Serdar Somuncu: Die Katharsis des Hassismus

Durch Hass zum besseren Menschen werden: Dieses Paradoxon predigt Serdar Somuncu schon seit einigen Jahren. Es zeugt eben von Toleranz, wenn man alle Menschen gleichermaßen verabscheut und beschimpft. Dafür – noch ein Widerspruch – lieben ihn seine Anhänger. In der Beethovenhalle hat der selbsternannte Hassias nun das letzte Kapitel seiner Glaubenslehre eröffnet, mit der er unter dem Titel „H2 Universe - Die Machtergreifung“ noch ein letztes Mal den unemotionalen Massen bekehren und ihnen mit seinem aggressiven, hassianischen Habitus und seinen tiefgehenden Analysen einen Weg zur Transzendenz weisen will. Wenn das Publikum ihm denn folgt. Was aber wie so oft nicht immer der Fall ist.

Somuncu zeigt sich in der Beethovenhalle in Bestform, als einer, der die Psyche des zwischen Wahn und Sinn schwankenden Menschen mit all seinen Ängsten besser zu ergründen versteht als die meisten anderen Kabarettisten. Er versteht das Böse in uns, auch weil er in seiner Kunstfigur genau jenes umarmt und begrüßt. „Ich will den Dreck, die Nutten und das Koks“ schreit er einmal und meint all die Symbole einer Gesellschaft, die auf der verzweifelten Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung ihre Erfüllung im permanenten Rausch findet, um die großen Themen zu betäuben und zu verdrängen. Moral spielt keine Rolle mehr – und Somuncu will vorneweg gehen, will der schlimmste von Allen sein, um durch den Gang durchs Jammertal schließlich stellvertretend für die Welt die Katharsis zu erfahren. Sein gnadenloser Hass und seine überbordende Vulgarität sind die Summe all dessen, was täglich in den Menschen schwelt und gärt. Und so sehr Somuncu sich auch in ihr suhlt, das Bad im Leid und im Schmutz zu genießen scheint, ist es doch sein Ziel, dies zu überwinden.

Echte Jünger erreicht der Hassias damit allerdings nur selten. Es ist eben so viel leichter, zu schimpfen als zu analysieren. Der immer wieder aufkeimende Applaus bei den scharfsinnigen Passagen Somuncus ist nichts gegen den gröhlenden Beifall für die vulgären Ausfälle des 47-Jährigen. Er ist derjenige, der ausspricht, worüber sonst nur hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, der moralischer Zensur und political correctness den Stinkefinger zeigt – die dahinterstehenden Gedanken sind für diese Fans oft irrelevant. Dass Somuncu ihre Reaktionen immer wieder vehement hinterfragt und zum Nachdenken über das eigene Lachen auffordert, verpufft wirkungslos. Am deutlichsten wird dies im zweiten Teil des Abends, in dem Somuncu in die dunkelsten verbalen Tiefen eintaucht, über Mordfantasien und Pornos spricht und irgendwann die entscheidende Frage stellt: „Wollt ihr mehr Schwänze oder mehr Politik?“ Die Antwort ist eindeutig. Und entlarvend. Lieber ein HB-Männchen als einen Aufklärer, lieber Sex als Diskurs. „Das sind die geilsten Abende, wenn die Leute kotzen vor Lachen, weil sie sich selber wiedererkennen“, kommentiert Somuncu das. Wenn es doch nur Erkenntnis wäre. Dann wäre zumindest der erste Schritt auf dem Weg zum Ziel des Hassismus genommen. So aber scheint Somuncu, der hinter der Maske aus Aggressivität und Obszönität die Seele eines ganz großen Humanisten erkennen lässt, doch immer wieder als kabarettistische Version von Bushido missverstanden zu werden; dabei ist er vielmehr jemand, der den Hass der Welt in einer Figur kanalisiert, um den Menschen die Lächerlichkeit des eigenen Wutbürgertums und des latenten Extremismus in all seinen Ausprägungen vor Augen zu führen. Was er von seinem Publikum fordert, ist ein klares Nein. Was er leider viel zu oft kriegt, ist ein johlendes Ja.

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