Sportfreunde Stiller: Gut gegrölt ist nur halb gewonnen

Aus Sicht des Publikums hätte der Tag nicht besser sein können: Herrliches Wetter über und Partymusik auf dem KunstRasen, erst Synthi-Klänge der Steaming Satellites, dann wilder Rock von Madsen und schließlich Fußballgesänge von den Sportfreunden Stiller. Gut 3500 Menschen feiern ausgelassen, haben Spaß am Springen und Tanzen, schmettern begeistert einen Ohrwurm nach dem anderen mit. Irgendwas müssen die Bands wohl richtig gemacht haben. Auch wenn man sich angesichts so mancher Elemente aus dem Rockbaukasten für Anfänger, des teils unterirdischen Gesangs und der platten Liedttexte durchaus fragt, was das nur gewesen sein könnte.

Vor allem Madsen-Kapitän Sebastian, einer der drei namensgebenden Brüder, jault sich eher durch das Konzert als dass er singt. Die Intonation ist im Keller, im Gegensatz zum ungebrochenen Enthusiasmus des 35-Jährigen. Es ist der Versuch, mit Leidenschaft fehlende Technik auszugleichen, so wie es bei dieser Fußball-EM schon so einige Vorrunden-Mannschaften versucht haben. Die meisten sind gescheitert, trotz der Unterstützung treuer Fans. Madsen ergeht es auf dem KunsttRasen nicht anders, zumal neben dem Gesang auch der Garagenrock nicht gerade vor Kreativität strotzt. Der „Kompass“, wie das neue Album der Wendländer heißt, führt somit geradewegs aufs Riff. Zwischen Weezer, Green Day, den Toten Hosen und den Beatsteaks ist die See nun einmal rau und nur schwer navigierbar. Zum Schiffbruch kommt es zwar dank der  Publikumsmannschaft, die wirklich jedes „Oh“ aufnimmt, am Ende nicht – eine souveräne Leistung sieht allerdings anders aus.

Auch die Sportfreunde Stiller segeln nur dank ihrer Anhänger auf einer Welle des Erfolgs. Und dank ihres Talents für griffige Hooks, an denen ein ums andere Mal Ohrwürmer baumeln. Genau das Richtige also für die derzeitige EM-Phase, in der es auf möglichst schlichte, massentaugliche Fan-Gesänge ankommt. Ohnehin sind die Sportis spätestens seit „54, 74, 90, 2006“ beziehungsweise der korrigierten Fassung mit „2010“ die inoffizielle Fußball-Nationalband der Bundesrepublik, was sie auch auf dem KunstRasen noch einmal unterstreichen. Nur dass die Zahlen sich ein weiteres Mal geändert haben, jetzt „‘72, ’80, ‘96, 2016“ lauten. Ansonsten bleibt alles gleich, obwohl doch Peter Brugger, Florian Weber und Rüdiger Linhof gerade erst ein neues Album aufgenommen haben. Doch die Songs glaubt man irgendwie alle schon einmal gehört zu haben – leider, denn wie schon bei Madsen kippt die Stimme von Frontmann Brugger immer wieder und mutiert gerade in den rockigeren Stücken gerne mal zu einem Gegröle, das sich in einer Kneipe oder im Stadion sicherlich gut macht. Aber nicht unbedingt auf einer Bühne. Dazu kommen die oft grasnabenflachen Texte von „Zickezacke zickezacke“ über „Whoah-whoa-ooh“ bis hin zu Plattitüden wie „Du bist du und ich bin ich“ sowie die extrem nervigen Disco-Beats und eine Bühnenshow, die ungefähr so spannend und energiegeladen ist wie das Spiel der Russen bei diesem EM.  Andererseits: Wenn es dem Publikum doch egal ist...

Das macht letztlich alles mit, jubelt über sich selbst ebenso wie über die Sportis und kürt diese trotz eines erschreckend kurzen Konzerts (der offizielle Teil ist schon nach einer Stunde vorbei, mit Zugaben kommt die Band gerade einmal auf 90 Minuten) kurzerhand zum Meister der Herzen. Mit einer derartigen Unterstützung kann einfach nichts schief gehen. Und am Ende zählt eben nicht, wer am schönsten gespielt hat, sondern wer das Runde ins Eckige oder den Wurm im Ohr versenkt hat. Also Punktsieg für die Sportfreunde. Auch wenn da noch jede Menge Luft nach oben ist.

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