Roger Hanschel & Auryn Quartett + Silje Nergaard Duo: Dissonanz trifft Harmonie

Kontraste sind seit jeher ein besonderes Markenzeichen des Bonner Jazzfests. Intendant Peter Materna liebt das Spiel mit vermeintlichen Gegensätzen, liebt die Reibungen und Färbungen in der Musik und die Kreativität, die in so einem Spannungsfeld entstehen kann. Im Volksbankhaus hat er dieses Konzept nun weiterverfolgt und dabei zwei ganz unterschiedliche Höhepunkte präsentiert: Roger Hanschel und das Auryn Quartett, die das Spiel mit Dissonanzen und Harmonien wahrhaft vollendet beherrschen, trafen am vergangenen Donnerstag auf die norwegische Sängerin Silje Nergaard und ihre heimeligen, gefühlvollen Balladen. Eine reizvolle Kombination, die in dem hohen gläsernen Bau hervorragend zur Geltung kam.

Leicht fiel der Einstieg in die Kompositionen Hanschels allerdings nicht. Sperrige, experimentelle Passagen wechselten sich mit Rückgriffen auf die Romantik ab, ebenso wie knapp aneinander vorbeischrammende Töne mit perfekten Intonationen. Die Stücke des gemeinsam produzierten Albums „Niederschlagsmengen“ verweigerten sich so dem direkten, einfachen Zugang – doch war diese Grenze erst einmal überschritten, war die Faszination nur um so größer. Das Auryn Quartett, immerhin eines der besten Streichquartette der Welt, war auch an diesem Abend über jeden Zweifel erhaben, während sich Hanschel mit seinem differenzierten Saxofonspiel so geschmeidig in die Klangvorstellungen der Vier einfügte, dass er mitunter von Geige und Bratsche kaum zu unterscheiden war. Was für eine Meisterleistung! Dann wieder löste sich Hanschel von seinen Kollegen, umgarnte sie und stürzte sich irgendwann in vertrackte Soli, nur um am Ende wieder in die Gemeinschaft zurückzukehren. Vor allem gegen Ende dieses Konzerts fürs Hirn, als die Stücke immer lyrischer und harmonischer wurden, waren derartige kontrastreiche Ausflüge ein wahrer Genuss. Eine Fortsetzung wird es allerdings nicht geben: Das Auryn Quartett, das seit nunmehr 40 Jahren in der selben Besetzung unterwegs ist, wird sich nach zwei noch ausstehenden Konzerten auflösen.

Ganz ohne Bruchstellen kam derweil Silje Nergaard daher. Die 55-Jährige mit der samtenen Stimme und den gefälligen, aber nie belanglosen Liedern ist in Bonn stets ein gern gesehener Gast, und schon zum Auftakt ihres Konzerts wurde klar warum. Während Pianist Espen Berg, ihr einziger Begleiter, sich auf ein paar ausgewählte Töne beschränkte und ansonsten der Stille den Raum überließ, erhob sich Nergaards nackter, purer Gesang in die Höhe, zerbrechlich, melancholisch, zart und wunderschön. Zwei Stücke ihres aktuellen Albums „Houses“ hatte Nergaard auf diese Weise miteinander verwoben, erzählte vom Regen auf den Dächern und Vögeln am Fenster und von der Hoffnung auf ein neues, besseres Jahr. Zwischen die Geschichten aus ihrer Nachbarschaft, die ihr während des Lockdowns als Inspiration dienten, setzte sie aber auch einige Klassiker. „Long Walk“ zum Beispiel, bei dem Espen Berg die Saiten des Flügels so abdämpfte, dass dieser wie ein Kontrabass klang, oder aber die Ballade „Be Still My Heart“. Und natürlich musste auch „Tell Me Where You're Going“, jener nach vorne drängende Titel, den Nergaard einst mit Pat Matheny aufnahm und der ihre Karriere begründete. Ein Konzert fürs Herz eben. Das Spiel mit den Kontrasten ging also einmal mehr auf.


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