Lisa Eckhart: Die Königin der Verstörten

Eigentlich wäre Kannibalismus doch gar keine so schlechte Idee. Sagt zumindest Lisa Eckhart. Und hat dafür auch gute Argumente. Gut, zugegeben, es klingt zunächst einmal grausam, aber bei der Gleichgültigkeit, die viele Menschen gegenüber dem Leben an den Tag legen, kann von der vielgepriesenen Würde des selben nicht mehr viel übrig sein. Entweder werden Körper gnadenlos in Kriegen verheizt oder aber so penetrant mit Fastfood vollgestopft, bis das Fett aus allen Ritzen quillt und der Kollaps des modernen Hänsels unausweichlich ist. Warum also nicht mit dem Fleisch auf den Grill, um damit wenigstens etwas Gutes zu tun? Immerhin müssten Krieg und Hunger dann nicht länger Hand in Hand gehen, und auch die Flüchtlingskrise würde sich ganz schnell von alleine lösen. Somit gewinnen alle. Oder zumindest die meisten.

Und, schon verstört? Dann hat Eckhart ihr Ziel erreicht. Die charismatische Österreicherin mit der Skalpell-Zunge und einem tiefschwarzen Humor aus dem neunten Kreis der Hölle liebt es, wenn ihr Publikum sich windet und sich fragt, ob es über derartige Gedankenspiele lachen darf oder doch lieber weinen soll. Im Pantheon, wo Eckhart ihr neues Programm „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ präsentiert, entscheiden sich die meisten für ersteres. Doch so ganz wohl ist es wahrscheinlich keinem, wenn Eckhart ein Tabu nach dem anderen bricht, von hemmungslosen Sex-Orgien in der deutschen Sauna-Landschaft fantasiert, sich für platonischen Terrorismus begeistert und genüsslich die inzestuösen Verhältnisse im heimischen Dorf seziert. Die Kinder im Keller, die Erhängten-Windspiele auf dem Dachboden, dazwischen die Onkelbrüder und Nichtentöchter – home, sweet home. Und all das unter dem wachsamen Blick des allwissenden und allsehenden Gottes, dem zu Ehren Eckhart besonders ausgiebig masturbiert, damit der wenigstens auch was davon hat.

So sehr die 25-Jährige die Provokation auch genießt, das ungläubige Luftholen und die schockierten Blicke, die ihr aus der Dunkelheit des Saals entgegenschlagen, sind diese doch nicht Selbstzweck, sondern dienen einer äußerst bissigen, nichtsdestotrotz veritablen Gesellschaftskritik. Letztlich will Eckhart Illusionen zertrümmern, wehrt sich gegen den Schein, hinter dem sich die Menschen so gerne verkriechen, und legt mit maliziösem Grinsen Heuchelei und Hedonismus offen. Der Schutz der Privatsphäre ist obsolet, wenn doch ohnehin schon jeder als digitaler Exhibitionist durch die sozialen Medien huscht; die Kannibalismus-Debatte evoziert eine weitere über den Wert des Lebens; und der extreme Narzissmus, den die Prix-Pantheon-Gewinnerin auf der Bühne so exaltiert zur Schau stellt, spiegelt nur die Aufmerksamkeitsgier all jener wider, die sich täglich wie kümmerliche Pflänzchen nach dem Rampenlicht recken, um ihrer Existenz Bedeutung zu verleihen. Gegen all das zieht Eckhart mit der Verstörung zu Felde, die sie beherrscht wie keine andere. Ihre mitunter nihilistisch gefärbten Pointen, die mitunter an Georg Kreisler und Ambrose Bierce erinnern, treffen meistens (wenn auch nicht immer) ins Schwarze und wühlen sich dann immer tiefer in die Gehirnwindungen. Nichts ist vor Eckharts Angriffen sicher, schon gar nicht die Religion, die sie mit herausragender Eloquenz zu zerlegen versteht. Warum? Weil sie es kann. Und weil es ihr Spaß macht. „Es gibt überhaupt keinen Grund, warum ich drauf bin, wie ich drauf bin“, gesteht sie irgendwann. „Das hat schon so manchen Psychologen vor ein Rätsel gestellt.“ Eine Laune der Natur? Vielleicht. Aber auf jeden Fall ein Glücksfall fürs Kabarett.

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