Pawel Popolski: Ohne die Familie klingt es nicht

Eigentlich ist die gesamte Rock- und Pop-Musik ein einziger riesengroßer Schwindel. All die vermeintlich großen Komponisten sind Betrüger, die Bands im Grunde Dilettanten und jeder angebliche Superstar nur Nutznießer eines Diebstahls unermesslichen Ausmaßes. Schließlich sind, wie inzwischen immer mehr Eingeweihte wissen, nahezu allen modernen Songs von einem einzigen Genie geschrieben worden: Pjotrek Popolski, der irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts von einem hinterlistigen Musikagenten übers Ohr gehauen wurde und dadurch sämtliche Noten verlor. Er, der Maestro aus Zarbze, ist der wahre Erfinder des Pop und all seiner Spielarten, hat den Reggae ebenso begründet wie Hip Hop und Techno – und keiner dankt es ihm.

Seine Nachfahren haben jahrelang versucht, dieses Unrecht wiedergutzumachen und die Öffentlichkeit aufzuklären, doch 2014 haben sie aufgegeben. Nur Pawel Popolski (alias Achim Hagemann), der älteste Enkel von Pjotrek, führt als Ritter von der traurigen Musik den Kampf gegen die Riesen des Showbusiness fort. So auch im Pantheon – doch ohne die Familie ist diese Mission nur zum Teil erfolgreich.

 

Während die Auftritte der Familie Popolski in der Vergangenheit immer in erster Linie Konzert und erst in zweiter Linie Aufklärungsarbeit waren, muss Schlagzeuger Pawel improvisieren. Der Einstiegs-Wodka für die gut 400 Besucher schließt die Köpfe auf, die anschließenden Anekdoten aus der polnischen Plattenbausiedlung das Zwerchfell. Der beste Nährboden für die Wahrheit über den Opa – oder das, was in diesem Zusammenhang als Wahrheit verkauft wird. Immerhin, so berichtet Pawel, war er der erste Mensch auf dem Mond, mit Hilfe einer im Fahrradschuppen zusammengeschweißten Rakete und eines selbst gehäkelten Raumanzugs; er war es auch, der auf einem goldgelben Feld die Raps-Musik erfunden hat; und er entdeckte die geheimen Höhlenmalereien der Mayak, die die Ankunft des Vernichters des Pop mit Namen Dieter Bohlen vorhersagten. Was für ein Tausendsassa, dieser Pjotek. Es waren Geschichten wie diese, die in der Vergangenheit Hunderte, nein Tausende zu kollektiven Gedächtnis-Veranstaltungen zusammenbrachten, bei der mit der Familie Popolski getrauert und gefeiert, geweint und vor allem gelacht werden konnte, und auch heute sind sie der zentrale Grund für die gute Laune im Saal. Und nicht die Musik.

Dabei bemüht Pawel sich redlich, um seinem Opa gerecht zu werden. Ja, er ist ein exzellenter Drummer, der von der Zwölfton- bis zur Speed-Metal-Polka alle Spielarten beherrscht und auch an den Kesselpauken eine gute Figur macht, doch so stark auch seine Darbietungen von „Another One Bites The Dust“ oder „Rapper's Delight“ sind, fehlt einfach der Sound einer druckvoll spielenden Band, deren einzelne Mitglieder bis heute eine mindestens ebenso große Anhängerschaft haben wie Pawel selbst. Sie fehlen eben, der Saitenvirtuose Mirek mit seiner dreihalsigen Gitarre oder das Bläserpaar Henjek und Stenjek, der singende Porno-Darsteller Andrzej oder der „King von Polen“ Elvek. Sogar Bassist Janusz (Martin Ziaja), „die trubste Tasse von der ganze Familie“, wird vermisst, taucht aber zumindest per Video-Einspielung auf. Nur reicht das nicht, ebenso wenig wie der umjubelte Auftritt der rassigen Cousine Dorota (Iva Buric Zalac), die zumindest in der zweiten Hälfte mit souveränem Gesang und ein paar Gitarren-Akkorden die Polka-Darbietungen von Pawel auf ein neues Niveau hebt. Doch gerade dadurch wird offenkundig, was passieren könnte, wenn die Band wieder zusammen und die Familie wieder vereint wäre. Dann erst würde die Bühne in Flammen stehen, würde dem Wortwitz sein musikalisches Pendant zurückgegeben. So schön es auch ist, dass Pawel das Erbe seines Großvaters weiterhin pflegt – ohne die restlichen Popolskis ist es einfach nicht das selbe.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0