Hagen Rether: Zwei Stunden Anti-Depression

Nur noch kurz die Welt retten: Dieses Vorhaben hat Hagen Rether schon vor etlichen Jahren aufgegeben. Obwohl es doch angeblich so einfach sein könnte. Weniger Fleisch essen, am besten gar keins, erneuerbare Energien und andere Ziele der Grünen zur Staatsräson erklären, den falschen Götzen des Kapitalismus einschmelzen, ruhig mal chillen statt ständig Wachstum predigen und vor allem endlich mal sozial leben. Das kann doch nicht so schwer sein. Ist es aber. Und so verzweifelt der Mann mit dem Pferdeschwanz, der so gerne entspannt in seinem Chefsessel sitzt und mit trauriger Stimme, aber scharfer Zunge die Schwächen der Menschheit seziert, seit gut zwei Dekaden an der Gesellschaft. Nun hat ihm Corona den Rest gegeben und in die Depression getrieben, wie er zum Auftakt der Reihe „Quatsch keine Oper“ in Bonn gesteht. Eigentlich keine gute Ausgangslage für einen Kabarett-Abend. Aber seinem Publikum könne er das ja zumuten, sagt Rether – und bezieht selbiges erstmals aktiv in sein Programm ein.

Alleine, so betont Hagen Rether, alleine kommt er nicht mehr raus aus jenem Loch, in das er gefallen ist, das er zum Teil aber auch selbst ausgehoben hat. Das Publikum soll ihm helfen, soll ihm Tipps gegen die Depression geben und auch bei anderen Fragestellungen unterstützen, die ohnehin alle umtreiben. Selbsthilfe mittels Schwarmintelligenz. Ein schöner Gedanke, auch wenn bislang ähnliche intellektuelle Fleißarbeiten selten zu echter Weisheit geführt haben oder gar zu Konsequenzen. Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen oder Medienkompetenz als Unterrichtsfach lassen sich genauso schnell in den Saal rufen wie am Stammtisch propagieren, doch um sie zu Ende zu denken, fehlt die Zeit. Und die Lust. Selbst Hagen Rether belässt es bei ein paar Kommentaren, wenn er sich überhaupt die Mühe macht. Dabei hätten gerade die eigenen Positionen eine gewisse Reflexion bitter nötig: Die Auffassung, dass eine vegane Lebensweise den Planeten retten wird oder dass ausschließlich der Westen Schuld an den Millionen Flüchtlingen hat, die in der Hoffnung auf eine Perspektive nach Europa drängen, ist trotz mancher konkreter Zahlen dann doch sehr plakativ, passt aber zu den Freund- und Feind-Bildern, die Rether schon lange pflegt. In seinen Augen ist die FDP die Partei des Bösen, die Grünen sind zumindest in der Theorie die Retter der Welt und Klima-Aktivistin Greta Thunberg eine Art ökologischer Messias. Umso größer das Unverständnis für die derzeitigen Wahlumfragen. „Ich hatte ja gehofft, dass die Menschen vom Hochwasser traumatisiert werden und Grün wählen“, sagt Rether. Ist das eigentlich noch Kabarett oder schon Wahlkampf?

Bei all diesen Diskursen kehrt Hagen Rether doch immer wieder zu den eigenen Problemen zurück, insbesondere zu der Depression – ob diese real ist oder nur Teil des Programms, bleibt bewusst offen. Beides wäre denkbar. Und so sucht der 51-Jährige nach einem Ausweg, nach Lösungen oder zumindest nach Mitteln und Wegen, um die Situation erträglicher zu machen. Das Publikum hilft dabei nur zu gerne, rät zu Essen, Schaukeln oder Reiten. Den besten Vorschlag macht in der Pause aber Tontechniker Mirek: Gegen Depressionen, so soll er Hagen Rether gesagt haben, hilft es zu helfen. Was dieser auch tut, indem er seine CDs verschenkt und im Gegenzug um Spenden für die Flutopfer bittet. Damit trifft er einen Nerv – in der zweiten Hälfte mahnt eine Dame aus den hinteren Reihen explizit an, dass die Spendenbox nicht bis zu ihr gekommen sei, und wie schon zuvor geht ein wahrer Geldsegen nieder. Insgesamt kommen so 1035 Euro zusammen, die an die vom Hochwasser betroffene Swistbachtalschule Heimerzheim gehen. Es sind Momente wie diese, in denen auch Hagen Rether eingesteht, dass vielleicht nicht alles einfach ist, es aber trotzdem den ein oder anderen Grund zum Optimismus gibt.

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