Lisa Eckhart: Lust am Laster

Ohne Hölle ist das Leben fad. Langweilig. Kurzum, nicht länger lebenswert. Denn ohne die drohende jenseitige Bestrafung kann es auch keine Sünden mehr geben, mit denen man kokettieren kann, keine Verlockungen des Verbotenen mehr, kein verführerisches Laster und keine Lust. Insbesondere dann, wenn sie zu Tugenden erklärt und von der Industrie hoffähig gemacht werden. Wenn All-You-Can-Eat-Buffets der Völlerei huldigen, Home-Office und Home-Shopping die Trägheit befördern und sogar der heilige Zorn zur Zimperlichkeit verkommt, läuft irgendetwas grundlegend falsch. Zeit, diese Missstände wieder gerade zu rücken. Zeit für Lisa Eckhart.

Die scharfzüngigste Kabarettistin der westlichen Hemisphäre stilisiert sich in ihrem neuen Programm „Die Vorteile des Lasters“ zur Retterin und Hohepriesterin der Todsünden und versucht nun, ihr Publikum wieder auf den rechten Weg zu bringen. Also den, auf dem die kleinen und großen Vergehen wenigstens wieder etwas  bedeuten. Ihre Mission hat die Österreicherin, die zuletzt erst den Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises gewann, nun auch ins Pantheon geführt. Hier tobt sie sich nun aus, mit rasiermesserscharfen Sätzen voll ätzendem Zynismus und unbarmherzigen Wahrheiten. Ein literarischer Hochgenuss. Und eine bitterböse Abrechnung mit der Gesellschaft.

Der Bonner Kleinkunsttempel ist für Lisa Eckhart eine wichtige Bühne. Hier hat sie 2017 den Prix Pantheon gewonnen, hier gelang ihr der Durchbruch in Deutschland. Das Selbstbewusstsein, das sie an den Tag legt, besaß sie schon damals, heutzutage ist es ausgeprägter denn je. „Ich bin keine Künstlerin, ich bin Kunst“, sagt sie und verweist damit auf ihre eigene Inszenierung, die sie permanent aufrechterhält, auf und hinter der Bühne. Sie hat sich in dieser Hinsicht schon mit Klaus Kinski verglichen, auch mit Falco. Perfekte Inkarnationen von Kunst, zu denen Lisa Eckhart sich auch zählt. Kleiner geht es für sie nicht. Wenn es eine der Todsünden gäbe, die die 26-Jährige symbolisiert wie keine andere, dann der Stolz. Andererseits hat sie ihn sich auch verdient. Ihre bissigen Verse gehören mit zum Besten, was derzeit auf deutschsprachigen Kleinkunstbühnen zu hören ist, sind von bemerkenswerter Bildhaftigkeit und fast schon schmerzhaft klar. Kein Tabu, dass die Eckhart nicht zu brechen bereit ist, kein Thema, das ihr zu vulgär erscheint. Ganz im Gegenteil, gerade das liebt sie. Schockieren ist ihre Passion, gerade deshalb liebt sie auch Hurengeschichten oder empfiehlt statt pappiger Oblaten beim Abendmahl kurzerhand Mett. Nett sein, das können andere übernehmen.

 

Irgendwann sagt sie, dass niemand behaupten könne, die Besiedelung des Mars wäre einfacher als dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht die Ozeane der Erde mit Plastik vermüllen – und hält dann inne. Zu humanistisch und zu mehrheitsfähig ist ihr dieser Satz. Da gilt sie doch lieber als böse und exzentrisch, mit mitternachtsschwarzem Humor und einer Zunge, die sie wie ein Florett zu führen versteht. Sport lehnt sie mit der Begründung ab, dass der Geist doch immer die Geisel des Körpers sei und man mit Terroristen nun einmal nicht verhandeln solle; Gewalt auf dem Schulhof findet sie dagegen gut, weil es den Charakter forme, was ansonsten ja nur noch selten gelingt; und wenn die Menschen in den sozialen Medien wieder mehr mit ihren Gedanken geizen würden, wäre das auch durchaus hilfreich. Dabei verbirgt sich selbst hinter den scheinbar plakativsten Aussagen ein scharfer, wacher Geist, dem es zuzuhören gilt. Besseres satirisches Kabarett kriegt man derzeit auf jeden Fall kaum geboten.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0