„Kleider machen Leute“: Schiffbruch mit Keller

Ausgerechnet Gottfried Keller. „Kleider machen Leute“. Warum nur diese Novelle? Hätte Sonja (Caroline Sieger) nicht etwas Spannenderes in den einzigen Koffer packen können, den sie und ihr Mann nach einem Schiffbruch in der Karibik auf eine einsame Insel retteten? Irgendetwas mit weniger Beschreibung und mehr Handlung? Nun ja, man muss eben mit dem arbeiten, was man hat. So wird der Text über einen Schneider und Hochstapler wider Willen also zum Ausgangspunkt einer unterhaltsamen, mitunter allerdings in die Banalität abgleitenden Revue über die Welt der Mode, ohne allzu viel Tiefgang – aber dafür eben mit Keller.

Sieger und ihr Bühnenpartner Hommi Dorchenas haben sich gemeinsam mit Regisseur Ulrich Harz wirklich alle Mühe gegeben, das für die Pathologie konzipierte und vom Theater ausdrücklich gewünschte Stück lockerleicht wirken zu lassen und doch die zentrale Handlung von „Kleider machen Leute“ zu vermitteln. Auf eine szenische, an Heinz Rühmanns Verfilmung angelehnte Fassung haben sie bewusst verzichtet (eine gute Entscheidung), integrieren die Novelle stattdessen als Objekt in eine völlig andere Geschichte und lesen sie kurzerhand, fröhlich kommentierend und parodierend. Vor allem Sieger hat sichtlich Spaß daran, den Stoff zu verlachen, während Dorchenas ihm mit voluminöser Stimme eine gewisse augenzwinkernde Gravitas verleiht. In den besten Momenten klappt das hervorragend. Allerdings treffen nicht alle Aktionen ins Schwarze: Sowohl die freche Befragung des Publikums als auch so manche Gesangsszenen ufern leider aus und wirken wie ein verzweifelter Versuch, die Aufführung mangels eines substanziellen Narrativs irgendwie zu füllen. Selbst so ist „Kleider machen Leute“ nach einer knappen Dreiviertelstunde durchgearbeitet. Ein neuer Ansatz muss her. Auftritt Christian Kracht. „Imperium“. Die ebenso skurrile wie wahre Geschichte des deutschen Aussteigers August Engelhardt, eines bekennenden Nudisten und Begründers des Kokovarismus, der Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kokosnuss die vollkommene Frucht sah und durch sie die Unsterblichkeit zu erlangen versuchte. Passt ja zum karibischen Rahmen, wenn auch kaum zu Gottfried Keller, zumal das Ensemble keinen Versuch unternimmt, die beiden Texte miteinander zu verknüpfen. So bleibt das Stück seltsam unbefriedigend, plätschert zwischen Karl-Lagerfeld-Diskurs und Kokosnuss-Lied dahin und endet nach einer guten Stunde, in der sich das Mini-Theater eher in eine Sauna als in eine Südsee-Insel verwandelt hat, relativ abrupt. Von den beiden Schauspielern hätte man dabei durchaus noch mehr sehen wollen. Von Keller dagegen nicht.

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