Stacie Collins: Nashville-Sounds nach Schema F

Auf den ersten Blick wirkt alles normal: Die Haare fliegen, die Mundharmonika jault, der „southern rockin', harp-howlin', twang-banging' rock'n'roll“ will weiterhin dem braven Country-Pop von Taylor Swift oder Carrie Underwood Paroli bieten. Doch während es Stacie Collins bei früheren Auftritten in der Harmonie dank ihres Charmes, ihrer Laszivität und ihrer guten Laune immer noch gelang, die musikalische Beliebigkeit ihrer Songs einigermaßen zu überspielen, blättert dieser Lack inzwischen sichtbar ab. Müde wirkt sie, verlebt, ihr Gesang bei aller ihr zugestandenen Energie aufgesetzt und bemüht.

Die Songs werden im wahrsten Sinne des Wortes abgearbeitet, der Schal am Mikrofonständer dient immer öfter als Schweißtuch denn als Zierde – und es ist schon bezeichnend, dass jenes Stück, das abgesehen von einigen rockigen Covernummern am überzeugendsten und authentischsten wirkt, den Titel „It's Over“ trägt. Hier legt sich Collins endlich einmal in den Song hinein, scheint ihn ehrlich zu fühlen. Und zieht doch nicht die notwendigen Konsequenzen, bevor es wirklich zu spät ist.

Stattdessen setzt Collins weiterhin auf Nashville-Klänge nach Schema F. Standard-Rhythmen, Standard-Riffs, Standard-Melodie. Handwerklich solide, aber nicht sonderlich spannend. Von Emanzipation oder gar von Revolution kann keine Rede sein – ganz im Gegenteil greift die Dame mit dem Cowboy-Hut bei „Heart On My Sleeve“ derart tief in die klischeebehaftete Schlagerkiste, dass auch dem letzten Hardcore-Fan klar werden dürfte, wie sehr die einstige Outlaw-Band im Tennessee-Mainstream verwurzelt ist. Dabei können Collins und ihre Mitstreiter auch anders; vor allem Gitarrist Jon Sudbury und Drummer Ryan McCormick drehen immer dann so richtig auf, wenn die Gangart doch mal etwas härter wird und sie zudem selbst ans Mikro dürfen. Was interessanterweise vor allem bei einigen Cover-Versionen der Fall ist.

 

So singt McCormick „Keep Your Hands To Yourself“ (von den Georgia Satellites) mit sichtlichem Gusto und schön angerautem Organ, während Sudbury beim Hendrix-Cover „Fire“ ran darf und unter Beweis stellt, dass er seine Stimmbänder ebenso beherrscht wie seine Gitarrensaiten. Auch bei „Bright Lights, Big City“ haben die beiden ihren Spaß – ebenso wie das Publikum, zumal Stacie Collins mit ihrer Bluesharp durch den Saal wandert und endlich einmal auf Tuchfühlung geht. Doch während die Band jetzt erst so richtig aufgewacht ist, sieht sie wieder erschöpft aus, ausgelaugt. Gut, für zwei Zugaben reicht es noch, inklusive des AC/DC-Klassikers „It's A Long Way To The Top“, den Collins schon lange im Repertoire hat und der bei allen Rock-Fans automatisch Endorphine freisetzt. Doch dann, nach gerade einmal 100 Minuten, ist Schluss. Die Luft ist raus, die Energie aufgebraucht. Und das ist einfach zu wenig.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0