„Kiss me, Kate“: Das Grauen der Feministinnen

Fügsam soll die Frau sein, demütig und liebend. Ein braves Heimchen am Herd, das keine Widerworte gibt und ihrem Herrn und Meister zu Dienste ist. Diese misogyne Haltung hat über Jahrhunderte hinweg die Gesellschaft geprägt und sich immer wieder auch in der Literatur breit gemacht wie ein Krebsgeschwür – selbst bei William Shakespeare, der in „Der Widerspenstigen Zähmung“ seiner Katharina am Ende genau diese Worte in den Mund legt und sie damit ihrem Petrucchio unterwirft. Nicht ohne Grund gilt dieses Werk als Problemstück, das eigentlich jeder moderne Mensch, der sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf die Fahnen geschrieben hat, nur in einer gnadenlos augenzwinkernden Inszenierung akzeptieren kann. Gleiches gilt für Cole Porters Erfolgsmusical „Kiss Me, Kate“ (1948), das Shakespeares Komödie als Grundlage nimmt und ihr eine Rahmenhandlung verpasst. Genau dieses hat nun das Theater Bonn als Koproduktion mit dem Theater Dortmund in die Bundesstadt geholt – und dabei leider eine ironische Brechung vermissen lassen.

„Kiss Me, Kate“ ist das wohl populärste Musical aus der Feder Porters, ein Auftragswerk des Ehepaars Spewack an einen Komponisten, der damals nach einem schweren Reitunfall seinen Zenit schon überschritten zu haben schien und mit dieser Produktion unerwartet sein Comeback feierte. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Produzent Fred Graham und seine Ex-Frau Lilli Vanessi, die gemeinsam trotz aller Streitereien hinter der Bühne Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ aufführen wollen, dabei aber die Grenzen von Sein und Schein zunehmend verschwimmen lassen. Eigentlich die perfekte Basis für ein fröhliches Vertauschen der Rollen. Doch eine Zähmung des widerspenstigen, biestigen Mannes bleibt aus – stattdessen legt dieser Lilli in ihrer Rolle als Katharina auf offener Bühne übers Knie und greift dann auf zwei Gangster zurück, die sie auf selbiger halten sollen. Ja, das wirkt natürlich überzeichnet. Aber das reicht nicht.

Dabei kann weder den Darstellern noch den Musikern ein Vorwurf gemacht werden. Ganz im Gegenteil: Das Beethoven Orchester Bonn bereitet mit seinem lustvollen Spiel ein Fest für die Ohren, bei dem die fantastischen, vielschichtigen und abwechslungsreichen Kompositionen Cole Porters voll zur Geltung kommen. Überragend auch das Ensemble, allen voran die wunderbare Bettina Mönch als kratzbürstig-divenhafte Lilli sowie Oliver Arno als leidenschaftlicher Fred Graham, der seine Ex-Frau immer noch liebt, dies aber auf überaus fragwürdige Weise ausdrückt und sich so ganz nebenbei auch in den Armen der unbedarften Lois Lane vergnügt, die Kara Kemeny durchaus verführerisch anlegt. Vom Rest des Ensembles ist vor allem Michael Schanze zu nennen, der in seiner Rolle als Gauner vollends aufgeht, während sein Partner Hans-Jürgen Schatz für den Moment des Abends sorgt, als er eine trillernde Piccoloflöte im Orchestergraben erschießt. Herrlich. Stark aber auch die Tänzer, die insbesondere bei „Too Darn Hot“ brillante Choreographien zeigen.

Dem Augen- und Ohrenschmaus auf einer vollends verkitschten Bühne steht aber eben ein Stück gegenüber, das permanent einer Kommentierung bedarf. Gut, in ihrer Promiskuität nehmen sich Männer und Frauen in „Kiss Me, Kate“ nichts, auf ihre Eroberungen sind sowohl Petrucchio als auch Lois Lane stolz – doch ansonsten ist es mit der Gleichberechtigung nicht gut bestellt. Der überall hervorquellende Sexismus ist ein Schlag ins Kontor des Feminismus, Aussagen wie „Frauen brauchen ab und zu eine feste Hand“ bleiben unwidersprochen und folgenlos. Nicht ein nachhaltiger Protest, nicht eine Umkehrung der Geschlechterrollen erfolgt in Bonn, stattdessen fällt der Vorhang mit den oben bereits angedeuteten Worte Katharinas zur Fügsamkeit der Frau. Dabei hätte Regisseur Martin Duncan gerade hier viel pointierter arbeiten müssen, um zumindest im Subtext, also durch Mimik, Gestik und Optik, diesen antiquierten Geschlechterrollen zu entkommen. Und so exzellent die Inszenierung auch musikalisch und tänzerisch gelungen ist – an diesem Anspruch ist er krachend gescheitert.

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