenden der Show ohnehin auf einer Wellenlänge sind und sich als große Familie sehen, wurde an zwei Stellen deutlich, die kaum weiter hätten auseinanderliegen könnten: Gleich zu Beginn widmete Moderator Markus Othmer das Konzert einem Bus- und einem LKW-Fahrer aus der Crew, die vor kurzem verstorben sind; und in der zweiten Hälfte beruhigte Anastacia das noch ungeborene Baby von Konzertmeisterin Esther Wüstenhoff überaus liebevoll, damit es nicht vor dem Abend des 23. Dezembers das Licht der Welt erblickt. Dann nämlich endet die aktuelle Proms-Tour mit dem zweiten Köln-Konzert, ab diesem Zeitpunkt darf das Kind kommen. Na dann: Frohe Weihnachten.

 

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