Olaf Schubert: Die sinnliche Seite der Satire

Olaf Schubert ist ein Meister der Wahnsinnlichkeit. Bei keinem anderen Kleinkünstler prallt ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein auf einen schlaksigeren Körper oder mehr satirischer Nonsens auf derart ausgeprägte Sozialkritik. In der restlos ausverkauften Oper Bonn erkundet Schubert, der so ganz nebenbei den Dilettantismus zur Kunstform erhoben hat, nun zu allem Überfluss auch noch seine erotische Seite: „Sexy Forever“ lautet der Titel seines aktuellen Programms, in dem der sächselnde Chaot mit dem hintersinnigen Humor einmal mehr ein Dickicht aus intellektuellen Verwirrstricken, mehrdeutigen Aussagen und traurigen Wahrheiten entstehen lässt. Ein Abend zum Nachdenken und Totlachen, an dem jedes Thema zum Freiwild wird, das nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und selbst das hilft nicht immer.

Natürlich muss man Olaf Schubert zu Gute halten, dass sich niemand besser mit den großen Problemen der Welt auseinandersetzen kann als jemand, der seit der Grundschule nichts gelernt hat, weil er schon längst alles wusste. Oder zumindest zu wissen glaubte. Halt eine Naturbegabung, dank derer das Alphatier des deutschen Kabaretts eine Offenbarung nach der anderen hat, etwa vom selbstfahrenden Auto, das Platz für alle bietet und zugleich verhältnismäßig wenig Sprit verbraucht, weil alle schon da sind, wo sie sein wollen. Gut, das versteht nicht jeder, deshalb nimmt Schubert ja auch Tabletten, aber große Geister sind schon immer verkannt worden. Und den Durchblick hat das Vorzeige-Pollunder-Model immerhin zweifelsfrei. Er versteht, dass Kinderarbeit manchmal notwendig ist, wenn die Kita-Plätze knapp oder dank Dauerstreik schlichtweg nicht verfügbar sind, weiß über die Globulisierung der Medizin Bescheid und propagiert zur Verbesserung der Ökobilanz den Umstieg auf Bio-Waffen wie Brennnesseln und Spitzwegerich (die wären immerhin effektiver als die aktuelle Ausrüstung der Bundeswehr). Wobei letzteres auch anders gelöst werden könnte. „Waffengewalt führt zu nichts, ein Lied von mir kann viel mehr anrichten“, sagt er. Zu recht.

Die von einer dicken Schicht aus zynischer Brachialsatire maskierten gesellschaftskritischen Passagen unterbricht Schubert immer wieder gerne durch das ein oder andere Liedchen, bei denen Herr Stephan und Jochen Barkas endlich mal etwas für ihr Gehalt tun müssen. Den beiden Minimal-Instrumentalisten gelingt es mit herausragender Geduld und sehr viel Feingefühl, den mehr gewollten denn gekonnten Gesangseinlagen ihres Brötchengebers ein unaufgeregtes Fundament zu verleihen und eine Kraftwerk-Persiflage ebenso souverän aus den Ärmeln schütteln wie die Untermalung eines Kopulations-Ratgebers. Dafür kassieren sie allerdings in erster Linie Schuberts Spott, der immer wieder sehr enttäuscht ist, an die Grenzen seiner grenzenlosen Toleranz gebracht wird und seinem Ärger mitunter „etwas keck“ Ausdruck verleiht. Dabei schießt Schubert mitunter übers Ziel hinaus, wird einfach zu polemisch, zu flach, zu sehr zum verlachenden Kaspar statt zum „mahnenden Stachel im Fleisch der Bourgeoisie“. Muss nicht sein, zumal Schubert es wirklich besser kann. Das Publikum ist dennoch begeistert, lässt sich nur zu gerne von so viel aus der Macht geborener Anziehungskraft blenden und feiert den 50-Jährigen euphorisch. Weniger hat die Dresdner Erotikbombe auch nicht erwartet. Und so lange er zufrieden ist, gibt es schließlich keinen Grund zur Klage.

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