Hannes Wader: Bissige Zeilen zu heiteren Klängen

Die Schönheit dieser Welt ist vielfach nur Fassade, Schmerz, Leid und Pein liegt unterm Sonnenschein. Und Hannes Wader singt dazu die Lieder, lässt bittere Texte scheinbar harmlos sein. Im nahezu ausverkauften Brückenforum zeigt sich der alte Barde nun so scharfzüngig wie schon lange nicht mehr, klimpert zwar, allzeit wohlgemut, heitere Melodien auf seiner Gitarre, setzt aber inhaltlich oftmals den Kontrapunkt. Das Mittelmeer mit seinen weißen Touristenstränden wird da für manchen zum Alptraum, hinter der Fassade des urigen Gutshofs lauern Nazis und Kinderschänder. Die Idylle wird zur Bedrohung – und Wader einmal mehr zum sanft singenden Mahner, der musikalisch eben jene Illusion schafft, die er dann mit seinen Versen elegant dekonstruiert.

Natürlich ist das nur ein Teil des Waderschen Schaffens. Aber eine wichtige. Blieb diese Seite bei seinem letzten Besuch in Bonn noch verborgen, ist sie jetzt wieder da und bildet einen exzellenten Gegenpol zu den lyrisch-romantischen Stücken, denen sich der große Liedermacher seit jeher leidenschaftlich widmet. Mehr noch: Wader scheint jetzt erst wieder vollständig Wader zu sein, ist ebenso kritisch wie poetisch, zeigt alle Facetten seines Könnens und geht dazu auch immer wieder herrlich selbstironisch zu Werke. Mal arbeitet er mit leichtem Calypso-Rhythmus sein Verhältnis zu Frauen auf, denen er als Stalker, Blockflötist und Rilke-Schleimer einfach nicht beizukommen weiß, dann wieder setzt er sich genüsslich und ausgiebig (nach eigener Aussage hat das Stück inzwischen 25 Strophen, von denen er nur ein paar ausgewählte präsentiert) mit dem eigenen Tod auseinander. Fabelhaft. Dazwischen dann die gewohnt verklärten volksliedhaften Lieder, die an Eichendorff angelehnte Beschreibung des Teutoburger Waldes etwa oder die Hommage an Waders alte Wahlheimat Ostfriesland. Idylle ohne Hintergedanken. Darf ja auch mal sein.

Großartig wird Hannes Wader aber gerade dann, wenn er die vertrauten Pfade verlässt und alte Tugenden aufgreift. So hat er erstmals seit 20 Jahren wieder einen neuen Talking Blues im Gepäck, in dem er der Arbeiterklasse seine Solidarität zusichert, sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung wendet und dabei so kämpferisch klingt wie zuletzt in den 70ern. Auch „Das kleine Gartentor“, eine bittersüße Ballade mit tieftraurigem Ausgang, bei der Wader ausnahmsweise das sonst von ihm so geschätzte Dur verlässt und auch mal dem Moll eine Chance gibt, ist ein Meisterwerk. Und dann ist da noch das irisch angehauchte „Folksinger's Rest“ samt dem eingebetteten Dubliners-Song „Maids when you're young“. Drei neue Stücke, die einmal mehr unter Beweis stellen, warum der 72-Jährige trotz kleinerer, geschickt umspielter Schwächen in Intonation und Fingerfertigkeit noch immer zu den Besten seiner Zunft gehört. Zusammen mit den Klassikern wie „Traum vom Frieden“ (den Wader mit Ed McCurdys Original „Last Night I had the strangest dream“ mischt), „Schon so lang“ und natürlich „Heute hier, morgen dort“ verzaubert diese Mischung das Publikum. Auch Wader merkt das, gibt gleich vier Zugaben, singt mit dem Saal „Sag mir wo die Blumen sind“, bevor er als „King of the Road“ von dannen zieht. Gutes bleibt eben manchmal doch, wie es war.

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