Circus Roncalli: Akrobatik zwischen Gestern und Morgen

In gewisser Weise ist ein Zirkus ein Anachronismus. Und zwar einer der schönsten. Die alten Wohnwagen, der prunkvolle Eingangsbereich, das analoge statt des digitalen Vergnügens, all das ist schon etwas Besonderes. Und unter dem Zeltdach, am Rand der Manege, wird ohnehin jeder wieder zum Kind, darf wieder für ein paar Stunden staunen, während im Rund das fahrende Volk der Akrobaten und Clowns ihre Darbietungen präsentieren. Diesen Zauber erweckt auch der Circus Roncalli, der seit vergangenem Freitag einmal mehr im Bonner Stadtgarten gastiert, unweit jener Stelle, an der vor 42 Jahren für Bernhard Paul alles anfing. Doch so gerne sich die Artisten auch vor der Vergangenheit verbeugen, so neugierig blicken sie auch in die Zukunft – und bringen neben althergebrachten Künsten auch neue Technologien in ihr Spiel ein.

Seit jeher war der Zirkus auch ein Experimentierlabor: Die ersten Filme lockten einst ebenso die Schaulustigen an wie großflächig angebrachte Glühbirnen; jetzt sind es Roboter und Hologramme, die für Aufsehen sorgen. Letztere bilden den leider etwas trägen Anfang der Show „Storyteller“, der gerade keine Fantasie weckt und keine Poesie enthält. Nichts gegen animierte Fische und Elefanten, aber da wäre mehr möglich. Zum Glück ist die Einleitung schnell vergessen, wird über Clowns gelacht und mit Artisten gezittert, bis gegen Ende dann Pauline mit ihren drei Tonnen Gewicht und ihrem einzelnen Arm die Menge verzückt und zeigt, dass auch ein Industrieroboter Geschichten erzählen kann.

A propos Clowns: Die gehören natürlich zu Roncalli wie gute Butter zum Brot. Schon im Eingangsbereich begrüßen sie das Publikum, darunter der surreal-schräge Anatoli, der erfahrene KGB-Clown Eddy Neumann und der verrückte Chistirrin. Letzterer wird schnell zum Liebling der Massen, ist er doch zu fast jedem Quatsch zu haben. Sogar eine Flugtrapez-Nummer mit den Flying Jalapeños macht er mit, auch wenn sich seine Hose dabei selbständig macht. Derweil setzt Carillon andere Akzente. Der Steampunk-Clown, der vor zwei Jahren mit seiner Seifenblasen-Nummer das wahrscheinlich poetischste Stück des Abends schuf, ist auch diesmal wieder mit den von ihm selbst gebastelten Apparaten dabei und erzählt mit Hilfe einer rollenden Kiste und eines mechanischen Hundes eine schöne, wenn auch ein wenig kurze Liebesgeschichte. Für den größten Applaus sorgt allerdings Dietmar aus Erpel, der von Beatboxer Robert Wicke aus dem Publikum rekrutiert wird und sich als so souveräner Breakdance-Künstler entpuppt, das es zu schön ist um wahr zu sein.


Die artistischen Höchstleistungen von „Storyteller“ stehen den komischen in nichts nach. Adèle Fame sorgt an den Strapaten für eine bemerkenswerte Luftnummer, die Cedeños Brothers schleudern sich mit ihren Füßen gegenseitig durch die Luft, und die Bello Sisters schaffen erstaunliche Körper-Pyramiden. Ungewöhnlich ist, dass trotz der Fülle potenzieller Darbietungen gleich zwei Handstand-Akrobaten bei Circus Roncalli auftreten; während allerdings Quincy Azzario eher in der Nähe des Bodens bleibt, strebt Zhenyu Li mit seinen Stecken in die Höhe, baut überaus biegsame Türme und beweist dabei herausragende Balance und Kraft. Gleiches gilt übrigens für Paul. Und für Pauline. Das Bonner Publikum ist bei der Premiere auf jeden Fall von allen Akteuren begeistert und bedankt sich mit stehenden Ovationen für einen ebenso nostalgischen wie modernen Abend.

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