Die 90er Live: Die Schattenseiten der Nostalgie

Schweißbänder und Sonnenbrillen, Luftballons und gute Laune, angefacht von Boyband-Pop und Eurodance-Beats: Am vergangenen Samstag waren die Bonner Rheinauen erneut das Mekka für alle Liebhaber der 90er Jahre. Formationen wie East 17 („It's Alright“) und Caught In The Act („Love Is Everywhere“) trafen auf Duos wie Snap! („Rhythm Is A Dancer“) oder Culture Beat („Mr. Vain“) sowie auf Solo-Künstler wie Blümchen („Herz An Herz“) oder Oli P, der einst mit der Cover-Version von Herbert Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ für Furore sorgte. Diese je nach Einstellung schlimmsten oder schönsten Hits jener Ära schallten im Rahmen der 90er-Live-Open-Air-Tour, die durch insgesamt 15 deutsche Städte tourt, einmal quer über den Rasen und animierten die rund 20.000 Besucher zu einer Party, die gleichzeitig für viele eine Zeitreise in Jugend und Kindheit darstellte.

Zugegeben, Nostalgie kann etwas Wunderschönes sein. Eine liebevolle Rückbesinnung auf vergangene Trends und Moden und ein mitunter verklärtes Schwelgen in Erinnerungen lassen frühere Zeiten in einem positiven Licht erstrahlen. „Die Musik von heute kommt an die aus den 90ern einfach nicht ran“, war zum Beispiel Karl-Heinz Henning aus Mechernich überzeugt, der vor allem wegen Oli P in die Rheinauen gekommen war. Kann man so sehen. Andererseits wurde zumindest in diesem Rahmen ohnehin nichts anderes zugelassen als die alten, immer gleichen Titel. Reicht vielen völlig aus. Viele Bands und Solo-Künstler haben sich ohnehin nur mit ein oder zwei Stücken in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Nicht ohne Grund stimmte etwa Culture Beat – inzwischen in völlig neuer Besetzung – während des gerade einmal halbstündigen Auftritts gleich zweimal „Mr. Vain“ an, um das Publikum zufriedenzustellen. Und der von Moderator Mola Adebisi großspurig als besonderer Überraschungsgast angekündigte Dante Thomas war sogar ausschließlich für „Miss California“ eingeladen worden und verschwand nach ein paar mäßig gesungenen Semi-Playback-Versen schnell wieder von der Bühne.

Die tonalen Ausdünstungen dieser musikalischen Resteverwertungsrampe waren jedoch genau das, was das Bonner Publikum begehrte. „Ich bin wieder klein, wenn ich diese Musik höre“, freute sich etwa Sarah, die einen Platz in der ersten Reihe gefunden hat und in Bonn wie so viele andere auch vor allem auf Blümchen wartete. Dass diese über Jahre hinweg daran gearbeitet hat, unter ihrem bürgerlichen Namen Jasmin Wagner anerkannt zu werden, spielte dabei keine Rolle, ebenso wenig wie die Tatsache, dass etwa der ursprüngliche „Captain Jack“ Franky Gee seit 14 Jahren tot ist und sich längst ein anderer den Mantel und die Mütze des Rappers angeeignet hat. Die Sehnsucht nach einem kleinen bisschen Nostalgie ist stärker und richtet sich ohnehin eher an Idole denn an Ideale, an Kunstfiguren und Kunstlieder statt an kreative Köpfe. So lange Caught In The Act noch so tanzen wie damals mit Anfang 20 und so lange Snap! noch eine energiegeladene Performance nach der anderen abliefern können und die Disco-Rhythmen von früher wieder aufleben lassen, ist die Menge glücklich. In den Rheinauen war die Stimmung auf jeden Fall hervorragend. „Die 90er waren einfach eine megageile Zeit“, betonte Sabine Schmitten, die mit ihrer Tochter Jessica zusammen feierte. „Das ist halt der Soundtrack meiner Kindheit“, fügte letztere hinzu, bevor beide wieder Adebisi zujubelten, der mal wieder eine weitere Beifallsbekundung des Publikums einforderte und so die Spannung bis zum nächsten Künstler aufrechterhielt. Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die 90er Live auch 2020 wieder in Bonn Station machen werden, zum Großteil mit den selben Künstlern wie in diesem Jahr. Und wahrscheinlich auch mit den selben Besuchern.

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